Komparsen verleihen „Nebel im August“ Authentizität

Die NRW-Premiere des Films "Nebel im August" in der Lichtburg in Essen am Montag den 26.09.2016. Jungschauspieler Ivo Pietzcker und Sebastian Koch. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services
Die NRW-Premiere des Films "Nebel im August" in der Lichtburg in Essen am Montag den 26.09.2016. Jungschauspieler Ivo Pietzcker und Sebastian Koch. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services
Foto: Lars Heidrich
  • Das Euthanasie-Drama „Nebel im August“ läuft am Donnerstag in den Kinos an.
  • Das Schicksal der Patienten einer Nervenheilanstalt während der NS-Zeit wird mit viel Empathie erzählt
  • Die Komparsen tragen einen wichtigen Teil bei

Warstein..  Alles beginnt mit einem Lächeln. Ernst Lossa steht im Büro von Anstaltsleiter Dr. Walter Veithausen und erfährt gerade, dass er in seinem neuen Zuhause nicht zur Schule gehen muss. In den bisherigen Einrichtungen war das noch anders und dort galt der 13-Jährige stets als „asozial und renitent“, hier aber könnte er sich wohlfühlen. Was es bedeutet, in der Nazi-Zeit in einer Nervenheilanstalt untergebracht zu sein, wird er noch früh genug zu spüren bekommen.

Allerdings gibt es in 127 Minuten „Nebel im August“ eben tatsächlich auch heitere Szenen. Ernst spielt mit den anderen jungen Patienten im Garten, verliebt sich in die gleichaltrige und ebenso freche Nandl. Doch je länger der Film dauert, desto dichter wird der im Titel angesprochene „Nebel“ – auch wenn über der Anstalt im tiefsten Bayern weiter unablässig, fast schon höhnisch, die Sonne scheint.

So still und unaufhaltsam wie der Nebel zieht der vom fernen Berlin und dem Anstaltsleiter persönlich angeordnete Tod ein. Um den „Volkskörper von Erbkrankheiten zu befreien“, werden die in der Klinik untergebrachten Kinder nach und nach umgebracht. Die gesamte Geschichte, die auf eine Romanvorlage von Robert Domes zurückgeht, basiert auf dem wahren Schicksal von Ernst Lossa, der 1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee durch eine Giftspritze getötet wurde.

Leise, aber kraftvolle Bilder

Regisseur Kai Wessel inszeniert das erste große Drama, in dem das Euthanasie-Programm des NS-Regimes zum Thema gemacht wird, mit leisen, aber umso kraftvolleren und aufwühlenderen Bildern. So genügt etwa ein stiller Blick auf die anfangs wenigen Gräber, aus denen nach und nach ein Friedhof in der Größe eines Fußballfeldes erwächst, um Fassungslosigkeit und Abscheu auszulösen.

Ernst Lossa durchschaut das System schnell, sein Lächeln vergeht. „Es kommt näher“, ruft er seine Freundin Nandl an einer Stelle zur Flucht auf. Dargestellt wird der Jugendliche von Jungschauspieler Ivo Pietzcker, der in seiner ersten großen Hauptrolle sein Talent unter Beweis stellt.

Sinnbild des perfiden Systems ist der Anstaltsleiter Dr. Veithausen (fantastisch dargestellt von Sebastian Koch), der sich scheinbar liebevoll um seine kleinen Patienten kümmert und wenig später mit zwei einfachen Belistift-Strichen über ihre Ermordung entscheidet.

Gedreht wurde ein Großteil des Films in Warstein – in der heutigen LWL-Klinik, die ebenfalls auf eine Euthanasie-Vergangenheit zurückblickt, und im Kloster Mülheim, dessen Innenräume im Film wiederzuerkennen sind. Vom Keller bis unters Dach reichen die Aufnahmen. Dabei tragen die dicken Mauern und historischen Gewölbe maßgeblich zur gelungenen Atmosphäre des Films bei.

Essen an die Decke schleudern

Es sind aber auch die Warsteiner Komparsen, die „Nebel im August“ seine Authentizität verleihen – wenn sie Psychiatrie-Patienten darstellen, die auf ihren Betten wippen und scheinbar gedankenverloren ins Leere starren, die naiv-vertrauensvoll mit einem Lächeln nach der Hand des Anstaltsleiters greifen, der doch eigentlich ihren Tod will, oder wenn sie später als Anzeichen einer leichten Rebellion ihr Essen an die Decke schleudern. Die schauspielerische Leistung der Laiendarsteller ist nicht zu unterschätzen.

„Nebel im August“ führt dem Zuschauer die Gräuel der Nazi-Ideologie vor Augen und ist doch anders als frühere Filme, die in dieser Zeit spielen. Weniger der gehobene Zeigefinger, mehr Empathie. Und doch: Die Geschichte zeigt auf, wohin es führt, wenn das Leben eines Menschen über das eines anderen gestellt wird – und ist alleine deshalb auch heute wieder brandaktuell.

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