Tauchen im Möhnesee - "Man sieht nicht die Hand vor Augen"

Volontär Tobias Appelt ging mit den Sporttauchern vom Möhnesee auf eine spannende Entdeckungsreise.
Volontär Tobias Appelt ging mit den Sporttauchern vom Möhnesee auf eine spannende Entdeckungsreise.
Foto: WP
Die Frage, warum Taucher in einem See tauchen, in dem man phasenweise nicht einmal die Hand vor den Augen sieht, scheint auf den ersten Blick berechtigt. Die Mitglieder vom Verein „Sporttaucher Möhnesee“ tun dies jedoch seit 30 Jahren immer wieder. Volontär Tobias Appelt ging mit auf eine spannende Entdeckungsreise und fand heraus warum.

Möhnesee. Mit Daumen und Zeigefinger formt Ingrid Dörnenburg einen kleinen Kreis, dann senkt sie den Daumen nach unten. Es ist das Taucher-Zeichen für: „Alles okay! Bereit zum Abtauchen.“ Und schon verschwindet ihr Kopf unter Wasser. Erst 52 Minuten später wird sie wieder an die Oberfläche kommen. Wassertemperatur: 11 Grad, Tiefe: 3,4 Meter. Schwebeteilchen vernebeln die Sicht. Das Wasser ist grün, das Licht diffus. Phasenweise sieht man nicht die Hand vor Augen. Die Sicht liegt bei einem Meter, höchstens zwei. Orientierung ohne Kompass ist unmöglich.

Selbst Hartgesottene gestehen: Tauchen in heimischen Gewässern ist nicht immer ein Spaß. Dennoch gibt es genug Menschen, die fern von Karibik und Rotem Meer durch Talsperren und Baggerseen paddeln. Warum eigentlich? „Ich kann dabei herrlich abschalten“, sagte die 52-jährige Arnsbergerin bevor sie sich einen Neopren-Anzug überstreifte und mit der schweren Ausrüstung zum Möhne-Ufer ging. „Unter Wasser denke ich an alles mögliche, aber bestimmt nicht ans Büro.“ Und noch einen Pro-Talsperren-Aspekt führte sie an: „Wer hier im Kaltwasser tauchen kann, kann überall tauchen.“

Dörnenburg nimmt Kurs auf eine Plakette aus Edelstahl. Taucher haben sie wenige Meter unter Wasser an einer Steilwand im Fels verankert. Darauf steht „Sporttaucher Möhnesee e.V.“ und das Jahr der Gründung, „1982“. Dörnenburg ist eines der rund 170 Mitglieder, die in diesem Jahr das 30-jährige Vereinsbestehen feiern. Wenn Tauchpionier Peter Hasenbank (58), der den Verein damals gegründet hat, an die Anfangstage des Tauchsports am Möhnesee denkt, spricht er von Jacques Cousteau, selbst gebauter Ausrüstung und kopfschüttelnden Touristen: „Reisebusse haben angehalten, wenn sie uns auf dem Weg zum Wasser gesehen haben.“

Heute ist Tauchen ein Breitensport

Im Vergleich dazu ist Tauchen heute ein Breitensport. Doch den Reiz des Besonderen hat es nicht eingebüßt. „Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt“, beschreibt es Ingrid Dörnenburg, „man sieht Berei-che, die viele andere nie zu Gesicht bekommen.“ Wer hätte zum Beispiel geahnt, dass in der Delecker Bucht in sechs Metern Tiefe eine Statue steht? Die etwa 60 Zentimeter hohe steinerne Dame ist überzogen mit einer grün-glitschigen Patina. Nur an zwei Stellen ist der Bezug abgerieben – Taucher sind oft männlichen Geschlechts. Dörnenburg schwebt langsam daran vorbei, inzwischen ist die Sicht besser geworden.

Fische verstecken sich gut

Die Luftblasen steigen lautlos zur Oberfläche. Kurz darauf passiert sie eine Pyramide aus alten Verkehrsschildern, die in etwa neun Meter Tiefe auf dem Grund installiert wurde: Stop-Schild, Vorfahrt achten, Einbahnstraße. In der Nähe vermodern versenkte Tannenbäume. Ein gutes Versteck für Hechte. Doch wo sind die Fische? „Das hängt immer von der Jahreszeit ab“, gehen mir Dörnenburgs Worte durch den Kopf. Barsche, Hechte, Aale, Rotfedern, Süßwasserkrebse – alles vorhanden in der Möhne. Nur heute zeigen sie sich nicht.

Wir erreichen in elf Metern Tiefe ein Segelboot. Die Tauchschule „Pro Dive“ aus Ense, verantwortlich für den Tauchbetrieb in der Bucht, hat es hier versenkt. Bei Niedrigwasser schaut manchmal der Mast aus dem Wasser. Nicht weit entfernt steht eine Schaufens-terpuppe im Morast, in komplettem Taucher-Dress. Mangels natürlicher Sehenswürdigkeiten schaffen sich sie Unterwasser-Sportler ihre eigenen Attraktionen. Auf dem schlammigen Seegrund wachsen Muscheln und Süßwas-serschwämme. Der Boden wird zunehmend steiniger: Felsbrocken in allen Formen und Größen. Kein Wunder, wir sind in einem ehemaligen Steinbruch. „Die hier geförderten Steine wurden für den Bau der Sperrmauer genutzt“, wird Dörnenburg nach dem Tauchgang erklären.

Wenn wir jetzt die Bucht queren, kommen wir zum „versunkenen Baum“, eine alte Eiche, die ins Wasser gestürzt ist. Da sie vollständig in den Fluten versunken ist, zerfällt sie nur sehr langsam. Stamm und Äste sind mit Muscheln überzogen. Taucher schalten hier ihre Lampen an, um die gespenstische Szenerie zu überblicken. In Tiefen von bis zu 24 Metern kommt kein Tageslicht mehr an. Die Pressluftvorräte werden geringer. Der Tauchgang neigt sich dem Ende zu. Dörnenburg steuert zügig zurück zum Einstieg – und schlägt dabei kräftig mit den Flossen. „Je kälter mir beim Tauchen wird, desto schneller schwimme ich“, sagt sie später. Eine Sieben-Millimeter-Neoprenschicht ist ein guter Schutz gegen die Kälte, wärmt aber auch nur für gewisse Zeit.

Wer es probiert hat, weiß warum

Einmal im Jahr machen die Vereinstaucher vom Möhnesee eine Clubfahrt in wärmere Gefilde, erzählt Dörnenburg später, als sie ihr Equipment wieder im Auto verstaut. An den Urlaubszielen werden dicke Neopren-Anzüge zur Nebensache. Ägypten, Kroatien, Spanien, Australien, Thailand. Gerade erst waren sie auf den Philippinen. Sie schwärmt von glasklarem Wasser mit Temperaturen wie in der Badewanne, bunten Fischen und exotischen Korallenbänken, Zackenbarschen, Barrakudas, Walhaien, Manta-Rochen.

„Und trotzdem gehen wir immer wieder in die Möhne“, sagt Vereinstaucherin Dörnenburg. „Spätestens nächstes Wochenende bin ich wieder hier.“ Wer es einmal ausprobiert hat, weiß warum.

 
 

EURE FAVORITEN