100 Jahre „Tempel des Unterrichts“

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Wesel..  Die Weseler nennen ihre Schulen meist nüchtern nach den Straßen, an denen sie liegen. Die Böhlstraße kennt nicht jeder, die Böhlschule schon eher. Sie ist zu einem Begriff geworden. 100 Jahre besteht sie, hat Generationen geprägt, Zeitläufe und Schicksale erlebt. Und jetzt, wo gefeiert wird, heißt sie - noch unpersönlicher - Innenstadtschule.

Wesel, man mag es kaum glauben, war mal reich. Nicht nur im Mittelalter, sondern auch nach dem Ende der Festungszeit 1889. Da war Platz, neue Schulen zu bauen. Die größte und modernste darunter war die Böhlschule. Weil die evangelische Volksschule neben der Mathena-Kirche an der Ecke Kreuzstraße/Brandstraße mit 17 Klassen zu eng wurde, beschloss der Stadtrat 1908 einen Neubau auf einer Bastion der Festungsanlagen zwischen Mölderplatz und Böhlstraße.

Mit erheblichem Aufwand wurde der Baugrund vorbereitet. Man entdeckte einen geheimnisvollen unterirdischen Gang, musste Mauerwerk sprengen. Nach zwei Jahren war das Gebäude aus Tuffstein und holländischen Klinkern mit Türmchen und geschwungenen Giebeln fertig. Prächtig sah es aus, so, wie man sich repräsentative Architektur der Gründerzeit vorstellt. Wie andere Gebäude jener Zeit auch - etwa die Bahnhöfe - sollten Schulhäuser Eindruck machen. Jeweils verschiedene Baustile wurden dafür angewandt. „Das Geld war da“, so Stadtarchivar Dr. Martin Roelen.

20 Klassenzimmer, einen Zeichensaal, einen Raum für handwerklichen Unterricht, Rektor-, Lehrer- und Lehrerinnenzimmer (hübsch getrennt), Sammlungsräume, Hausmeisterwohnung und gar ein Schulbad umfasste das Innere.

Bei der Einweihungsfeier am 23. Oktober 1912 wünschte Bürgermeister Ludwig Poppelbaum, dass hier „ein kernfrisches deutsches Geschlecht heranwachse“. Und Rektor Wilhelm Grube bedankte sich für den „neuen Tempel des Unterrichts und der Erziehung“.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Schule zeitweilig zum Reservelazarett, im Zweiten Weltkrieg wurde sie weitgehend zerstört. Im Mai 1948 begann wieder der erste Unterricht. Die Pergamentschule und die damalige Hilfsschule wurden mit aufgenommen, und aufgrund der Flüchtlingskinder aus den Ostgebieten kletterte die Zahl der Schüler auf über 1000.

Die Schulreform der sechziger Jahre machte aus der Volks- eine Grundschule, die sich ab 1968 in eine evangelische und eine katholische gliederte.

Am Freitag, 2. November, wird gefeiert- mit Reden, Tanz und Gesang der Kinder. Fast wie vor 100 Jahren. Die gerade neu gebildete, nicht mehr konfessionell gebundene „Gemeinschaftsgrundschule Innenstadt“, von Astrid Wahl-Weber geleitet, steht vor einem neuen Kapitel Schulgeschichte, vor neuen Herausforderungen wie etwa das Thema Inklusion. Nur ihr jetziger Name darf nicht bleiben. Das hat die Böhlschule nicht verdient.

 
 

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