In Warstein wird Inklusion gelebt

Gelebte Inklusion: Der LWL-Wohnverbund hat Erfolge, Bewohner in Projekten und qualifizierenden Maßnahmen für den „1. Arbeitsmarkt" fit zu machen.
Gelebte Inklusion: Der LWL-Wohnverbund hat Erfolge, Bewohner in Projekten und qualifizierenden Maßnahmen für den „1. Arbeitsmarkt" fit zu machen.
Foto: WP
Über Inklusion wird viel gesprochen. Aber was passiert? Der LWL-Wohnverbund geht mit gutem Beispiel voran.

Warstein..  Er will ein „Landwirtschaftlicher Allrounder“ werden und sich so qualifizieren. Dabei betreut Thomas Saßmannshausen beim INI-Gutshof neben den Schweinen und Hühnern („alles, was anfällt“) vor allem die vier Norweger-Pferde. Eine durchaus verantwortungsvolle Tätigkeit für den 43-Jährigen.

Dabei ist Saßmannshausen kein „normaler Auszubildender“ auf den ersten Blick. Er lebt in einer Außenwohngruppe des LWL-Wohnverbundes und war „ein schwieriger Fall“, wie er selbst sagt. Früher hatte er mal eine Schreiner-Lehre begonnen, diese aber nach anderthalb Jahren „wegen der Drogen“ abgebrochen. Es dauerte eine Weile, ehe er eine Perspektive für sich sah und daran glaubte – mit Drogen-Karriere und Borderline-Diagnose sicher keine leichte Sache. Saßmannshausen: „Aber der LWL gab mir schließlich die Chance, nicht aufzugeben“ – und das, obwohl er zwischenzeitlich nach Münster und Dortmund „abgehauen“ war: Die Unterstützung „hat mir gut getan.“ So kam der heute 43-Jährige auch zu seinem Praktikumsplatz beim Gutshof. Man verstand sich, und schnell war klar, dass es bei dem dreiwöchigen Praktikum nicht bleiben würde. „Mir macht die Arbeit Spaß. Ich bin sehr glücklich“, strahlt der Bewohnersprecher des Wohnverbundes: „Du wirst dort nicht abgestempelt. Du bist Mensch.“

Auf Saßmannshausen warten bis 2015 zwei Prüfungen, danach soll es auf dem ersten Arbeitsmarkt weiter gehen. Der Warsteiner möchte ein „vernünftiges Leben führen“ und zugleich anderen Mut machen, dabeizubleiben.

Behinderte und körperlich eingeschränkte Menschen haben es nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt. Auch wenn das Wort „Inklusion“ immer öfter in den Mund genommen wird.. Mit der INI hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe einen Partner gefunden. Ivonne Rothfuchs hingegen engagiert sich innerhalb des LWL-Geländes, kümmert sich stundenweise um geistig und körperlich behinderte Menschen. Ihre Erkenntnis: „Das ist mein Ding.“

Das ist durchaus nachvollziehbar, schließlich hatte sie bereits vorher in dem Bereich gearbeitet: „Ich komme aus der Pflege“. Bevor sie nach Warstein kam, lebte die heute 31-Jährige 14 Jahre in der Nachbarstadt Meschede. Da bekannt war, dass sie mit einer anderen Frau zusammen lebte, war es für sie doppelt schwer, eine neue Tätigkeit zu bekommen. Jetzt wird, in der LWL-Einrichtung, ein neuer, vorsichtiger Anlauf gestartet. „Wir versuchen, Menschen an Tätigkeiten heranzuführen, die sie vorher gemacht haben“, erläutert Doris Gerntke-Ehrenstein, Leiterin des Wohnverbundes, den Gedanken. Was Frau Rothfuchs mache, sei „eine verantwortungsvolle Tätigkeit“, sie fange klein an (derzeit drei Tage in der Woche) und könne diese als „Sprungbrett“ nutzen, denn der zeitliche Rahmen kann aufgestockt werden.

Keine Frage: Leicht wird es nicht sein, auf dem ersten Arbeitsmarkt einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden, vor allem mit der Dreifach-Diagnose einschließlich Borderline. Rothfuchs weiß: „Im sozialen Bereich ist Borderline ein Problem“: Sie gibt aber nicht auf, träumt von einer eigenen Wohnung und einer Ausbildung in der Altenpflege.

„Job-Carving“

Karla Seehausen, Assistentin im Wohnverbund, setzt dabei auf „Job-Carving“. Das bedeutet, sich eine passende Tätigkeit zu „schnitzen“. Der Gedanke: Eine Tätigkeit zu finden mit Aufgaben, die nicht teure Spezialisten machen müssen. Es gelte also, einen Job zusammenzustellen mit Tätigkeiten entsprechend den Interessen und Stärken. Ziel soll es sein, dass daraus ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis entsteht.

Jürgen Eilhard, 1. Vorsitzender des Wohnverbund-Beirates, sieht darin eine Chance, dass Behinderte und Beeinträchtigte auf den Arbeitsmarkt kommen – also gelebte Inklusion. „Inklusion soll eine Haltung sein“, verdeutlicht auch Doris Gerntke-Ehrenstein, „das passiert im Kopf“. Und sollte sich nicht allein auf die Arbeitswelt beschränken. Denn irgendwelche Probleme hat jeder mal. Gerntke-Ehrenstein weiß: „Man reift durch die Krisen. Jeder hat mal das Gefühl, ausgegrenzt zu sein.“ Das soll sich bessern, denn „Inklusion ist ein Gewinn für alle Menschen“.

Die Gedanken darüber wurden bereits im Rahmen einer Podiums-Diskussion in Benninghausen Anfang der Woche thematisiert (die WP berichtete). Aber vielleicht noch nicht ausführlich genug. Jürgen Eilhard nennt daher ein Beispiel: Wenn sich die Wohnverbund-Bewohner aktiv für einen Zebrastreifen einsetzen, haben schließlich alle Bürger etwas davon. Und nebenbei könnten sie durch ihr Engagement auch zeigen: „Die Bewohner sind har nicht so, wie der Ruf manchmal ist!“ Und im übrigen greift der Beiratsvorsitzende gerne ein Zitat von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker auf: „Es ist normal, verschieden zu sein.“

 
 

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