„Maria Hilf“-Geschäftsführer fordert mehr Investitionen

Geschäftsführer Dr. Vatteroth wünscht sich weitere Investitionen für das Warsteiner Krankenhaus.
Geschäftsführer Dr. Vatteroth wünscht sich weitere Investitionen für das Warsteiner Krankenhaus.
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Die finanzielle Lage der deutschen Krankenhäuser ist nicht gut: Überall fehlt Geld. Zu diesem Schluss kommt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Dr. Hans-Christian Vatteroth, Geschäftsführer des Warsteiner Krankenhauses Maria Hilf, über die Ergebnisse des Reports.

Warstein. Laut dem RWI aus Essen lässt sich diese Situation auf dem deutschen Krankenhausmarkt durch vier Stellschrauben verbessern: höhere Preise für Krankenhausleistungen, mehr Kapital für Investitionszwecke, höhere Produktivität sowie Marktaustritte von weniger produktiven Einrichtungen. Zu diesen und weiteren Ergebnissen kommt die zehnte Ausgabe des „Krankenhaus Rating Report“, den das RWI kürzlich vorgelegt hat.

In dem Bericht heißt es unter anderem, dass 13 Prozent der Krankenhäuser bis 2020 schließen müssten, sofern sie keine Zuschüsse bekommen. Wie kann man angesichts solch düsterer Prognosen als Krankenhaus im ländlichen Raum Bestand haben?

Dr. Vatteroth: Gesundheit ist immer das höchste Gut. Aber sobald es um die Finanzierung geht, klingt das in der Politik schon wieder anders. Da hat sich bei mir in den vergangenen Jahren der Eindruck verfestigt, dass – ganz gleich, ob auf Kommunal-, Kreis-, Landes- oder Bundessebene – sich die Politik da gerne aus der Verantwortung stiehlt. Das kann man auch am Bericht des RWI sehen. Höhere Preise werden da sofort im ersten Punkt ad acta gelegt. Das finde ich schon bezeichnend. Wir haben ein System, das nicht adäquat finanziert ist, das wissen wir seit Jahren. Was die Steigerung der Produktivität angeht, sind wir in Warstein schon sehr weit. Da wird ja vor allem von Netzwerken gesprochen. Da sind wir gut aufgestellt.

Was heißt das konkret?

Obwohl wir diesen Report jetzt erst in den Händen halten, sind da Dinge drin, die wir hier in Warstein auch schon vor meiner Zeit hatten. Mit dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Anröchte sind wir seit 2006 führend hier in der Region. Das haben wir weiterentwickelt mit zusätzlichen Disziplinen. Bei uns liegt der Fokus über die Übergangspflege auf der nachstationären Versorgung. Vom medizinstrategischen Aspekt ist die Übergangspflege die verlängerte Werkbank für die Patienten, die bei uns austherapiert sind, aber noch nicht so fit sind, dass sie nach Hause kommen können. Unser Ziel ist eigentlich, Hospitalisierung zu vermeiden. Natürlich könnten diese Patienten auch direkt in eine vollstationäre Pflege gehen, aber das ist ja das, was wir nicht wollen. Dass jemand aus der vollstationären Pflege wieder in die eigenen vier Wände auszieht, ist eher selten. Da sind wir mindestens so schlau wie die Experten vom RWI.

Woran liegt das, dass hier in Warstein diese Maßnahmen schon zum Standard gehören?

Das haben wir nicht alleine vorangebracht. Es war hier immer schon so, dass unter anderem Herr Ullrich vom LWL da viel getan hat. Er war damals eine maßgebende Kraft, dass dieses MVZ entstanden ist. Die Kooperation, die wir mit dem LWL auf ganz vielen Ebenen haben, hat schon früh ganz wesentliche Akzente gesetzt. Dazu gehört auch die Einrichtung der Multimorbiditätsstation, die wir vor fünf Jahren eigentlich nur wieder aufgegriffen und ein bisschen ausgerichtet haben, als wir das Thema Geriatrie angegangen sind. Und jetzt das neueste Pflänzchen – wobei es eher schon eine kräftige Pflanze geworden ist – ist das Thema multimodale Schmerztherapie. Da gibt es ganz viele therapeutische Elemente, die wir beim LWL in deren Therapiezentrum in Suttrop umsetzen.

Ist das ein Luxus, den andere Krankenhäuser nicht haben?

