Thomas Jöllenbeck und ein "Walk zum Turm"

In der Reihe "Talk am Turm" hat sich Warsteins Redaktionsleiter Hans-Albert Limbrock diesmal mit dem Warsteiner Professor Dr. Thomas Jöllenbeck getroffen. So wurde aus dem Talk am Lörmecketurm schließlich ein "Walk zum Turm".

Warstein. Ich bin Sportler durch und durch. Pünktlich um 18 Uhr sitze ich jeden Samstag vor dem Fernseher und gucke die Sportschau. An guten Abenden gehe ich zu später Stunde mit einer Tüte Chips und dem Aktuellen Sportstudio in die schweißtreibende Verlängerung. Sonntags ist ein Besuch der Heimspiele meines eigenen Vereins regelmäßiges Pflichtprogramm. Da stehe ich dann mit einer Bratwurst in der einen und einer kalten Flasche Bier in der anderen Hand am Rand und rege mich fürchterlich darüber auf, dass die Spieler von heute einfach nicht mehr bereit sind, sich den A…. aufzureißen. Da waren wir anders...

In der Woche werden dann noch munter die Spiele der Champions und Europa League geguckt; und zur Not sogar DFB-Pokal. Ich hatte sogar mal kurz überlegt, mir den Bezahlsender Sky zu zulegen. Aber meine Frau war der Meinung, dass man es mit dem Sport auch übertreiben könne.

Und weil derart viel Sport seine Wirkung auf der Waage zeigt, bewege ich mich zwei- bis dreimal in der Woche sogar richtig: 10 Kilometer Laufen, 40 Kilometer mit dem Trekkingrad. Deshalb war ich auch höchst interessiert, als ich gelesen habe, dass der Warsteiner Professor Dr. Thomas Jöllenbeck ein völlig neues Sportgerät auf Herzen und Nieren testet: den Crossshaper. Bis zu einem Talk am Turm, der dann zu einem Walk zum Turm wurde, war es nur ein kurzer Anruf.

Am Parkplatz Lörmecketurm bittet der Frühling zum Tanz. Es ist angenehm war. In der Luft hängt der Geruch von frischer Wäsche: „Persil - Sauerländer Waldluft“. Kurz vor unserer Ankunft ist ein warmer Frühlingsregen niedergegangen. Man kann hören, wie die Natur ihre Muskeln spannt und sich auf den baldigen Ausbruch, auf den wir so lange gewartet haben, vorbereitet.

Auf den ersten Blick erinnern die Geräte, die Thomas Jöllenbeck aus dem Kofferraum seines BMW-Kombi zaubert, an eine Kombination aus Gehhilfen und Walking-Stöcken. Auffallend: die Räder am Ende der Stöcke. Der Prof passt die Crossshaper an meine Größe an und schon kann es losgehen. „Ich habe noch etwas dicke Arme von meiner gestrigen Runde“, gesteht der Sportwissenschaftler und stiefelt los.

Ich selbst soll meine Arme erst einmal ganz lockerlassen. „Irgendwann kommt dann der Punkt, dass man mit den Armen was machen will. Lassen Sie sie dann einfach locker mitschwingen.“ Offenbar habe ich den entscheidenden Punkt verpasst. „So ganz kommen wir (und damit meint er nur mich) noch nicht hin. Ich zeige Ihnen mal das Video vom Hersteller.“ Auf seinem Handy schauen wir uns gemeinsam die Animation des „Erfinders“ Dr. Georg Kaupe (Bonn) an. Aha, so geht das also. Im Prinzip ganz einfach.

Neuer Versuch. Schließlich soll dieses Gespräch vor Einbruch der Dunkelheit beendet sein. Nach wenigen Schritten habe ich das Gefühl, dass das Sportgerät und ich zu einer äußerst harmonischen Symbiose verschmelzen. Der Professor offenbar nicht; er schaut immer wieder kritisch von der Seite aus herüber. Zufriedenheit sieht anders aus. „Die Arme enger an den Körper!!!“

Aber das ist jetzt zweitrangig. Im Mittelpunkt soll ja nicht ein echter Praxistest stehen, sondern das Gespräch. Wo kommt er denn eigentlich her, der Herr Professor? „Wuppertal. Dort bin ich geboren und aufgewachsen.“ Dort ist er zur Schule gegangen. Dort hat er studiert, hat geheiratet und ist zweifacher Vater geworden. „Ursprünglich habe ich Physik und Sport fürs Lehramt studiert. Über die Schiene Physik bin ich dann zur Bewegungslehre, der Biomechanik, gekommen.“ Nach der Promotion 1992 war der Weg in die Forschung dann irgendwie vorzeichnet und mit der Habilitation 2001 auch abgeschlossen. „Bei mir hat sich schon immer alles um den Sport gedreht“, outet sich Jöllenbeck als mein Bruder im Geiste: „Ich habe Fußball, Handball und Volleyball gespielt, bin Ski gefahren und war auch noch zehn Jahre lang Schwimmlehrer.“

An dieser Stelle unterscheiden sich unsere sportlichen Ambitionen dann doch ganz wesentlich: Ich habe eigentlich immer nur gekickt und statt Schwimmen sind wir meist Baden gegangen…

Wir müssen unseren rasanten Weg zum Turm kurz unterbrechen, weil Fotograf Tim Cordes Mühe hat, unseren raumgreifenden Schritten zu folgen. „Na, schon schlapp?“, frotzelt der Schwerbepackte – immerhin wiegt seine Kameraausrüstung gute 10 Kilo - und eilt vorbei, um uns endlich von vorne fotografieren zu können. Wir gönnen ihm einen kleinen Vorsprung und setzen unseren Weg fort.

