Hype um Thermomix-Videos - das ist die Strategie von Vorwerk

Klappe für einen Videofilm: Die Küchenmaschine Thermomix von Vorwerk ist auch dank des Internets und sozialer Netzwerke ein Verkaufsschlager. Die "Thermifee" alias Stefanie Holtz hat das Gerät berühmt gemacht.
Klappe für einen Videofilm: Die Küchenmaschine Thermomix von Vorwerk ist auch dank des Internets und sozialer Netzwerke ein Verkaufsschlager. Die "Thermifee" alias Stefanie Holtz hat das Gerät berühmt gemacht.
Foto: Dirk Schuster/WAZ FotoPool
Früher saugte und blies „der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann“. Heute müsste der große Loriot, der einst den Staubsauger Kobold als Symbol der Wirtschaftswunderzeit reimend adelte, der Küchenmaschine Thermomix – ebenfalls von der Wuppertaler Hausgerätefirma Vorwerk – ein lyrisches Denkmal setzen. Einem Symbol des Internetzeitalters.

Ense/Balve. Das weltweite Netz macht ganz gewöhnliche Menschen bekannt, oder sogar berühmt. Stefanie Holtz aus Ense-Bremen im Kreis Soest ist zum Internet-Star geworden, weil sie dem Videoportal Youtube und einer offenbar interessierten Öffentlichkeit eine Vielzahl an Clips schenkte. Inhalt: Sie bereitet unter dem Namen „Thermifee“ Speisen mit ihrem Thermomix zu. Ihr Videostreifen über die Herstellung gebrannter Mandeln wurde beispielsweise gut 100 000 Mal angeklickt.

Hype im Internet

„Ein regelrechter Hype“, sagt die freundliche Westfälin mit Blick auf die vielen Reaktionen „aus der ganzen Welt“. Viele schrieben ihr, dass sie sich mit ihr identifizieren könnten. Mit ihrem liebenswürdig-chaotischen Familienleben mit drei Kindern, zwei Hunden und einem Ehemann, der die Zubereitung der warmen Mahlzeiten („Er isst das sehr gerne“) ganz selbstlos seiner Angetrauten überlässt: „Er sagt immer: Du kannst das besser.“

Stefanie Holtz ist Repräsentantin bzw. Beraterin von Vorwerk, das muss man wissen. Ihre Videofilmchen schauten sich so viele Menschen an, weil sie unterhaltend seien, sagt sie. „Der Thermomix rückt eher in den Hintergrund.“

In sozialen Netzwerken werden Emotionen geweckt

Aber genau das ist die Strategie, die Unternehmen in Internet-Foren, Blogs, Videokanälen oder sozialen Netzwerken verfolgen. „Es werden Emotionen geweckt“, sagt Prof. Peter Vieregge, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Regional- und Wissensmanagement in Balve. Wie einst – und immer noch – bei Dr. Oetker kommen Fangemeinde und potenzielle Käufer bei der Betrachtung von Rezepten ins Gespräch.

„Der Online-Austausch ist im Prinzip das, was man früher im Dorf gemacht hat: Man redet über etwas, und es spricht sich herum“, sagt der Dozent für Gründungsmanagement an der privaten Fachhochschule Business and Information Technology School (BiTS) in Iserlohn.

Positive Diskussion gut für das Produkt

Indem ein Produkt im Netz positiv diskutiert wird, wird es bekannt. Ein Hersteller, kann sich und das Produkt bemerkbar machen. „Eine Kernfrage ist, wie man sich positiv ins Gespräch bringt. Sicher nicht mit: ,Seht alle her, unser tolles Produkt“, erklärt Peter Vieregge aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft.

Es geht um das Wecken von Emotionen. Bei Koch-Events in Privatküchen, Youtube-Beiträgen oder beim Austausch von Rezepten in Foren steht das Gerät nicht im Vordergrund. „Aber das Essen schmeckt“, sagt Vieregge. „Das Produkt geht quasi mit durch den Magen und sorgt für ein positives Bauchgefühl.“

Teurer Thermomix so begehrt wie Loom-Bänder und Apple-Gerät 

Der Thermomix, der nur im Direktvertrieb der Firma Vorwerk erworben werden kann, ist – trotz des Preises von 1109 Euro – ein Verkaufserfolg. Gibt es derzeit einen vergleichbaren Hype um ein Produkt? „Ja, die Loom-Bänder“, sagt Vieregge. „Und wenn Apple ein neues Gerät präsentiert.“

Ein Produkt muss von guter Qualität sein, so der Hochschul-Dozent. „Nur so lässt sich im privaten Bereich darüber reden.“ Hat ein Produkt gravierende Mängel, spricht sich das im Internet und in sozialen Netzwerken herum. „Die erste Webseite, die das iPhone verbogen zeigte, hatte einen riesigen Zulauf.“

Es nutzen noch zu wenig Unternehmen das Internet und soziale Netzwerke zur Neukundengewinnung, findet Vieregge. „Hersteller finden im Internet unglaublich viele Informationen darüber, wie die Zielgruppe denkt und wie sie sich verhält.“ 80 bis 90 Prozent der Unternehmen aus der Region, ergab eine Untersuchung von Vieregges Forschungsinstitut im Rahmen des Projekts „eBusiness-Lotse Südwestfalen-Hagen“ hätten die neuen Geschäftschancen noch nicht auf dem Radar. „Die Beschäftigung mit dem Internet bezieht sich bislang eher nur auf die Gestaltung einer Webseite.“

Die heimische Industrie, sagt Vieregge, könnte aus sozialen Netzwerken einen Mehrwert ziehen. „Sie verkaufen zwar keine Stahlträger bei Facebook, können aber gezielt um Fachkräfte werben.“

Das Kochen wie bei Oma ist nicht mehr angesagt

Stefanie Holtz ist längst eine Fachkraft in Sachen Thermomix. Wenn sie häckseln, rühren und Speisen schnell erwärmen lässt, denkt sie womöglich über den Erfolg des Küchengeräts nach. „Es hat viel mit der heutigen Zeit zu tun“, sagt sie und meint nicht nur die Beiträge in Foren, Blogs, Videokanälen und sozialen Netzwerken. „Das Kochen wie bei Oma und Mama ist nicht mehr so gefragt, weil die Menschen nicht mehr Stunden in der Küche verbringen wollen."

 
 

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