Lichtenau ist die Windenergie-Hauptstadt in NRW

Windräder aus dem Windpark Asseln in Lichtenau.
Windräder aus dem Windpark Asseln in Lichtenau.
Foto: WP
Der kleine Ort Lichtenau in Ostwestfalen ist die Windenergie-Hauptstadt in NRW. Private Haushalte und Unternehmen sollen bis 2020 aus heimischen Quellen versorgt werden. Die Bürger profitieren von den vielen Windrädern auch finanziell.

Lichtenau.. Schon lange vor dem Ortseingangsschild ist am Horizont das Wahrzeichen Lichtenaus zu sehen. Genau genommen sind es 102 Wahrzeichen: Windräder. Sie machen das kleine Städtchen in Ostwestfalen zu Nordrhein-Westfalens inoffizieller Landeshauptstadt für Windenergie. Jährlich werden dort rund 65 Millionen Kilowattstunden produziert, das reicht, um mehr als 16 000 Haushalte zu versorgen. Zusammen mit den mehr als 600 Photovoltaikanlagen wird in Lichtenau genug Energie erzeugt, um rechnerisch etwa 120 Prozent des privaten und 40 Prozent des gewerblichen Strombedarfs zu decken. Bis 2020 sollen ­Gewerbe und Privathaushalte ausschließlich aus heimischen und somit erneuerbaren Energien versorgt werden.

Garantiert günstiger Strom

Der große Vorteil des kleinen, gut 11 000 Einwohner zählenden Orts, der eigentlich aus 15 Dörfern besteht, ist die Fläche. Lichtenau ist 192 Quadratkilometer groß und damit die achtgrößte Stadt in NRW. Zum Vergleich: Essen ist nur 18 Quadratkilometer größer. Platz ist also das geringste Problem der ländlichen Kommune.

Ende der 90er-Jahre entstand dort die „Spargellandschaft“, doch auch in Lichtenau ging das nicht geräuschlos ab. „Natürlich gab es Proteste“, erinnert sich der heutige Bürgermeister Dieter Merschjohann, „der Gegenwind war heftig.“ Davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Merschjohann: „Früher hatte ich 15 Heimatpfleger gegen mich, heute vielleicht noch die Hälfte.“ Denn die Bürger dürfen nicht nur mitreden und entscheiden, sie profitieren auch finanziell. Zum Beispiel durch die Asselner Windkraft GmbH, eine Windparkgesellschaft, die 1997 von Bürgern gegründet wurde. Seit 2011 haben sich die Gesellschafter zu einem Energieversorger erweitert, der den produzierten Strom regional vertreibt, die Preise der Energieriesen unterbietet und seinen Kunden sogar eine zehnjährige Preisgarantie gibt.

Und damit nicht genug: Eine andere Bürgergenossenschaft kaufte der Stadt das marode Freibad ab, ließ es abreißen und errichtete an selber Stelle ein Naturbad, das mit Hilfe von Luft-, Solar- und Photovoltaik-Kollektoren bis 2014 zum „CO2-neutralen Energiebad“ erweitert wird. Schon Ende dieses Jahres geht im „Energiedorf Herbram-Wald“ ein modernes Holzhackschnitzelheizwerk in Betrieb, das die umliegenden 38 Häuser des Dorfes mit Nahwärme versorgt – und zwar günstiger, als es mit Heizöl möglich wäre.

Größere Windräder sollen kommen

Doch nicht nur für die Genossenschaften lohnt sich der Aufwand, auch die Stadt freut sich über sprudelnde Einnahmen aus der Gewerbesteuer und neue Arbeitsplätze. Längst ist der Energiesektor Wirtschaftsfaktor Nummer eins in Lichtenau. „Das Geld liegt in der Luft“, sagt Bürgermeister Dieter Merschjohann und bringt es auf eine einfache Formel: „Jede neue Windkraftanlage entspricht einem mittelständischen Unternehmen.“

Lichtenau will weiter in Wind und Sonne investieren. Dafür ist zunächst aufräumen angesagt: Die vielen „kleinen“ Windräder sollen gegen deutlich größere, leistungsstärkere Anlagen ausgetauscht werden – „Repowering“ nennen das die Experten. Derzeit laufen Gespräche mit Eigentümern und Bürgern, denn die neuen Anlagen benötigen mehr Abstand zueinander und zu den Häusern (1000 statt bislang 250 Meter). Doch Merschjohann ist optimistisch, die Pläne ohne große Widerstände in den nächsten fünf bis sechs Jahren umsetzen zu können. Dann werden die Wahrzeichen der Energiestadt Lichtenau in Zukunft aus noch viel größerer Entfernung zu sehen sein.

 
 

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