Klimawandel in Baumscheiben aus Mülheim nachweisbar

Das Bild zeigt einen Teil des ehemaligen Tiergartens des Kloster Mülheim in Warstein-Sichtigvor, an dessen Ende Reste des ehemaligen Eichenwaldes aus der Zeit der Ordensritter zu erkennen sind.
Das Bild zeigt einen Teil des ehemaligen Tiergartens des Kloster Mülheim in Warstein-Sichtigvor, an dessen Ende Reste des ehemaligen Eichenwaldes aus der Zeit der Ordensritter zu erkennen sind.
Foto: Albert-Friedrich Grüne
Die ersten spannenden Ergebnisse der dendrochronologischen Analyse der Baumscheibe von Gut Mülheim liegen jetzt vor.

Sichtigvor.. Aus den Jahresringen lässt sich bekanntlich nicht nur das Alter des Baumes ablesen, sondern die Dicke der Ringe gibt auch Aufschluss über klimatische Schwankungen im Sauerland in den letzten 230 Jahren.

Besonders markant ist die schwache Wachstumsperiode, die bei der Eiche von Gut Mülheim, nach zunächst zügigem Wachstum seit 1785, etwa 1802 einsetzte und bis 1856 andauerte, also rund ein halbes Jahrhundert währte. Was kann die Ursache hierfür gewesen sein?

Klimaperioden

Während der letzten 1200 Jahre hat es in der nördlichen Hemisphäre drei klimatisch gut unterscheidbare Perioden gegeben: Eine warme Periode vom 9. bis zum 11. Jahrhundert, die so genannte mittelalterliche Warmzeit. Zwischen 1200 und 1400 veränderte sich das Klima spürbar, und nach diesem Umschwung begann eine kühle Klimaepoche vom 14. bis zum 19. Jahrhundert, die so genannte kleine Eiszeit. Ab dem 20. Jahrhundert begann dann wieder eine wärmere Phase.

Kleine Eiszeit

Vielleicht ist ein Hinweis aus den Akten der Generalinvestitur des Klosters Mülheim des frühen 17. Jahrhundert ein Beleg für die Effekte der Kleinen Eiszeit. Dort wird berichtet, dass die „alte Kelter“ bei einem Brand eines Wirtschaftsgebäudes vernichtet wurde. Eventuell handelte es sich hierbei um eine alte Weinkelter aus der Zeit, als noch Wein an den Hängen der Haar angebaut werden konnte. Mit Beginn der Kleinen Eiszeit dürfte diese Periode nach einigen Jahrzehnten endgültig keine attraktiven Weine mehr hervorgebracht haben, auch wenn man wenig zimperliche, mittelalterliche Maßstäbe anlegt.

Dalton-Minimum

Die Kleine Eiszeit zeigt allerdings keinen homogenen Verlauf, sondern ist durch deutliche Schwankungen gekennzeichnet. Eine dieser Schwankungen ist das so genannte „Dalton-Minimum“, benannt nach dem englischen Forscher John Dalton, der die geringere Sonnenfleckenaktivität (ungefähr zwischen 1790 und 1830; in aktuelleren Forschungsberichten wird auch ein Zeitraum von 1818 bis 1858 genannt) für den Rückgang der Durchschnittstemperaturen um bis zu einem Grad verantwortlich machte.

Sonnenfleckenaktivität

Jahre geringerer Sonnenfleckenaktivität scheinen mit Jahren niedriger Temperaturen gut zu korrelieren. Reicht dies aus, um die teilweise sehr geringen Zuwächse der Wachstumsringe der Eiche von Gut Mülheim über einen Zeitraum von rund 50 Jahren zu erklären? Jüngere Studien weisen darauf hin, dass neben der geringeren Sonnenfleckenaktivität auch der Vulkanismus eine spürbare Rolle bei der Abkühlung in der nördlichen Hemisphäre gespielt haben kann; immer dann, wenn Auswurfmaterial bis in die Stratosphäre gelangte.

