NSDAP-Akten in großen Öfen verbrannt

Geschichten und Erzählungen, die wohl kein Geschichtsbuch in dieser Form sein Eigen nennen kann – neun Zeitzeugen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs in Warstein erlebt hatten, teilten ihre Erinnerungen am Sonntag im Haus Kupferhammer mit der Öffentlichkeit.

Erich Flocke

Warstein. Die Vorstellung davon, was in Warstein vor 70 Jahren passiert ist, bekam etwa auch in Person von Erich Flocke Gesicht und Stimme. Er hatte 1944 eine Ausbildung in der Warsteiner Amtsverwaltung begonnen, war für Buchhaltung, Amtsarbeit und in den Kriegsjahren auch für die Luftschutzwarnzentrale, also die Alarmierung der Bevölkerung, zuständig.

„In den letzten Tagen, die Amerikaner waren schon nah, bekamen wir die Meldung, sämtliche Papiere, Akten und Briefe der NSDAP zu vernichten. Besonders die Personalakten mussten vernichtet werden“, so Flocke. Denn mit den einrückenden Amerikanern starten die Nationalsozialisten letzte Versuche, sich von ihrer Parteikarriere und -zugehörigkeit reinzuwaschen. Mit Schubkarren fuhr Erich Flocke die Akten in die großen Öfen der Warsteiner Brauerei.

Als Erich Flocke die Namen „Mones und Jaros“ erwähnte, lachten einige Warsteiner auf. Die beiden Partisanen aus dem Rheinland hatten es sich zum Ziel gemacht, einstige NSDAP-Mitglieder anzuschwärzen und Netzwerke während der Besatzung aufzubauen. Fast neun Monate saßen die beiden im Warsteiner Rathaus, verschwanden aber ebenso eilig wie sie gekommen waren.

Karl Beleke

Sämtliche Akten mit Hakenkreuzen, Hitlergrüßen und NSDAP-Symbolik musste auch Karl Beleke vernichten. Als Lehrling in der Rüstungsschmiede Siepmann bekam er während der letzten Kriegstage den Auftrag, die Schriften und Akten von Chef und SS-Standartenträger Alfred Siepmann zu vernichten.

Herrlich lebhaft und authentisch schilderte er die letzten Tage, wie er sich in fremden Stallungen vor der Bombardierung schützte und wie ihn seine Mutter ermahnte: „Du musst um zwei Uhr auf dem Marktplatz sein, sonst erschießen sie dich noch.“

Mia Enste

Mia Enste verbrachte die letzten Tage der Bombardierung im Hüttenbunker, der zwischen dem heutigen Edeka-Supermarkt und der Rossmannfiliale gelegen war. „Aber wie man das so macht, haben wir da unser Haus abgeschlossen. Da dachten die Amerikaner, da wäre ein Widerstandsnest“ so Mia Enste. Türen und Fenster wurden zerschossen, „und das war ja der Tag vor Weißen Sonntag. Da haben die uns das ganze Kuchenbuffet durcheinander gebracht.“ So kam es, dass die Erstkommunion in Warstein um eine Woche verlegt wurde, da sowohl die Amerikaner als auch die Warsteiner Bevölkerung unter den schweren Eindrücken der amerikanischen Besatzung standen.

Jürgen Witt

„Bei uns in Allagen fand die Kommunion ganz geregelt statt“ erinnerte sich Zeitzeuge Jürgen Witt: „Aber bei uns waren die Amerikaner ja auch schon einige Tage eher gewesen.“ So zerstörten letzte verbliebene Soldaten dort die Möhnebrücken und flüchteten in den Hirschberger Wald, was für kurzen Artillerie-Beschuss seitens der Amerikaner sorgte. Doch Jürgen Witt musste an selbem Tag in die Allagener Dorfmitte, um für die Familie Brot zu besorgen. „Mit dem Brot unter dem Arm komme ich aus der Bäckerei, da steht direkt vor mir ein Panzer. Der Amerikaner sagte nur ‚Hello Boy‘ – ich habe mir fast in die Hose gemacht und bin weggerannt“, fügte Jürgen Witt lachend an.

Marianne Eberl und Willi Belecke

„Das ging alles ganz flott“, erinnerten sich auch die Geschwister Marianne Eberl und Willi Belecke. Während Marianne von letzten Gefechten auf dem Weg zur Weide überrascht – und zum Glück nicht verletzt – wurde, machte Bruder Willi eine Lehre in der Warsteiner Amtsverwaltung.

„Die Panzer waren rund um die Kirche stationiert. Ich fühlte mich zum Dienst verpflichtet, also bin ich an jenem Sonntag nach dem Einmarsch der Amerikaner wieder zum Amt gegangen“, so Belecke, der dort um 6.30 Uhr seine Schicht begann. Doch was Willi Belecke dort sah, wird er nie wieder vergessen. „Ich gehe dann ins Vorzimmer und von da in das Chefzimmer, da sitzen da zwei Amerikaner und legen ihre Füße auf den Schreibtisch des einstigen Amtsleiters.“ Belecke traute seinen Augen nicht und rannte erst nach dem Zuruf „Go home“ ins Elternhaus zurück.

Langanhaltender Applaus bewies nicht nur den neun Zeitzeugen, dass ihre Vorträge von Authentizität und Lebendigkeit nur so sprühten. Der Applaus zeigte auch, dass die Warsteiner Stadtgeschichte und das Interesse an selbiger ungebrochen ist.

 
 

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