Notunterkunft für 180 Flüchtlinge im Schwesternhaus Rüthen

Tanja Frohne
Unterbringung von Flüchtlingen im ehemaligen Schwesternhaus der Vincentinerinnen in Rüthen
Unterbringung von Flüchtlingen im ehemaligen Schwesternhaus der Vincentinerinnen in Rüthen
Foto: WP
Das Bild erinnert an einen Katastrophenfall: Einsatzwagen der Johanniter stehen vor dem ehemaligen Schwesternhaus der Vincentinerinnen in Rüthen. Helfer schleppen Kisten und tragen Klappbetten in das Gebäude. Es herrscht eine effiziente Hektik. 180 Flüchtlinge aus den Auffanglagern in Bielefeld und Dortmund ziehen spontan hier ein.

Rüthen. Das Bild erinnert an einen Katastrophenfall: Einsatzwagen der Johanniter stehen vor dem ehemaligen Schwesternhaus der Vincentinerinnen, Helfer schleppen Kisten und tragen Klappbetten in das Gebäude. Es herrscht eine effiziente Hektik.

Morgens um 8.30 Uhr hatte Udo Schröder-Hörster, Mitglied des Regionalvorstandes der Johanniter, Bescheid von der Bezirksregierung bekommen, dass das ehemalige Schwesternhaus als vorübergehende Notunterkunft für Flüchtlinge in Betrieb genommen wird, noch am selben Abend die ersten Männer und Frauen aus Syrien und dem Irak sowie Sinti und Roma in Rüthen erwartet werden.

Diese sollen nur wenige Tage im Haus Maria vom Stein, das der Bezirksregierung von den Vincentinerinnen zur Verfügung gestellt wurde, bleiben, dann auf andere Einrichtungen in NRW verteilt werden. An ihre Stelle werden weitere Flüchtlinge treten. Bis Mitte November, so Schröder-Hörster gelte diese Order zunächst.

Bürgermeister Peter Weiken bekam um 9.30 Uhr einen Anruf von Vize-Regierungspräsident Volker Milk, dass am Abend 150 Flüchtlinge im Haus Maria vom Stein erwartet werden. Eine Zahl, die am Nachmittag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von Bürgermeistern und Johannitern schon wieder überholt war: Um 19 Uhr sollten die ersten 140 Flüchtlinge aus den Auffanglagern in Bielefeld und Dortmund nach Rüthen kommen, 40 weitere wurden am späteren Abend erwartet. Mit einer weiteren Aufstockung sei zu rechnen, wurde aus Arnsberg signalisiert. Theoretisch könnten 400 Flüchtlinge in dem Gebäude untergebracht werden.

Kritik von Bürgermeister Weiken an Bezirksregierung

„Was die Bezirksregierung morgens versprochen hat, ist nachmittags nichtig. Das ist kein ehrlicher Umgang miteinander“, kritisierte Weiken einerseits, dass niemand von der Bezirksregierung erschienen war, um Rede und Antwort zu stehen, er außerdem geschönte Zahlen erhalten habe.

„Die Bezirksregierung hatte zugesagt, das hier professionell zu begleiten und jetzt ist niemand hier – das ist nicht vertrauensbildend“, so Weiken. „Natürlich stehen die Menschen im Vordergrund, denen geholfen werden muss. Aber man muss auch die Relationen sehen: 400 Flüchtlinge – das wären zehn Prozent der Bevölkerung der Kernstadt.“ Außerdem hätte er gewünscht, dass man frühzeitig informiert worden wäre.

Unterstützung vom Katastrophenschutz des Kreises Soest 

Zumindest am Vorabend hatte Schröder-Hörster einen Anruf der Bezirksregierung bekommen, mögliche Szenarien für eine Inbetriebnahme des Schwesternhauses zu erarbeiten. Da war man noch davon ausgegangen, dass diese Inbetriebnahme in der kommenden Woche erfolgen würde.

Am Freitagmorgen sah das ganz anders aus: „Die Situation der Flüchtlinge ist so exzessiv, dass sich der RP entschlossen hat, die Aufnahme kurzfristig auf diesen Abend zu verlegen“, sagte Schröder-Hörster.

