Rüthener finden: 600 Flüchtlinge sind zu viel

Macht sich selbst ein Bild: Der Herrenmeister des Johanniter-Ordens, Oskar Prinz von Preußen (Mitte), wird im Flüchtlingsheim in herzlich empfangen.
Macht sich selbst ein Bild: Der Herrenmeister des Johanniter-Ordens, Oskar Prinz von Preußen (Mitte), wird im Flüchtlingsheim in herzlich empfangen.
Foto: WP

Rüthen.  Erst der Erzbischof, nun der Prinz. Die Rüthener merken selbst durch die rasche Abfolge hochrangiger Gäste, dass sich durch das Flüchtlingsheim etwas in der Stadt geändert hat. Zugleich befürchten sie, dass ihre Gastfreundschaft missbraucht wird. Die Bezirksregierung will die Kapazität der Plätze auf 550 plus Notfallreserve von 50 aufstocken. Thematisiert wurde dies am Donnerstagabend im Sozialausschuss (siehe Bericht unten) und durch Bürgermeister Peter Weiken auch beim Besuch des Herrenmeisters des Johanniterordens.

An Erfahrung gewonnen

Oskar Prinz von Preußen, offizielle Anrede „Ihre Königliche Hoheit“, Urenkel des letzten deutschen Kaisers, ist einer der höchsten Repräsentanten dieses evangelischen, weltweit tätigen Ordens. Er repräsentiert ihn in vielen Ländern, in denen die deutsche Sprache eine Rolle spielte oder spielt, etwa Namibia und die USA. Und nun fand er in Rüthen die Johanniter in einer ganz neuen Rolle vor: In der Flüchtlingshilfe im Ausland vielfältig aktiv, sei sie in Deutschland Neuland. National wiederum stellt Westfalen eine Ausnahmesituation dar. Nachdem die Johanniter durch das Einrichten der Notunterkunft in Rüthen, die binnen Wochen zur Zentralen Unterbringungseinrichtung mit 420 Regel- und 80 Notfallplätzen wurde, Ersterfahrungen machten, sind sie heute in vielen Einrichtungen aktiv. „Wir haben gelernt und Routine gewonnen“, berichtete Regionalvorstand Udo Schröder-Hörster.

„Es ist schön zu sehen, wie die Menschen in Notsituationen zusammenstehen und sich unterstützen.“ So kommentierte Oskar Prinz von Preußen die Berichte über die im September 2014 in 12 Stunden aus dem Boden gestampfte Aufnahmeeinrichtung, das große ehrenamtliche Engagement der Rüthener und das Zusammenspiel mit den Johannitern. Nur hat dieses inzwischen viel gelobte Engagement auch Grenzen. „600 Flüchtlinge in Rüthen überfordern die Bürger und besonders die ehrenamtlich Tätigen“, machte Weiken deutlich. Bei der bisherigen Größenordnung von bis zu 500 Menschen habe man sich gesagt: „Das kriegen wir hin.“

Aus Sicht des Ehrenamtes untermauerte der Vorsitzende des Arbeitskreises Asyl, Bernd Vorderwisch, die Warnung, die Engagierten zu überstrapazieren. „Die Leistungsbereitschaft stößt an Grenzen.“ Vor allem zermürbe der ständige Wechsel der Betreuten. Waren es anfangs vier bis sechs Wochen, die sie blieben, sind es heute zwei bis drei. „Das eine oder andere Angebot wird ein gestellt werden, weil die Kraft nicht mehr da ist“, warnte Vorderwisch. Gemeint ist die Kraft, sich immer wieder auf andere Menschen einzustellen, die beispielsweise Grundlagen der deutschen Sprache vermittelt bekommen.

Auch wenn Peter Ernst von der Bezirksregierung das ehrenamtliche Engagement als „Zusatzleistung“ bezeichnete, ist es unverzichtbar. „Ohne die 150 Ehrenamtlichen hier gäbe es nur eine reine Verwahrung der Menschen“, bekräftigte Wolfram Rohleder vom Bundesvorstand der Johanniter. Dazu soll, darf und wird es nicht kommen – darin war man sich einig bevor sich der Preußen-Prinz in das Goldene Buch der Stadt eintrug. „Es muss ein Weg gefunden werden, die Bevölkerung mitzunehmen. dann wird es auch bei der Akzeptanz bleiben“, so der Appell des Bürgermeisters. Dieser richtete sich vor allem an die Vertreter der Bezirksregierung, die Gastfreundschaft der Rüthener nicht auszunutzen.