Wenn das Ich auf der Strecke bleibt

Gesundheitsreport
Gesundheitsreport
Foto: WP
Was hat ein Schnellkochtopf mit psychischer Gesundheit zu tun? Sehr viel, sagt Dr. Josef Leßmann, der am Freitag den Gesundheitsreport der DAK mitvorstellte.

Warstein.. „Mehr Rücken“ – so ließe sich der Gesundheitsreport der DAK für den Kreis Soest kurz und knapp überschreiben. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, denn hinter Rückenschmerzen stecken nicht selten tiefer gehende zwischenmenschliche Probleme oder Erschöpfung. Was das für die Arbeitswelt bedeutet und wieso ein Schnellkochtopf da helfen kann, das erklärten der Ärztliche Direktor der LWL-Klinik, Dr. Josef Leßmann, und der Leiter des Servicezentrums der DAK, Wolfgang Rellecke, gestern in Suttrop.

Wie steht es um den Krankenstand in der Region? – Das hat die DAK in ihrem aktuellen Gesundheitsreport untersucht und dabei auch hinterfragt, aus welchen Gründen sich Arbeitnehmer in unserer Region am meisten krank melden. Und da fällt eines deutlich auf: „Die Menschen haben deutlich mehr Rückenprobleme als noch in den Vorjahren“, so Wolfgang Rellecke von der DAK. Um sechs Prozent stieg die Anzahl der Arbeitnehmer im Kreis Soest, die wegen einer Muskel-Skelett-Erkrankung krankgeschrieben wurden. Wer da sofort an die eigene krumme Haltung vor dem Computer denkt, den mag das nicht verwundern.

„Rücken“ kann vieles sein

Doch Dr. Josef Leßmann möchte die Diagnose „Rückenschmerzen“ nicht allein als köperliches Gebrechen verstanden wissen: „Oft stecken dahinter noch ganz andere Faktoren, wie beispielsweise zwischenmenschliche Kommunikationsprobleme am Arbeitsplatz oder Zuhause. Es ist ganz wichtig, zu schauen, was sich dahinter verbirgt. Auch die pure Erschöpfung kann der Grund für Rückenschmerzen sein.“ Ein stressiger Job, viel zu viele Aufgaben auf einmal und dazu die private Lebensplanung und Freizeitgestaltung – wie schnell in der heutigen Welt Erschöpfung eintreten kann, spiegelte in den vergangenen Jahren der fast schon inflationär benutzte Begriff „Burnout“ wider.

Chronische Erschöpfung

Auch dazu liefert der Gesundheitsreport einen Überblick: „Burnout ist offensichtlich kein Massenphänomen“, so Wolfgang Rellecke, „im Jahr 2012 haben Ärzte in Nordrhein-Westfalen nur bei jedem 540. mann und jeder 390. Frau ein ‘Ausbrennen’ auf der Krankschreibung vermerkt.“ Überhaupt: Burnout als „Krankheit“ zu beschreiben, sei schwierig. Vielmehr sei es eine Art Risikozustand. Dr. Leßmann erklärt: „Die Diagnose ‘Burnout“ verbirgt ganz oft eine Depression, vielleicht eine Persönlichkeitsstörung, vielleicht auch eine Neurasthenie.“ Dieses chronische Erschöpfungssyndrom gehe mit leicht depressiven Tendenzen einher. „Es ist ganz wichtig, dass wir den Realitätsbezug beim Burnout mehr wahrnehmen und fragen, was der Auslöser ist“, mahnt Dr. Leßmann. Umso erschreckender: Die Zahl der Menschen, die wegen einer Depression behandelt werden müssen, steigt seit Jahren an. Diese Fakten finden sich nicht nur im DAK-Gesundheitsreport, wonach die Diagnose „Depression“ achtmal mehr als Grund für Fehltage angegeben wurde als die Diagnose „Burnout“. Auch der Überblick über die psychiatrischen Diagnosen der LWL-Klinik Warstein zeigt: Immer mehr Menschen leiden an einer Depression. Waren es im Jahr 2007 noch knapp unter zehn Prozent der Patienten, die in der Klinik mit einer Depression diagnostiziert wurden, stehen dem im vergangenen Jahr knapp 20 Prozent gegenüber. Wer dann noch in Betracht zieht, dass psychische Erkrankungen die längste Ausfallzeit eines Arbeitnehmers mit sich bringen, dem ist schnell klar: Gerade präventiv muss viel getan werden. Neben den vielen Möglichkeiten der Krankenkassen, die beispielsweise präventive Gesundheitskurse finanziell bezuschussen, sei jeder Mensch dort auch für sich selbst in der Pflicht. „Das ist wie das Prinzip eines Schnellkochtopfes“, erklärt Dr. Josef Leßmann, „das besteht aus drei Bausteinen: der Herdplatte, dem Topf und dem Ventil im Deckel. Der Mensch ist der Topf und als solcher muss er gucken, welche äußere Energie, die Herdplatte, auf ihn einwirkt. Was powert da in mich rein? ist das zu viel? Dann muss ich den Regler verstellen. Gleichzeitig muss ich ‘Ventilpflege’ betreiben. Viele Menschen denken nicht daran, dass sie angestaute Energie positiv ‘rauslassen’ müssen. Das Ventil sollte nicht verstopft sein.“

EURE FAVORITEN