Vorhang auf für eine glorreiche Vergangenheit

Warstein. Vorführraum der Warsteiner Lichtspiele, genannt Kino Wulf. Ab 1925 wurden hier bereits Stummfilme gezeigt. Das Haus an der Hauptstraße 27 wurde seit seiner Erbauung nicht mehr verändert. Im Spätsommer 2010 wurde der Saal vom jetzigen Besitzer entkernt. Alte Filmplakate und Filmreste liegen noch in der Nähe des Projektionsraumes. WP-Foto: Florian Hückelheim
Warstein. Vorführraum der Warsteiner Lichtspiele, genannt Kino Wulf. Ab 1925 wurden hier bereits Stummfilme gezeigt. Das Haus an der Hauptstraße 27 wurde seit seiner Erbauung nicht mehr verändert. Im Spätsommer 2010 wurde der Saal vom jetzigen Besitzer entkernt. Alte Filmplakate und Filmreste liegen noch in der Nähe des Projektionsraumes. WP-Foto: Florian Hückelheim
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Warstein. Von Katrin Bölstler und Florian Hückelheim. Es war die Zeit von Buster Keaton, Greta Garbo und Marlene Dietrich. In einer Zeit, in der noch nicht jeder Haushalt einen Fernseher besaß, boomte das Kino in Warstein. Bis in die frühen Achtziger gab es in einem Radius von einem Kilometer drei Kinos: die Warsteiner Lichtspiele, das Roxy und das Central-Theater.

Vor nunmehr zehn Jahren erlosch das Licht im Saal des Central-Theaters endgültig. Das letzte Lokalkino schloss damit seine Pforten, ein negativer Meilenstein in der kulturellen Geschichte der Stadt. Mehr als 60 Jahre war das Kino von der Familie Mues bewirtschaftet worden.

Da alle der fünf Kinder des Betreiberehepaars die Stadt jedoch direkt nach dem Abitur verlassen hatten, gab es niemanden, der den Familienbetrieb hätte übernehmen können. „Erst starb mein Vater und irgendwann fühlte sich meine Mutter zu alt, das Kino alleine weiterzuführen“, erzählt Anne Dirkes, geborene Mues.

Die heute 50-Jährige erinnert sich noch gut an die Zeit, in der sie jeden Tag nach der Schule in den Vorführraum eilte, um die Filmrolle für die erste Vorführung einzulegen. „Wir hatten keinen Filmvorführer. Diese Aufgabe übernahm immer das älteste Kind. Hatte das eine sein Abitur gemacht, kam das nächste dran“, sagt Dirkes. 1996 übernahm Hermann Fritzen den Betrieb. Der neue Pächter, der bereits zuvor im Kinogeschäft tätig war, hatte hochfliegende Pläne für Warstein. „Er wollte das Ganze ganz groß aufziehen“, erinnert sie sich. Fritzen schaffte es, einen Regisseur zu überreden, seine Filmpremiere in Warstein zu feiern. Der Abend war ein Erfolg – doch der währte nur kurz. Am 31. Oktober 1999 stellte das Central-Theater seinen Betrieb endgültig ein.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte sich der Kleinkunstverein „Der Theaterfreund“ aufgelöst, der elf Jahre lang die Bühne im Vorführraum des Kinos genutzt hatte. Werner Braukmann und Gisela Juraschka standen dem Verein vor. Beide entsinnen sich noch gut an die Zeit, in der heutige Größen wie Michael Quast und Dieter Nuhr in Warstein vor kleinem Publikum spielten.

„Das Haus war optimal für so etwas“, sagt Braukmann. Gisela Juraschka erzählt, wie der Künstler Axel Siefer vom Kölner Theater „Im Bauturm“ beim Betreten des Saals spontan ausrief, dass dies der „schönste Kleinkunstsaal in ganz Nordrhein-Westfalen“ sei. „Das Gebäude“, so Braukmann, „war und ist einfach ein Kleinod.“

Doch schon damals sei der langsame Verfall des Gebäudes immer deutlicher geworden. Willi Mues, Dirkes Vater, hatte das Kino 1928 selbst aufgebaut. Er habe den Saal in der gesamten Zeit nur ein Mal renoviert, nachdem das Kino 1953 in den Raum zog, in dem es sich noch heute in unverändertem Zustand befindet, sagt Tochter Anne.

Der begeisterte Cineast Mues war aber nicht nur mit Leidenschaft sondern auch mit Strategie am Werk: Als das Kino Wulf schloss, kaufte er die dortige Bestuhlung, so dass ohne seine Zustimmung dort kein neues Kino hätte entstehen können.