Vielleicht mag es ein Luxus sein, aber man muss diese Chancen auch einfach sehen. Ich sehe nicht, dass diese Chancen an vielen anderen Standorten genutzt werden. Und bei uns beschränkt sich das Netzwerk ja auch nicht allein auf den LWL. Neben der guten Verbindung, die wir hier mit dem Ärzteverein Warstein-Rüthen haben, haben wir auch mit den anderen Therapeuten ein gutes Netzwerk. Dadurch, dass wir uns da gegenseitig befruchten können, haben wir da jetzt Angebote, von denen alle profitieren – die Praxen und wir.

„Schnittstellen müssen zu Nahtstellen werden“ 

Ist dieses Netzwerk mittlerweile obligatorisch?

Ich würde mich freuen, wenn es selbstverständlich wäre. Aktuell ist es das leider nicht. Das wurde vom RWI ja auch ein Stück weit gegeißelt. Es ist auf jeden Fall ein Stück deutscher Lebensart des 20./21. Jahrhunderts, dass jeder so seine Bereiche abgrenzt. Mein Doktorvater hat mir immer beigebracht, dass Schnittstellen zu Nahtstellen gemacht werden müssen.

Also geht es darum, die Grenzen aufzuweichen?

Grenzen können durchaus auch positiv sein. Nahtstellen sind da viel wichtiger. Nahtstellen, an denen Kommunikation stattfindet. Und das – denke ich – ist etwas, was wir hier in Warstein in den vergangenen vier, fünf Jahren geschafft haben. Wir sprechen einfach mit vielen. Denken Sie an die Fortbildungsveranstaltungen, die wir regelmäßig machen, erst kürzlich wieder mit dem Präsidenten der Ärztekammer.

Solche Reports wie der vom RWI sind ja immer auch nur Schlaglichter auf die Gesamtsituation und spiegeln nicht unbedingt das wider, was konkret hier vor Ort passiert. Probleme, Fachärzte zu finden, scheinen wir aber hier in Warstein auch zu haben: Sie waren gerade auf Ärztesuche in der Türkei.

Das stimmt, wir suchen in bestimmten Bereichen mittlerweile europaweit, das ist einfach so. Den Fachkräftemangel spüren auch wir, da brauchen wir nicht drum herum zu reden. Wir brauchen immer Fachkräfte. Ich persönlich bezweifle jedoch, ob wir den Fachkräftemangel in der Form haben, wie er immer beschworen wird. Meine Erfahrung ist, dass gute Mitarbeiter auch schon vor 50 Jahren rar gewesen sind.

Wie schwer ist es denn, Ärzte für Krankenhäuser im ländlichen Raum zu finden?

Es gibt diese Ärzte, keine Frage. Die muss man nur vielleicht im Vorfeld besonders pflegen. Wir machen es vielleicht nicht ganz so lautstark wie das eine oder andere Haus im Hochsauerlandkreis. Wir gehen da einen etwas anderen Weg und suchen den Kontakt frühzeitig. Da geht insbesondere Herr Wohlmeiner bei den berufsbildenden Praktika an den Warsteiner Schulen sehr gut voran. Dadurch bekommen wir sehr früh mit, wer sich für ein Medizinstudium entscheidet oder da Neigungen hat. Ob dann jemand hinterher in der Großstadt bleibt, in der er studiert, das haben wir nicht in der Hand.

Bei Menschen, die nicht von Kind an in Warstein gelebt haben, wird es da schon schwieriger. Welche Rolle könnte da ein „Uniklinikum Südwestfalen“ spielen, das Sie bereits gegenüber dem Präsidenten der Ärztekammer angesprochen haben?

Diese ganzen Maßnahmen gehören schon in eine gewisse Kette hintereinander, die wir noch nicht komplett haben. Da gehört die Idee einer Uniklinik dazu, aber die ist ja erstmal nur eine Idee. Das Ganze ist ein Floh, den ich ins Ohr gesetzt bekommen habe. Wobei ich gestehen muss, dass dieses Flöhchen so langsam zu einem ausgewachsenen Floh wird. Er lässt mich gewissermaßen nicht locker. Auch wenn es im Augenblick noch abstrus klingt: Wir werden an dem Thema weiter arbeiten. Ich glaube, man hätte auch vor 30 Jahren noch nicht gedacht, dass es eines Tages eine Fachhochschule Südwestfalen gibt.

Ziel: Uniklinikum Warstein? 

