Psychologe fordert Mut zu weniger Therapie - LWL-Symposium in Warstein

Professor Michael Linden auf dem 24. Psychotherapie-Symposium des LWL in Warstein
Professor Michael Linden auf dem 24. Psychotherapie-Symposium des LWL in Warstein
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In Deutschland erleben Psychotherapeuten einen regelrechten Run auf ihr Beratungsangebot. Doch sind die Menschen tatsächlich so belastet, frustriert und krank? Professor Michael Linden fordert, der neuerlichen Traumaschwemme ein Ende zu machen. Er sprach auf dem 24. Psychotherapie-Symposium des LWL in Warstein.

Warstein.. Noch vor wenigen Jahren wollte niemand zum Psychologen, seelische Probleme waren alles andere als chic. Doch die Zeiten haben sich geändert, mittlerweile gibt es einen regelrechten Run auf die Zunft der Seelenklempner, wie Psychotherapeuten im Volksmund oftmals heißen. Doch ist die Gesellschaft tatsächlich belasteter, frustrierter, verbitterter – ja kränker als früher?

Um diese Frage kreiste der Vortrag von Professor Michael Linden auf dem 24. Psychotherapie-Symposium des LWL. Lindens Antwort dazu: nein! Die Menschen aber seien befindlichkeitsfixierter – und die Therapeuten damit in der Pflicht. Was das heißt, verdeutlichte Linden so: Probleme habe jeder Mensch, egal ob auf der Arbeit, in familiären Beziehungen oder mit der Gesundheit. Jeder habe schon einmal einen Todesfall erlebt, unter einer Trennung oder gar einer Scheidung gelitten oder unter beruflichem Stress gestanden.

Fehldiagnosen? Öfter als man denkt

Die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz der Psychotherapie führt aus Lindens Sicht dazu, dass immer Menschen sich auf die berühmte Couch legen wollen – in dem festen Bewusstsein: „Mit mir stimmt was nicht.“ Dem entgegnet Linden: „Krankheit ist was anderes als Ärger mit meiner Frau.“ Aufgrund standardisierter Verfahren in der Diagnostik würden aber viel zu viel Menschen für psychisch krank erklärt, obwohl dies nach Untersuchungen von Linden oftmals fehldiagnostiziert sei.

Am Rande des Symposiums nannte Linden im Gespräch ein Beispiel. Ein Patient in Berlin klagte über Atembeschwerden, besonders in Stresssituationen. Der behandelnde Therapeut stellte eine leichte Depression fest. Am Ende stellte sich heraus, dass der Patient Wasser in der Lunge hatte. Die körperlichen Beschwerden hatten keine seelische Ursache. Solcherlei Fälle gebe es häufiger, konstatierte Linden. Deshalb fordert der Leiter der Berliner BfA Klinik Seehof von seinen psychotherapeutischen Mitstreitern: Mut zu weniger Therapie!

Traumaschwemme reduzieren

Unter den Psychologen müsse wieder ein stärkeres Bewusstsein entstehen, sich nicht zu schnell auf die vorgebrachten Beschwerden ihrer Patienten einzulassen. Diagnosen seien nicht ungefährlich, sagte Linden, denn jede Diagnose verpasse dem Patienten das Label eines psychisch Kranken, mit allen Folgen, die dazukommen. Versicherungsabschlüsse zum Beispiel gegen Berufsunfähigkeit oder andere Risikoabsicherungen würden damit erschwert, wenn nicht gar komplett ausgeschlossen.

Linden sprach auch die ökonomische Komponente an. Schließlich bedeute jeder Patient auch Geld. Besonders die Pharmaindustrie habe ein Interesse, ständig neue Krankheitsbilder zu entwerfen. Dies sei dem Absatz dienlich, ebenso wie der Kreation neuer Medikamente. Daher seien die Psychologen besonders gefordert.

Sie müssen die Grenze für den Patienten ziehen, sie entscheiden über krank oder gesund. Nicht jedes negative Erlebnis, nicht jede Krise, nicht jeder Schock führe zu einem behandlungsbedürftigen Trauma. Um die gesellschaftliche Traumaschwemme zu reduzieren, sollten sich die Therapeuten vermehrt trauen, die Diagnose „gesund“ zu stellen.

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