Die Warsteiner Lichtspiele, wie das „Kino Wulf“ eigentlich hieß, zeigten bereits seit 1925 die ersten Stummfilme mit Klavierbegleitung. „Das, was heute die Untertitel sind, wurde früher von einem Sprecher vorgetragen“, sagt Ernst Grafe, der sich noch gut daran erinnert, wie er für 10 Pfennig 1938 auf den „Rasiersesseln“ direkt vor der Leinwand saß.

Äußerlich hat sich das Haus an der Hauptstraße 27 seitdem nicht groß verändert. Die lange Außentreppe, der Saal – alles ist noch da. Nur die alten Sitzreihen fehlen seit einem Vierteljahr. Dort, wo inzwischen nur noch Bauschutt und ein paar alte Filmplakate an vergangene Tage erinnern, drängelten sich in den 60ern sowohl Warsteiner als auch auswärtige Kinogäste, um Karten für verschiedenen Vorstellungen zu ergattern.

„Meine Eltern schickten mich extra am Samstagnachmittag in die Stadt, um für sie Karten zu kaufen“, sagt Manfred Gödde. Werner Braukmann erinnert sich, dass es für ihn als Jugendlichen das Größte war, am Sonntag direkt nach der Messe um halb 3 ins Kino zu stürmen um gleich darauf um halb 5 im nächsten Kino einen weiteren Film anzusehen.

Als Privatfernsehen und Videorekorder in den Wohnzimmern Einzug hielten, verlor das Kino an Zugkraft. Wer zuvor wegen der Wochenschau, die oft als Vorfilm gezeigt wurde, gekommen war, blieb nun zu Hause. „Das Fernsehen war ein Ersatz, denn im Kino gab es nur einen Film. Im Fernsehen kannst du rumzappen“, sagt Willi Ebel. Der pensionierte Friseur besaß lange Zeit einen Laden gegenüber dem Central-Theater und beobachtete über Jahre hinweg das Kommen und Gehen im Kino Mues.

Die Schlosserei von Carl Hildebrandt hingegen lag nur wenige Meter vom Roxy entfernt. Er teilt Ebels Einschätzung, dass das Fernsehen das Kino in Warstein verdrängt hat. Früher reparierte er „das ein oder andere“ im Roxy und war deshalb mit dem Betreiber Wenke bekannt. „Irgendwann blieben einfach die Leute weg und da die Betreiber vom Roxy keine Kinder hatten, machten auch sie dann den Laden dicht“, sagt Hildebrandt.

Dabei war besonders das Roxy lange Zeit ein sehr beliebtes Kino gewesen. In der Erinnerung vieler Warsteiner sind dabei besonders zwei Ereignisse geblieben, die sie mit dem Kino, das auf dem heutigen Sparkassengelände stand, verbinden.

Während der Filmkunstwochen wurde hier ein Atlas-Film nach dem anderen gezeigt, darunter „La Strada“ von Federico Fellini, „ein absolutes Highlight für jeden Filmliebhaber“, sagt Werner Braukmann. Und Paul Weber erinnert sich: „Als 1963 ’Das Schweigen’ lief, standen da vier Polizisten am Eingang vom Roxy und haben die Ausweise kontrolliert.“ Wahrscheinlich waren die Filme von Ingmar Bergman für die Warsteiner Behörden einfach zu progressiv.

Doch selbst solche filmischen Besonderheiten konnten nicht verhindern, dass auch das Roxy unter zurückgehenden Zuschauerzahlen litt. Das Hochwasser im Juni 1961 zerstörte die Inneneinrichtung fast vollständig. Dennoch nahmen die Pächter Wenke den Betrieb wieder auf – jedoch nur für kurze Zeit. Bevor das Gebäude für den Neubau der Sparkasse abgerissen wurde, wurde es nach dem Einstellen des Kinobetriebs erst noch von den Diskotheken „Rendezvous“ (ab Dezember 1967) und „Babalu“ genutzt.

Inzwischen sind nun schon über zehn Jahre seit der Schließung des Central-Theaters vergangen. Kinofreunde müssen sich nach Meschede, Soest oder Lippstadt aufmachen. Dabei wäre Besitzerin Anne Dirkes nicht abgeneigt, den leerstehenden Kinosaal einem neuen Pächter zur Verfügung zu stellen. Das Problem sind jedoch die hohen Instandsetzungskosten: „Allein um die aktuellen Brandschutzbestimmungen erfüllen zu können, müsste mehr Geld in das Gebäude fließen, als es wert ist“, bilanziert sie. Eine Neubelebung der kulturellen Szene hängt somit am Geld, und rückt damit - aufgrund der klammen finanziellen Lage der Stadt und fehlenden Investoren - in weite Ferne.

 
 

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