Also ist das Ziel ein Uniklinikum Warstein?

Das wäre der falsche Zungenschlag. Was mich daran begeistert, ist dieses Netzwerk: das Krankenhaus Maria Hilf Warstein als wesentlicher Standort eines Uniklinikums Südwestfalen – das kann ich mir sehr, sehr gut vorstellen. Wie halten wir denn diese Ärzte? Das geht doch nur dadurch, dass ich ihnen weiterführende Fortbildungen anbiete – und das kann eben nicht jeder. Da sind wir in Warstein wirklich singulär: Bei der Größe unseres Hauses und bei der eigentlich geringen Anzahl an Abteilungen haben wir ein ungeheures Maß an Weiterbildungsmöglichkeiten. Wir sind da manchmal vielleicht nicht laut genug. Wir haben aber beispielsweise in einem Bereich, in dem es momentan extrem schwierig ist, Fachärzte zu bekommen, der Anästhesie, gerade den Dr. Ebel gewinnen können, der bei uns die spezielle Schmerztherapie als Zusatzbezeichnung im Rahmen einer Weiterbildung erwerben kann. Das ist etwas, wo wir den Klebefaktor verstärken können. Dass nämlich die Assistenten, wenn sie von der Uni kommen, auch bleiben, weil sie sehen, dass wir ihnen die Chancen zur Weiterbildung geben.

Schaut man da gelassen auf solche Reports?

Wenn man da auf das Thema Produktivität schaut, also ganz konkret das Netzwerken, da sind auch wir noch nicht am Ende. Was Investitionen angeht, da sind wir sowas von massiv unterfinanziert, dass die Krankenhäuser nicht in der Lage sind, mit ihren eigenen Erträgen die Investitionen zu finanzieren. Das mag sein, aber das entspricht auch gar nicht der Finanzierungssystematik, die wir haben. Die Krankenkassen sind für den Betrieb der Häuser zuständig und das Land für die Investition in Gebäude und Geräte. Früher hatten wir das Selbstkostendeckungsprinzip, da durften Krankenhäuser eigentlich gar keine Überschüsse machen. Seit dem Fallpauschalensystem dürfen wir die jetzt machen. Im Endeffekt verwenden wir diese Überschüsse jetzt dazu, Investitionen zu tätigen, die das Land eigentlich vornehmen muss. Am Beispiel Maria Hilf sieht das so aus: Wir machen rund 20 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Wenn man nun davon ausgeht, dass wir eine Rendite von fünf bis sieben Prozent haben müssen, um investieren zu können, beispielsweise neu zu bauen oder Marodes zu ersetzen, dann wären das 1 bis 1,4 Millionen Euro pro Jahr. Da wäre meine logische Konsequenz: Wenn das so stimmt, müsste uns das Land jedes Jahr 1 bis 1,4 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung stellen. Wir bekommen aktuell in diesem Jahr rund 500 000 Euro für Investitionen. Wenn ich den Spitzenwert nehme, ist das ein Drittel dessen, was uns aufgrund unseres Ertrages zustünde. Oder nehmen wir die Mitte davon, 750 000 Euro. Dann kann ich sagen, dass alleine in den vergangenen vier Jahren dem Maria Hilf schon 3 Millionen Euro fehlen, die wir sinnvoll zur Verbesserung der Versorgungssituation einsetzen könnten. Man muss ja auch sehen: Solche Investitionen haben ja auch Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation in der Region. Diese drei Millionen, die wir bekommen könnten, würden auch Firmen aus dem Kreis Soest und dem Hochsauerland zu gute kommen. Das wäre wirklich eine Stärkung der Region, es wäre gelebte Strukturpolitik.

Wie sehen Sie da die Chancen, dass sich dies ändern lässt?

Das ist ganz, ganz schwierig. Wenn hier das RWI von einer klugen Investitionspolitik schreibt, finde ich das amüsant. Das Problem ist, dass die Krankenhausfinanzierung momentan Ländersache ist und die Länder aktuell nicht gut da stehen. Aber Kredite, die man abrufen kann, können da auch nicht die Lösung sein. Die müssen ja auch verdient und zurück bezahlt werden. Die können ja auch nur wieder aus unseren Überschüssen kommen. Vernünftig wäre ein Fonds, aus dem Mittel auch abfließen können und für den es vernünftige Regeln gibt. Eine Konsenslösung noch in dieser Legislaturperiode halte ich da für sehr schwierig.

 
 

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