Online-Sucht wird Massenphänomen - Dr. Wildt aus Bochum klärt auf

Die Sucht nach Online-Games betrifft vor allem junge Männer.
Die Sucht nach Online-Games betrifft vor allem junge Männer.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Das Internet ist im Leben der Menschen mittlerweile allgegenwärtig. Neben vielen Vorteilen hat dies auch seine Schattenseiten, das Suchtpotenzial ist enorm. Besonders junge Männer verlieren sich immer häufiger in den Weiten des World Wide Web.

Warstein/Bochum.. Der digitale Wandel hat die Welt revolutioniert. Durch das Internet steht der Menschheit so viel Wissen zur Verfügung wie nie zuvor. Die Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen, sind in den unendlichen Weiten des Netzes schier grenzenlos. Neben der Entwicklung von Sprache sowie der Erfindung des modernen Buchdrucks hat sich das Internet rasend schnell binnen weniger Jahre zur dritten großen Kulturtechnik der Menschheit entwickelt.

Doch die Existenz des World Wide Web bringt auch ihre Schattenseiten mit sich. Mit einer dieser Schattenseiten beschäftigt sich der Psychotherapeut Dr. Bert te Wildt. Der Leiter der LWL-Uniklinik für Psychotherapie der Ruhr-Uni Bochum ist Experte für Internet- und Computerspielsucht. Neben bereits etablierten Abhängigkeiten wie Drogen - , Alkohol -, Spiel - , Kauf- und Handysucht nimmt die Sucht nach digitalen Medien immer mehr zu.

Die Sucht kann jeden treffen

Wer dies lediglich als Problem von Heranwachsenden abtut, täuscht sich: Mittlerweile hat die Abhängigkeit von Internet und PC-Spielen in Deutschland mindestens 550.000 Menschen befallen, die Betroffenen sind in allen Alters- und Gesellschaftssichten zu finden. te Wildt räumt zwar ein, dass die Betroffenen vorwiegend im Jugendbereich anzusiedeln seien, allerdings ist das für den Experten nicht verwunderlich, weil diese von klein auf ganz selbstverständlich mit den neuen Medien groß geworden sind. Dennoch ist klar: Die Sucht kann jeden treffen.

Drei Abhängigkeitsformen sind besonders häufig vertreten: Die Sucht nach Online-Games, die Sucht nach Cyber-Sexkontakten und sowie die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Diese werden laut te Wildt bald offiziell als Diagnose anerkannt, erklärte dieser auf dem 24. Psychotherapeuten-Symposium in der Warsteiner LWL-Klinik.

Die Folgen des stunden -, gar tagelangen Rumhängens vor dem PC sind vielfältig. Viele verwahrlosen, vernachlässigen ihre Körperpflege, gehen nicht mehr in die Schule, zur Arbeit oder isolieren sich von ihrer Umwelt. Übergewicht, Licht - und Vitaminmangel machen sich körperlich bemerkbar. Insbesondere Computerspielsüchtige greifen häufig zu leistungssteigernden Drogen wie Amphetaminen.

Psychische und physische Entzugserscheinungen bei Game-Süchtigen

Besonders junge Männer zwischen 14 und 24 sind betroffen. Diese machen mit einem Anteil von rund 80 Prozent das Gros unter den Game-Süchtigen aus. Psychische und physische Entzugserscheinungen machen sich bei zu exzessivem Konsum bemerkbar. Ständig kreisen die Gedanken um die virtuelle Welt, manche werden aggressiv. Je früher die Sucht auftritt, desto schlimmer sind sind die negativen Konsequenzen. Die Betroffenen verpassen wichtige Entwicklungsschritte, ihnen fehlen die Erfahrungen der realen Welt.

Bert te Wildt erklärt das so: „Im Gegensatz zum Räuber-und-Gendarm-Spielen setzen die Online-Spieler nur zwei Sinne am PC ein, die Regeln des Spiels sind bereits vorgegeben.“ In der Realität erfährt man das Spiel jedoch mit allen Sinnen, muss sich mit seinen Mitspielern auseinandersetzen, gemeinsame Regeln festlegen. Dies schult die die soziale Kompetenz. Ohne diese Erfahrungen wird es schwerer, sich in der realen Welt zu bewegen -– Frustration ist oftmals die Folge.

Den existenziellen Unterschied zwischen digitaler und analoger Welt bringt te Wildt so auf den Punkt: „Im Internet kann man kein Kind zeugen, niemanden lieben und niemanden töten.“ Das Netz darf daher nicht zum alleinigen Lebensmittelpunkt werden.

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