Mitarbeiter zweifeln an Eignung ihres Chefs für Bundestag

Rolf Hansmann
Ingo Westermann kandidiert bei der Bundestagswahl für die FDP.
Ingo Westermann kandidiert bei der Bundestagswahl für die FDP.
Foto: Archiv
Ein Brief dürfte für dicke Luft in der Firma ADS Acrylglas-Design Siegerland GmbH in Wilnsdorf sorgen. In dem Schreiben an den Soester Kreis-Verband zweifeln die Mitarbeiter an der Eignung ihres Chefs Ingo Westermann für den Bundestag. Der 48-Jährige kandidiert im Wahlkreis 146 Soest.

Wilnsdorf/Möhnesee. Mitten im Bundestagswahlkampf erheben Beschäftigte der ADS Acrylglas-Design Siegerland GmbH in Wilnsdorf in einem Schreiben an den Soester FDP-Kreisverband schwere Vorwürfe gegen den FDP-Bundestagskandidaten Ingo Westermann (Möhnesee). Der 48 Jahre alte Unternehmer aus Möhnesee, Bundestagskandidat für den Wahlkreis 146 Soest, weist die Vorwürfe, nicht immer gesetzeskonform zu handeln, weit von sich.

Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang, der sich in diesen Tagen abspielt. Ingo Westermann wirbt im Bundestagswahlkampf offen mit seiner Position als Unternehmenschef: „Arbeitsplätze schafft nicht der Staat (...) - sondern allein der Mensch, der Unternehmer mit einem guten Produkt oder einer guten Dienstleistung und einer motivierten Arbeitnehmerschaft.” Gleichzeitig schreibt ein Großteil seiner Belegschaft an den FDP-Kreisverband Soest und versucht darzulegen, dass sich das in Wahlreden gezeichnete Bild eines verantwortungsvollen Unternehmers nicht im eigenen Betrieb widerspiegelt.

Massive Sorgen um die 15 Arbeitsplätze in Wilnsdorf

Ein Spätnachmittag im Siegerland: Mehr als die Hälfte der ADS-Belegschaft hat sich in einem Privathaus versammelt, um dem Mann von der Zeitung zu berichten, dass man sich massive Sorgen um die 15 Arbeitsplätze in Wilnsdorf macht. Die Kollegen befürchten, dass ihr Chef keine Zukunft für das Unternehmen mit Sitz an Westermanns Wohnort in Möhnesee-Körbecke sieht. Hinter den in dem Schreiben an den FDP-Kreisvorstand erhobenen Vorwürfen, so betonen sie, stünde fast die gesamte Belegschaft. Die Mitarbeiter befürchten Repressalien und bitten deshalb darum, ihre Namen in der Zeitung nicht zu erwähnen.

An den FDP-Kreisvorstand haben sie u.a. geschrieben, dass ihr Chef seine Mitarbeiter anbrülle und beleidige. Dass sie ihren Lohn unregelmäßig und mit Verspätung erhielten. Dass Beschäftigte, die sich krank melden oder Urlaub machen, befürchten müssten, gar kein Geld zu bekommen. Dass es Fälle gab, in denen „Versicherungsbeiträge und Beiträge zu vermögenswirksamen Leistungen vom Gehalt abgezogen, aber nicht an die Versicherungen überwiesen wurden“. Und dass der Chef Fragen zur Zukunft ausweichend beantworte. Die Schlussfolgerung: „Wir, die Mitarbeiter/innen der Firma ADS sind der Meinung, dass ein Herr Westermann, der sich als Firmeninhaber so benimmt, kein Amt als Bundestagsabgeordneter bekleiden sollte.“

Stellungnahme von Westermann

Ingo Westermann nimmt gegenüber dieser Redaktion Stellung. Der Firmenchef, der nach seinen Worten den Wilnsdorfer Betrieb 1996 in einem „überschuldeten und zahlungsunfähigen Zustand übernommen“ hat, sieht in dem Schreiben an den FDP-Kreisverband das Werk einer unzufriedenen Mitarbeiterin. Er kann sich nicht an Beleidigungen erinnern, dementiert, keinen normalen Umgangston an den Tag zu legen und krank gemeldete Mitarbeiter unter Druck zu setzen.

Zum Vorwurf der verspäteten Lohnauszahlung schreibt er: „Seit Jahren besteht die betriebliche Vereinbarung, dass bis zum 10. des Monats eine größere à conto Zahlung an die Mitarbeiter geleistet wird und der Restbetrag nach Abrechnung zum 20. des Folgemonats.“ Dass er krank gemeldeten Mitarbeitern kein Geld zahlt, dementiert er. Ebenso das bewusste Zurückhalten von Überweisungen an Versicherungen.

52 Beschäftigte verloren ihren Job

Die Wilnsdorfer ADS-Beschäftigte befürchten, dass es ihnen wie den Mitarbeitern der Firma Egon Westermann GmbH & Co. KG in Arnsberg-Neheim geht. Das Unternehmen (Geschäftsführer: Ingo Westermann) war 2005 in die Insolvenz gegangen. In der Endphase, berichten mehrere ehemalige Mitarbeiter, habe es unregelmäßige Lohnzahlungen gegeben. 52 Beschäftigte verloren ihren Job.

Im Zusammenhang mit der Insolvenz wurde ein Strafbefehl gegen Ingo Westermann wegen Betruges und fahrlässig verspäteter Insolvenzanmeldung – mit der Zahlung einer Geldstrafe im niederen vierstelligen Bereich – erhoben. Der 48-Jährige räumt diesen „Makel aus meiner Vergangenheit“ ein: „Mangels Kraft und finanziell nicht in der Lage, einen Rechtsanwalt und Gutachter zu bezahlen, stimmten wir dem Strafbefehl gegen Erhebung einer Geldstrafe (...) ohne weitere Beweisführungen, jedoch ohne jedes Schuldgeständnis in dieser Sache, zu.“ Gegenüber dem Parteivorstand habe er „offen über die Insolvenz der Egon Westermann GmbH & Co. KG gesprochen.“ Der Soester Kreisverband der FDP hat bisher nicht auf das Schreiben der ADS-Mitarbeiter reagiert.

Ingo Westermann, so schreibt er, will sich mit seiner Kandidatur „für das Überleben eines möglichst gesunden Mittelstands in Deutschland einsetzen“. Und Westermann will sich im Sinne einer funktionierenden Demokratie engagieren. „Denn es wird für alle Parteien in einem Umfeld allgemeiner Politikverdrossenheit immer schwieriger, überhaupt Kandidaten (...) zu finden, die sich aus dem Fenster lehnen und sich kritisieren lassen.“