Vorbildliche Radspur in Soest soll plötzlich verschwinden

Katrin Figge
Fahrradstraße in Soest: Kommt nach acht Jahren das Aus?
Fahrradstraße in Soest: Kommt nach acht Jahren das Aus?
Foto: Frank Tischhart/Funke Foto Services
Acht Jahre lang schützte in Soest eine ungewöhnliche Radspur die Fahrradfahrer. Jetzt fällt dem Ministerium auf: Die Markierung ist rechtwidrig.

Soest. Seit 2008 gibt es im beschaulichen Soest etwas, dass es wohl nirgends sonst in Deutschland gibt: eine Radspur mitten auf der Fahrbahn. Nicht auf dem Gehweg, und auch nicht am rechten Fahrbahnrand – sondern genau in der Mitte der engen Einbahnstraße. Autos? Kommen nicht vorbei. Genervt ist davon kaum jemand: Die 400-Meter-Strecke ist abschüssig, es gilt Tempo 30. Auch die zweite Radspur, die es seit 2013 gibt, stört Autofahrer kaum.

Jetzt, acht Jahre nach Einführung des Radstreifens, ist das "Soester Modell" dem NRW-Verkehrsministerium plötzlich ein Dorn im Auge. Die Spur sei rechtswidrig, heißt es, und soll weg. Aber warum?

Ministerium ist der Stadt zufällig auf die Schliche gekommen

Offenbar ist das Ministerium der Stadt nur zufällig auf die Schliche gekommen. Auf welchem Wege, das ist unklar. Manfred Scholz (Fahrradbeauftragter der Stadt Soest) vermutet: Nachdem Bad Säckingen nahe der Schweizer Grenze 2015 einen Radstreifen nach Soester Vorbild angelegt hatte, sei die Spur von der Bezirksregierung Freiburg gleich wieder untersagt. "Ich hatte rein zufällig vor einer Stunde ein langes Telefonat mit Bad Säckingen, die sich sogar dafür entschuldigen wollten, dass sie jetzt Schuld seien an dem, was gerade passiert", erklärt Scholz.

Stadtsprecherin Judith Keinemann hält auch eine andere Hinweis für möglich. Vor wenigen Wochen hatte Castrop-Rauxel in Düsseldorf angefragt, ob so ein Radstreifen auch dort möglich sei. Im Zuge dessen fiel dem Ministerium wohl auf: Die Markierung verstößt gegen die Straßenverkehrsordnung – aber nicht, weil sie in der Mitte der Fahrbahn liegt, sondern weil es sie überhaupt gibt. Solche "Schutzstreifen" sind in Tempo-30-Zonen nämlich nicht erlaubt.

2008 hatte die Stadt Soest nicht lange gefackelt, sondern gehandelt. Eine Anfrage beim Ministerium habe man damals nicht gestellt, so Keinemann.

Die Radstraße hat nämlich eine Vorgeschichte: Ein damals 27-Jähriger hatte nach einem Unfall wochenlang in Koma gelegen. Er war mit seinem Rad dicht an einem geparkten Auto entlanggefahren, als die Fahrerin aus Oberhausen plötzlich die Tür öffnete.

Straße ist eigentlich zu eng zum Überholen

Das sei nur deshalb passiert, meint Olaf Steinbicker (Abteilungsleiter Stadtentwicklung und Bauordnung), weil die Straße selbst zu eng sei. Entweder, Radler fahren dicht am Parkstreifen vorbei – oder sie fahren so weit auf der Straße, dass kein Auto überholen kann. Den Mindestabstand (1m) kann ein Auto beim Überholen aber in keinem Fall einhalten.

Die Radspur war also eine klare Entscheidung für die Sicherheit der Soester Radfahrer. Und sie funktioniert: Unfälle gab es auf beiden Strecken seitdem nicht mehr, weiß Steinbicker. Autofahrer und Radfahrer hätten sich schnell an die neue Situation gewöhnt.

Soest bekam Preis für vorbildliche Radspur

Wie es jetzt weitergeht, weiß Stadtsprecherin Keinemann noch nicht. "Wir fänden es natürlich schade, wenn wir die Spuren überpinseln müssten", meint sie. Freiwillig werde die Stadt das sicher nicht tun. Ein Gespräch mit der Bezirksregierung findet in den kommenden Tagen statt. "Vielleicht merkt das Ministerium ja noch, wie sinnvoll die Spur ist", so Keinemann. Zumindest auf Bestandsschutz für die beiden Spuren auf Jacobistraße und Nottenstraße hofft die Stadt.

Alles andere wäre auch seltsam: 2013 bekam Soest wegen der vorbildlichen Radspuren den Deutschen Fahrradpreis. In der Jury saß auch ein Vertreter des Verkehrsministeriums.