Kurz nach der Habilitation – also der Ernennung zum Professor – hat Professor Jöllenbeck damit begonnen, in Bad Sassendorf in der Klinik Lindenplatz das Institut für Biomechanik aufzubauen. „Im Reha-Bereich sind wir einmalig in Deutschland.“ Hier kann der 53-Jährige seine beiden beruflichen Obsessionen – Sport und Wissenschaft - endlich in optimaler Kombinationen vereinen. „Das Institut für Biomechanik ist eine Leistung, die die Klinik sich könnt. Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal.“ Was sich auch in Zahlen niederschlägt: jährlich 4000 Patienten, die meisten mit neuer Hüfte oder neuem Kniegelenk, eine Auslastung von über 98 Prozent. „Wir gehören damit zu den Topkliniken in Deutschland.“

Der erste Forschungsauftrag, den sich der Sportwissenschaftler selbst auferlegt hat, war die Untersuchung des Einsatzes von Krücken, Pardon: Gehhilfen oder noch besser: Unterarmstützen. „Die meisten setzen die ja völlig falsch ein“, weiß der Wissenschaftler. Aufgrund der Untersuchungsergebnisse von Jöllenbeck und seinen Mitarbeitern wurde ein neues Trainingsverfahren erarbeitet, von dem die Patienten der Klinik nun nachhaltig profitieren.

Die nächste Untersuchung hat dann bundesweite Beachtung gefunden und ist im Grunde dafür verantwortlich, dass Dr. Kaupe den Cross­shaper entwickelt hat. „Es war ein offenes Geheimnis“, so Jöllenbeck, der erstaunlich flüssig neben mir her gleitet und in seinen Bewegungen an einen Ski-Langläufer erinnert, „dass vieles, was man über das Nordic Walking erzählt hat, nicht stimmen kann.“

Was mich nicht sonderlich wundert, denn ich konnte diesem „Herumlatschen“ mit Stöcken noch nie sonderlich viel abgewinnen. Und dass das auch noch Sport sein soll, war mir schon immer schleierhaft. Der Professor scheint Gedanken lesen zu können: „Grundsätzlich ist es natürlich zu begrüßen, dass so viele Menschen durch die Walkingstöcke überhaupt zum Sport gekommen sind.“ Allein in Deutschland sind es geschätzte 3 Millionen. „Nur: Die meisten setzen die Stöcke völlig falsch ein. Deshalb war es an der Zeit, das wissenschaftlich nachzuweisen.“

In die Datenbank des Instituts für Biomechanik wurden in der aufwendigen Untersuchung 60.000 Schritte eingespeist, 20.000 von ihnen analysiert. Ergebnis „Der falsche Einsatz der Stöcke ist kontraproduktiv, das geht in die Gelenke, weil die Kraft ja nicht richtig eingesetzt wird, sie bremst. Erst wenn die Stöcke wie beim Ski-Langlauf nach hinten weggedrückt werden, hat es einen positiven Effekt.“ Und genau diesen Effekt unterstützen die Cossshaper nachhaltig. „Es handelt sich hier nach unseren ersten Erkenntnissen um eine deutliche Weiterentwicklung und Optimierung des Nordic Walking.“ Das soll nun mit einer erneuten und ebenso aufwendigen Studie in Bad Sassendorf wissenschaftlich untermauert werden.

Inzwischen sind wir am Lörmecketurm angekommen, wo wir Zeugen eines besonderen Schauspiels werden. Drei junge Leute aus Olpe nutzen den 35 Meter hohen Aussichtsturm zum Klettern. „Sachen gibt es“, schüttelt der Wissenschaftler verwundert den Kopf und erzählt, dass er hier oben schon mal auf vier Flitzer gestoßen ist. „Die waren völlig nackt. Das fand ich schon befremdlich. Da war ich in der Tat überrascht.“

Keine Überraschung ist es, dass wir noch einen Rückweg vor uns haben und da interessiert weniger die Wissenschaft als vielmehr die Frage, warum jemand aus Wuppertal, der in Bad Sassendorf arbeitet, nach Warstein zieht? „Zunächst bin ich ein Jahr lang gependelt. Aber das wurde dann irgendwann zu viel.“ Also hat der Jöllenbecksche Familienrat einen Zirkel genommen und einen Kreis um Bad Sassendorf geschlagen: „Ich wollte täglich nicht länger als dreißig Minuten fahren müssen.“ Noch wichtiger waren ihm und seiner Frau aber eine entsprechende Infrastruktur: Schule, Kindergarten. „Es gibt zwar auch schöne Locations in Soest oder Lippstadt. Aber die Gegend dort war uns irgendwie zu platt.“ Deshalb Warstein. „Wir kommen ja aus dem Bergischen Land.“ Bereut haben sie diese Entscheidung bis heute nicht. „Wir fühlen uns hier wohl.“ Dass der Professor zur Innenstadtentwicklung und zur Stadtpolitik eine sehr dezidierte und pointierte Meinung hat, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden…

Ein Hinweis noch für Statistiker: Für die 6,58 Kilometer hin und zurück haben wir knapp 90 Minuten gebraucht - allerdings haben wir diverse Gesprächspausen eingelegt. Dabei hat jeder von uns 461 Kilokalorien verbraucht. Woher ich das weiß: Frag doch mal die App...

 
 

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