Seltsam, dafür läuten in der Kirche nicht die Glocken

Jürgen Kortmann
Von links: Pastor Theobald Wiechers, Pfarrer Bernd Götze, Pfarrgemeinderat Dirk Lepper.
Von links: Pastor Theobald Wiechers, Pfarrer Bernd Götze, Pfarrgemeinderat Dirk Lepper.
Foto: WP

Oestereiden. Plötzlich stand die Messe nach altem römischen Ritus und in lateinischer Sprache im Mittelpunkt, ein Verbot durch Pfarrer Bernd Götze an seinen Amtsbruder Pastor Theobald Wiechers, diese abzuhalten – und Wiechers’ Ankündigung, dann seine Stelle aufzugeben.

Wiechers fehlte anfangs in der Versammlung im Pfarrheim Oestereiden: Er musste noch die reguläre Sonntagsmesse in Rüthen halten. „Es wird kaum noch vorkommen, dass man doppelt aufläuft“, meinte Bernd Götze da noch ironisch angesichts der nur noch drei Seelsorger im Pastoralverbund. Tatsächlich hätte die Sitzung auch mit Terminen und Zahlen geendet, wenn sich Irmhild Bertram am Ende nicht sehr grundsätzlich zu Wort gemeldet hätte – und damit eine hochemotionale Diskussion auslöste.

Irmhild Bertram nämlich wollte neulich in der Kirche in Langenstraße eine Kerze anzünden. Dabei platzte sie unerwartet in eine Messe hinein, die gar nicht angemeldet war und zu der für die Gläubigen gar nicht geläutet wurde. Besucht wurde sie von lauter Ortsfremden. Bertram wunderte sich: „Es wird doch wegen allem geläutet, um zu zeigen, in der Kirche ist Leben.“

Es war aber nicht die Ausnahme. In den Pfarrnachrichten steht nichts davon, dass regelmäßig montags und samstags um 8 Uhr diese Tridentinischen Messen in lateinischer Sprache gefeiert werden. Aber im Internet, auf der Seite einer Laienvereinigung, die sich für den traditionellen Ritus einsetzt, wirbt Pastor Theobald Wiechers dafür. Global weiß man also davon, vor Ort aber erst seit letzter Woche.

Kircheneinheit gefährdet

Denn letzte Woche erfuhr Pfarrer Bernd Götze als Vorsitzender des Pastoralverbundes von der Praxis seines Amtsbruders. 2007 hat Papst Benedikt XVI. die Tridentinische Messe als außerordentliche Form der gewohnten katholische Messe erlaubt. Privat darf ein Priester die alte Form feiern, im Erzbistum Paderborn muss der Bischof es aber genehmigen, wenn sie in aller Öffentlichkeit in einer Kirche durchgeführt werden soll. In Paderborn wird zwar geprüft, erfuhr Götze, genehmigt wurde der Fall Langenstraße aber bisher nicht.

Auch die Pfarrgemeinderäte erfuhren erst letzte Woche von den unangekündigten Messen in Langenstraße. Und die sind nicht gewünscht, so der einhellige Tenor heute. Für Bernd Götze war es „eine neue Erfahrung, was an Emotionen da ist“.

Mitten in der Diskussion traf Theobald Wiechers vom Dienst in Rüthen ein. Er wurde von Götze kurz über die bisherige Diskussion in Kenntnis gesetzt. Und Götze wurde in der Sache verbindlich: „Wenn die Einheit der Gemeinden gefährdet ist, dann geht das nicht mehr. Das Ganze ufert aus.“ Es gebe jetzt in den Kirchen im Rüthener Stadtgebiet zwei verschiedene Arten von Gottesdiensten: „Damit ist die Einheit gefährdet.“ Götze verbot Wiechers ab sofort, Tridentinische Messen abzuhalten. Dieses Verbot gilt für alle Kirchen im Pastoralverbund, „es sei denn, der Bischof ordnet etwas anderes an“. Götze betonte, ein Priester dürfe in einer Gemeinde „nur machen, was allgemeiner Konsens ist“.

Aber im Clownskostüm...

Ein kleiner Nebenaspekt, auf den Antonius Wilmesmeier als Vorsitzender des Kirchenvorstandes in ­Langenstraße hinwies: Jede Messe kostet, inklusive Beleuchtung und Heizung, 120 Euro – zu zahlen von den Gemeinden vor Ort.

Wiechers nahm die Kritik wie versteinert zur Kenntnis: „Probleme waren nicht meine Absicht.“ Ja, mit der Veröffentlichung im Internet sei er wohl zu vorschnell gewesen.

Er verteidigte aber die Tridentinische Messe als rechtmäßige Liturgie der Kirche. Seit 2007 habe jeder Priester das Recht und die Freiheit, diese in privater Form zu feiern: „Davon habe ich in den letzten drei Jahren oft Gebrauch gemacht.“ Auch im Pastoralverbund Rüthen gebe es eine Gruppe von Gläubigen, die beantragt hätten, die alte Messe feiern zu wollen. Niemand sei gezwungen, daran teilzunehmen. Und: „Es gibt alle möglichen Formen von Gottesdiensten, bis hin zum Karnevalsgottesdienst. Es bestehen offensichtlich keine Probleme, einen Gottesdienst im Clownskostüm zu feiern. Probleme bestehen offenbar nur, wenn ein Wort Latein gesprochen wird.“ Davon will Wiechers aber weiter Gebrauch machen: „Wenn es hier nicht möglich ist, dann sehe ich für mich keine Perspektive.“ Er zog noch heute in der Gemeindeversammlung öffentlich seine Konsequenzen: Nach seinem Urlaub in 14 Tagen werde er den Personalchef im Erzbistum um eine andere Stelle bitten – „es ist leider nicht anders möglich.“

„Wir kommen uns nicht nahe“, hieß es heute von einer Pfarrgemeinderätin generell über den konservativen Priester: „Er darf sagen, was er will – und macht das entsprechend.“ Auch bei der Praxis der Kommunionhelfer und Messdiener habe er Veränderungen vorgenommen, bei Lesungen – sagte eine kfd-Mitarbeiterin – heiße es nicht mehr wie in der Vergangenheit „liebe Brüder und Schwestern“, sondern nur noch „liebe Brüder“, auch in den normalen Gottesdiensten habe Wiechers andere Riten eingeführt.

Wiechers meinte zum Verhältnis zur Gemeinde, nach einem halben Jahr hier sei er noch in der Phase des „Warming up“. Die Kontakte sind noch spärlich. Hartwig Bertram aber meinte dazu: „Geht der Hirte zu den Schafen – oder wartet der Hirte darauf, dass die Schafe zu ihm kommen?“ Die Situation ist brisant: Eine Frau fragte heute nach, ob in den Pfarrnachrichten nicht veröffentlicht werden könnte, welcher Seelsorger wo und wann im Einsatz sei. Bislang ist dies aus gutem Grund nicht der Fall, um einen Boykott zu vermeiden.