Kirche bietet ungeahnte Aufstiegsmöglichkeiten

Armin Obalski
Besichtigung Pfarrkirche St. Gervasius und Protasius Altenrüthen mit Bernhard Adams.
Besichtigung Pfarrkirche St. Gervasius und Protasius Altenrüthen mit Bernhard Adams.
Foto: WP

Altenrüthen.  Die Wege des Herrn sind unergründlich, heißt es. Die seiner Kirchenbaumeister aber auch. Es sei denn, man gehört zu den Eingeweihten, die auch die Wege im Innenleben der Gotteshäuser kennen. Bernhard Adams ist einer davon. Als langjähriger Organist der Pfarrkirche St. Gervasius und Protasius in Altenrüthen kennt er sie aus dem Eff-Eff. Außerdem war sein Vater hier Küster. Mit ihm mache ich mich auf den Weg zu einer Kirchenbesichtigung der etwas anderen Art. Kommen Sie doch einfach mit!

Das eindruckvolle Äußere der Kirche, der größten im Pastoralverbund, kennt wohl jeder, den prachtvollen Gottesdienstraum die meisten. Wie aber sieht es eine, zwei oder drei Etagen darüber aus? Schon der Zugang ist ungewöhnlich, erfolgt er doch nicht, wie man meinen könnte, über den ja sowieso in den Himmel strebenden Turm. Nein, es geht vom Haupteingang durch das ganze Kirchenschiff, hinter den Hochaltar in die Sakristei. Von den vielen Schränken für die Paramente beeindruckt in der Sakristei einer ganz besonders: Er ist ebenso prächtig barock gestaltet wie der Kirchenraum, wird bekrönt von einem gekreuzigten Christus. Über eine steinerne Wendeltreppe geht es aufwärts, vorbei an einem seltsamen Gegenstand, der an eine Mine denken lässt. Bernhard Adams weiß es besser: „Das ist ein Gong, der früher in den Messen verwendet wurde.“

Etwas weniger geordnet sieht es im zweiten Stockwerk der Sakristei aus: Schränke, Leuchter, Stangen von Prozessionsfahnen bilden ein malerisches Durcheinander. Adams öffnet einen der Schränke, darin Fahnen. Eine davon, verrät die aufgestickte Schrift, gehört der Jungfrauen-Congregation, ein Vorläufer der heutigen Katholischen Frauengemeinschaft, eine andere aus dem Jahr 1927 dem Katholischen Jugendverein. „Was man hier nicht alles entdeckt“, staunt der Kenner.

Getreide-Speicher

Eine Etage noch und wir stehen auf dem Dachboden. Auf dem der Sakristei zeugt eine hölzerne Spindel noch davon, dass einst Getreide oder Ähnliches hinaufgezogen wurden. „Altenrüthen war lange zehntpflichtig gegenüber dem Kloster Grafschaft“, berichtet Bernhard Adams. Hier oben wurde der Zehnte gelagert. Einst, erinnert er sich weiter, habe nur ein wackliger Steg über die Gewölbe des Kirchenschiffs in Richtung Turm geführt. „Man sagte immer, die Gewölbe wären so dünn, dass man sie nicht betreten könne.“ Ausprobiert hat er es nie und der wacklige Steg ist längst Vergangenheit. Ein breiter hölzerner Weg, einer Brücke gleich und mit Geländern versehen, führt über die Gewölbekappen.

Und schließlich stehen wir im Turmschaft. Doch statt weiter nach oben führt Bernhard Adams mich zunächst wieder ein Stückchen nach unten. Hier verläuft noch der Rest einer Steintreppe, die einst die direkte Verbindung nach oben darstellte. Jetzt endet sie von oben kommend vor einem Fenster, das den Blick in die Turmkapelle freigibt. Eine Sackgasse also. Über Treppen, dann aber vor allem über Leitern geht es weiter aufwärts, vorbei am Glockenstuhl, wo das Engel-des-Herrn-Läuten gerade für einen Mordsradau sorgt, wenn man direkt neben die Glocken steht. Nicht gerade mein Spezialgebiet ist die Kletterei. Doch wenn ich schon einmal hier bin, will ich auch bis in die Spitze. 38 Meter hoch ist der Turm, nur knapp darunter enden die Aufstiegsmöglichkeiten. Bis zu einer Luke, aus der Mitglieder des Kirchenvorstandes zu Hochfesten die Fahne hissen, reicht die nun wirklich schmale Leiter.

Grandioser Ausblick

Der Blick aber ist grandios und entschädigt für alle Mühen. Die Konstruktion der geschweiften Turmhaube selbst nötigt Respekt ab. Wie haben es die Zimmerleute vor langer Zeit nur geschafft, dieses filigrane und zugleich stabile Gebilde, das immerhin einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat, zu schaffen?

Aus dem Himmel auf die Erde geht es den gleichen Weg zurück, mit einem zweiten, harmlosen Aufstieg aus dem Kirchenschiff auf die Orgelempore. So viel Zeit muss sein, wenn man mit einem Organisten unterwegs ist. Kraftvoll greift er in die Tasten. Ob alle Pfeifen erklingen, weiß ich zwar nicht, aber wie viele es sind. Bernhard Adams weiß schließlich Bescheid: „Es sind 1675 inklusive Organist“, scherzt er.