Für die rund 50-jährige Periode geringer bis sehr geringer Wachstumszuwächse der Eiche von Gut Mülheim (1802 – 1856) kommen vor allem die nachfolgenden, bedeutenden Vulkanausbrüche in Frage:

Vulkanausbrüche

Der Ausbruch des Tambora (Indonesien) 1815, die vermutlich größte vulkanische Eruption der letzten 2000 Jahre, die mit einer Zeitverzögerung von einem Jahr 1816 in vielen Teilen Nordeuropas und Nordamerikas zu einem „Jahr ohne Sommer“ führte, sich wahrscheinlich jedoch über mehrere Jahre auswirkte. Der Ausbruch des Galunggung (Indonesien) 1822 und der Ausbruch des Kliuchevskoi (Russland) 1829, ferner der Ausbruch des Cosiguina (Nicaragua) 1835 sowie der Ausbruch des Hekla (Island) 1845, können in diesem Zusammenhang auch genannt werden.

Eine Zuordnung einzelner Ausbrüche zu den betreffenden Jahresringen der Baumscheibe erscheint nicht möglich, da vermutlich eine Überlagerung der geringen Sonnenfleckenaktivität und der Effekte aus den Vulkaneruptionen vorliegt. Der Effekt aus den Vulkaneruptionen kam quasi noch „on top“ auf ein schon kühles Klima. Am ehesten wäre eine Zuordnung vielleicht noch bei dem Ausbruch des isländischen Hekla 1845 möglich, da die Wachstumsringe ab etwa 1845 bis etwa 1855 sich noch einmal besonders schmal darstellen. Anders als einige andere Baumsorten, prägen Eichen in jedem Jahr einen – wenn auch noch so schmalen - Jahresring aus, so dass keine Jahresringe im Klimaarchiv fehlen. Ab 1857 nimmt das Jahresringwachstum wieder zu. Die Kleine Eiszeit war im Sauerland überwunden.

Limitierter Standort

Dr. Ingo Heinrich, Dendrochronologe am GeoForschungsZentrum in Potsdam (GFZ), weist darauf hin, dass die Zuwächse bei den Jahresringen der Baumscheibe – im Vergleich mit anderen Regionen Deutschlands – insgesamt eher schmal sind, welches auf einen „limitierten“ Standort hindeutet. Fast unmittelbar in der Nähe des historischen Eichenbestandes, auf der gegenüberliegenden Talseite, befindet sich ein Steinbruch, lokal „Ritterberg“ genannt, der einen Einblick in den Gesteinsuntergrund der Eichen gibt. Dort liegt teilweise kompaktes 330 Millionen Jahre altes karbonisches Gestein, welches für Pfahlwurzler, wie die Eichen, sicher eine Herausforderung bei der Suche nach Nährstoffen und Wasser im Untergrund darstellt.

Wie hätte ein Sichtigvorer, der um 1800 geboren wurde, diese kühlere Periode innerhalb der Kleinen Eiszeit wohl erlebt? Bei einer mittleren Lebenserwartung von 35 Jahren hätte er in seinem Leben nur die kühleren Temperaturen und kürzeren Sommer kennengelernt. Diese Klimabedingungen haben ihm und seiner Familie das Leben sicher nicht leichter gemacht, da die Ernteerträge hierunter gelitten haben und auch Missernten häufiger an der Tagesordnung gewesen sein dürften. Vielleicht steht die Anlage des Flößgrabens von Kloster-Besitzer Ebbinghaus durch das Eichenwäldchen zur „Fettung“ der Weiden im Bereich des Schützenkamps ab 1840 sogar im direkten Zusammenhang mit den damaligen klimatischen Verhältnissen. Man musste sich etwas einfallen lassen, um unter den kühlen Rahmenbedingungen an ausreichend Winterfutter für die Tiere zu kommen.

Naturdenkmal

Ohne Zweifel handelt es sich bei dem alten Eichenbestand um ein bedeutendes Naturdenkmal aus der sauerländischen Geschichte, das für zukünftige Generationen geschützt und erhalten werden sollte. Vielleicht können dann unsere Nachfahren an einer Baumscheibe irgendwann feststellen, ob sich neben dem Ende der kleinen Eiszeit auch ein „global warming“ in den Wachstumsringen der Eichen niedergeschlagen hat.

 
 

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