Die Johanniter – im Einsatz sind Freiwillige aus ganz NRW – zogen den Katastrophenschutz des Kreises Soest zur Unterstützung hinzu, neben der Einheit der Malteser sind außerdem heimische Kräfte von DRK und Freiwilliger Feuerwehr im Einsatz. „Erste Bekleidung, Klappbetten, Babynahrung, aber auch Reinigungsdienst, Küchenhilfen und Sicherheitsdienst – alles ist im Anmarsch.“

Gute Infrastruktur im Vergleich zu anderen Asylunterkünften 

Rund 40 Helfer waren am Freitag im Einsatz und werden im Schwesternhaus mithelfen, bis in der kommenden Woche der Routinebetrieb laufen wird. „Die Grundstruktur steht“, betonte Schröder-Hörster lobte gleichzeitig die Ausstattung des Hauses Maria vom Stein. „Hier gibt es eine räumliche Infrastruktur, die kann sich bundesweit messen mit anderen Asylunterkünften – es gibt teilweise Bäder in den Zimmern, die Heizung läuft. Der Elektriker muss nur noch ein, zwei Dinge regeln.“

Am Abend stand das Essen für 180 Flüchtlinge auf dem Tisch – ohne Schweinefleisch, geliefert von einem Caterer aus Dortmund, der auch zukünftig für die Versorgung zuständig ist. „Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt auf 180 Flüchtlinge vorbereitet, können bei Aufforderung durch die Bezirksregierung aber auf mehr reagieren“, erläuterte Mai Rathje, Abteilungsleiter der Regionalgeschäftsstelle der Johanniter. „Wir werden alles tun, um eine saubere, humane Betreuung zu sichern.“

Rüthener Bevölkerung bietet Hilfe an

Positive Reaktionen kamen schon aus der Bevölkerung. Hilfe wurde den Johannitern angeboten. „Kleidung wird immer gebraucht“, betonte Schröder-Hörster. Diese kann an der Pforte des ehemaligen Schwesternhauses abgegeben werden.

Fast alle Politiker in Rüthen zeigen Verständnis für Flüchtlinge 

Überrascht wurde Franz-Josef Dohle, Fraktionsvorsitzender der BG, von der Nachricht, dass das ehemalige Schwesternhaus der Vincentinerinnen zu einer Notunterkunft für Flüchtlinge wird. „Man muss schnell helfen und kurzfristige Lösungen finden“, betont Dohle. „Die Menschen müssen ja irgendwo untergebracht werden. Und wenn der Eigentümer so hilfsbereit ist – warum nicht.“ Schließlich sei die Unterbringung von Flüchtlingen nichts Negatives für Rüthen.

„Wir sind hier in Rüthen auch in der Pflicht“, steht auch FDP-Vorsitzender Wolfgang Henze der Unterbringung positiv gegenüber. „Bei den Flüchtlingsmengen kann man die Asylsuchenden nicht nur in bestimmte Regionen abschieben. Bisher sind wir hier in Rüthen in einer Art Wolkenkuckucksheim gewesen, was dieses Thema betrifft.“ Außerdem sei es naheliegend, dass sich die Vincentinerinnen, die sich für karitative und soziale Dinge einsetzen, für die Unterbringung der Flüchtlinge ausgesprochen haben.

Verständnis zeigte auch SPD-Fraktionsvorsitzender Johannes Erling. „Irgendwo müssen die Menschen ja bleiben, sie brauchen eine menschenwürdige Unterkunft.“ Mehr Transparenz erwartet er aber von der Bezirksregierung: „Man muss erfahren, was Arnsberg unter ‘übergangsweise’ versteht.

Nur CDU-Vorsitzender Augustinowitz reagiert wütend

Wütend reagierte Jürgen Augustinowitz, Stadtverbandsvorsitzender der CDU, auf die „Überrumpelung“ durch die Bezirksregierung. „Der Umgang der Bezirksregierung mit den Rüthenern ist inakzeptabel. Es kann nicht sein, dass demnächst vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung aus Flüchtlingen besteht.“ Er monierte außerdem, dass kein Vertreter aus Arnsberg für klärende Fragen zur Verfügung stand. „Das ist einfach unverschämt.“