Soester Adoptiveltern scheitern mit Klage

Vor Jahren machte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung den Vorschlag, auf alkoholhaltigen Getränken ein Warn-piktogramm aufzudrucken.
Vor Jahren machte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung den Vorschlag, auf alkoholhaltigen Getränken ein Warn-piktogramm aufzudrucken.
Foto: WAZ FotoPool
Die Adoptiveltern eines alkoholgeschädigten Kindes sind mit einer Schadenersatzklage gegen die Stadt Soest vor dem Oberlandesgericht Hamm gescheitert. Die Ansprüche seien verjährt, entschied jetzt der 11. Zivilsenat.

Soest/Hamm. Die ungewollte Adoption eines alkoholgeschädigten Säuglings kommt häufiger vor, als viele denken, sagt Rechtsanwältin Astrid Doukkani-Bördner aus Neu-Isenburg. Sie hat ein Soester Ehepaar vor dem Oberlandesgericht (OLG) Hamm juristisch vertreten. „Ein sehr tragischer Fall“, sagt sie.

Nun wurde bekannt gegeben, dass die Klage gegen die Stadt Soest auf Schadenersatz in Höhe von 100 000 Euro abgelehnt wurde - weil die Sache verjährt ist. Die Richter seien betroffen gewesen, sagt sie.

Die Geschichte beginnt OLG-Pressedezernent Christian Nubbemeyer zufolge Anfang 1990, als das Paar aus Soest ein neun ­Wochen altes Mädchen adoptiert. Schnell treten Entwicklungs­rückstände und auditive Wahrnehmungsstörungen (AVWS) auf. „Die Eltern dachten zunächst, ihre Tochter hört nicht richtig“, sagt Anwältin Doukkani-Bördner. Bei diesen Menschen werden akustische Impulse, die das Ohr aufnimmt, nicht korrekt an das Gehirn weiter geleitet.

Ende 2007, so Nubbemeyer, wird ein „Fetales Alkoholsyndrom“ (FASD) diagnostiziert - verursacht durch Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft. „Es ist sehr schwierig, mit jemandem zusammenzuleben, der nicht lernen kann, sich an Regeln zu halten und keine sozialen Fähigkeiten entwickelt“, sagt Astrid Doukkani-Bördner.

Das Soester Ehepaar lebt seit mehr als 23 Jahren mit seinem ­Adoptivkind zusammen. Die Anwältin will dem Vater die Telefonnummer des Reporters geben: „Vielleicht ruft er Sie an.“ Am Nachmittag meldet sich der Mann, will nicht seinen Namen und nichts über den Fall sagen. Anhand der Berichterstattung soll seine Familie nicht zu identifizieren sein. Er will sich aber allgemein zu FASD äußern - weil die Kenntnisse darüber äußerst mager seien.

Ständige Anleitung

Menschen mit FASD werden auch „Grenzgänger“ genannt, weil sie sich in einer Grauzone der Zuständigkeiten befinden, zwischen Jugend- und Behindertenhilfe. „Sie können ihr Leben nicht organisieren“, sagt der Soester. Sie bräuchten ständige Anleitung und Überwachung, wobei ihnen die Fähigkeit fehlt, mehrere Anweisungen gleichzeitig zu verarbeiten. Sie hätten keine Sozialkompetenz und verlieren schnell die Impulskontrolle, so dass viele schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Der Westfale kennt zahlreiche Adoptiv-Familien mit einem alkoholgeschädigten Kind, die an der Situation zerbrochen sind. Und er kennt viele, die resigniert haben, „nur noch überleben“ wollen. „Wenn Sie ein Kind haben, das permanent überwacht werden muss, geben Sie Ihr eigenes Leben auf.“

Deutschland ist weltweit gerühmt für sein Sozialsystem. Aber darin findet sich keine Möglichkeit, die Grenzgänger aufzufangen. Das gelte auch für die Arbeitswelt: „Unsere Gesellschaft gibt Menschen, die nicht so leistungsfähig sind wie andere, keine Chance.“ Dabei könnten FASD-Betroffene durchaus anspruchsvolle Tätigkeiten übernehmen, aber eben nur in einer begrenzten Stundenzahl.

Der Soester ist enttäuscht über das OLG-Urteil. Dennoch will er sich nicht zu einem Aktenvermerk des Jugendamtes Soest äußern, den ein deutsches Magazin vor Jahren erwähnt hat. In der Notiz, angefertigt von einer Sachbearbeiterin im Dezember 1989, vier Wochen nach der Geburt des Adoptivkindes, soll stehen: „Die Mutter habe die Schwangerschaft erst im vierten Monat festgestellt und gab an, täglich betrunken gewesen zu sein, und deswegen erfolgte ihre Einweisung in das Landeskrankenhaus Eickelborn.“ Anwältin Doukkani-Bördner bestätigt die Existenz des Vermerks. Der Soester Stadtsprecher Klaus Peter Knäpper stellt dazu fest, dass „das Jugendamt Soest grundsätzlich alle Informationen, die ihm vorlagen, an potenzielle Adoptiveltern weitergegeben hat“.

„Die Behörden mauern“

„Die Behörden in Deutschland mauern“, sagt Anwältin Doukkani-Bördner. Man wisse schon lange, dass Alkohol in der Schwangerschaft das Gehirn schädigt. „Das wollen die Jugendämter nicht sehen, weil sie ansonsten viel mehr im Vorfeld einer Adoption ermitteln müssten.“ Und dann womöglich keine potenziellen Adoptiveltern mehr für diese Kinder finden - und Geld in die Hand nehmen müssten, um andere Lösungen zu finden.

Die Eltern aus Soest sind unverschuldet in die Situation geraten. Und, sagt Anwältin Astrid Doukkani-Bördner, „sie haben eine lebenslange Last zu tragen“.

 
 

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