Huldigungsort für die Götter oder bloß ein Erdhügel?

Sichtigvor..  Das Sauerland ist über Jahrtausende ein nur dünn besiedeltes, von sumpfigen Tälern durchzogenes und bergiges Waldland gewesen. Umso bemerkenswerter ist es, dass die ersten, wenn auch spärlichen, Spuren menschlicher Aktivität schon sehr schnell nach dem Ende der letzten Eiszeit, also vor etwa 12 500 Jahren, in unserer Heimat greifbar werden.

So verdanken wir den Ausgrabungen am Hohlen Stein bei Kallenhardt das älteste Schmuckstück Westfalens, einen durchbohrten Wolfszahn, der vielleicht als Trophäe an einer Kette aufgereiht mit anderen Wolfszähnen um den Hals eines Jägers hing. Ihm wird ein Alter von etwa 10 000 Jahren bescheinigt.

Der Jäger wusste natürlich nicht, dass er sich im Sauerland befand, denn der Begriff Sauerland kann erstmals im Jahre 1266 urkundlich nachgewiesen werden. Dort taucht er als Beiname eines Zeugen, des „Wesselo de Suderland“ auf. Für unsere Region hat sich der Name Sauerland erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durchgesetzt.

Einige Menschen haben in unserer bewaldeten, bergigen Region, dem „Land der Tausend Berge“, schon früh ein Auskommen gefunden und so auch Spuren hinterlassen. Diese frühen Spuren sind heute für uns Menschen Bezugspunkte zu einer fernen Vergangenheit, für die im Regelfall keine schriftliche Überlieferung mehr vorliegt und die daher manchmal schwierig zu deuten sind. Diese Spuren sind allerdings sehr rar, je ferner man zeitlich zurückschaut. Häufig sind es nur sehr günstige Umstände, die diese menschlichen Spuren über lange Zeiträume mehr oder weniger gut konserviert haben.

Westfälische Wallburgen

Eine Ausnahme bilden jedoch die Erdwallreste von mehr als 100 Wallburgen in Westfalen. Einige wenige von ihnen haben sich von der vorrömischen Eisenzeit (die Periode von 800 bis 100 v. Chr.) bis in die heutige Zeit recht gut erhalten. Diese Relikte unserer fernen Vorfahren lassen sich grob in zwei Klassen einteilen, nämlich diejenigen, die der vorrömischen Eisenzeit (oder sogar der Bronzezeit) zugerechnet werden und diejenigen, die im frühen Mittelalter, also dem 5. bis 11. Jahrhundert entstanden. Genaue Datierungen liegen fast nirgendwo vor, da nur sehr wenige dieser Wallburgen bisher intensiv-archäologisch und mit modernen Methoden untersucht werden konnten.

Einer dieser archäologischen Schätze unserer Heimat liegt auf einem Bergsporn, dem Loermund in Sichtigvor. Der Name Loermund deutet auf einen mit Eichen bewachsenen Berghang hin.

Archäologische Resultate

Durch die beeindruckende Lage und den guten Erhaltungszustand der Wallanlagen, hat er schon sehr früh das archäologische Interesse geweckt. Durch Hartmann wurden bereits in den Jahren 1903 bis 1906 Ausgrabungen vorgenommen, die interessante Resultate erbrachten. Wichtige Erkenntnis war, dass eine jüngere kleinere Burg (vielleicht zum Ende des 11. Jahrhundert) in eine ältere Anlage hineingebaut worden war.

Einige jungsteinzeitliche Lesescherben, die nicht mit der Wallburganlage in Verbindung gebracht wurden, deuten jedoch auf eine sehr weit zurückliegende, vielleicht auch kultische Nutzung des Loermunds durch unsere Vorfahren hin. Schon andere Höhenburgen wurden so genutzt.

Auch bronzezeitliche Gräber in der Nähe der Wallburganlage deuten auf eine sehr lange, wenn auch möglicherweise nur sporadische Nutzung des Loermunds hin. Damit steht ohne Zweifel fest, dass der Bereich des Loermunds als ein größeres Fenster in die fernere Vergangenheit gesehen werden kann. Für kommende Generationen und für Archäologen mit neuartigen Untersuchungsmethoden sollte dieses „Fenster“ unbedingt geschützt und erhalten werden.

Die Ausgrabungsmethoden von Hartmann vor mehr als 100 Jahren waren ohne Zweifel auf der Höhe ihrer Zeit und dürften – aus heutiger Sicht– der eher robusten Vorgehensweise von Heinrich Schliemann in Troja entsprochen haben.

Bei den damals üblichen Methoden sind sicher viele potenzielle Fundstücke, die heute mit modernen Methoden im Rahmen einer filigranen interdisziplinären Forschung wahrgenommen, analysiert und interpretiert werden, verloren gegangen.

Befestigte Schutzanlagen

Wie muss man sich nun die ältere Wallburganlage auf dem Loermund vorstellen? Um es vorwegzunehmen: Mit den Burgen, wie wir sie aus dem Mittelalter, zum Beispiel aus dem Rheinland, kennen, haben sie nicht viel gemeinsam gehabt. Sie dürften eher den Charakter eines befestigten Forts gehabt haben, wie sie so typisch bei der Eroberung der Vereinigten Staaten durch die Europäer waren. Bei diesen militärischen Vorposten, Grenz- und Stützpunkten ging es um gesicherte Vorratslager, Zufluchtsorte und Verteidigungsposten. Sie dürften für den Beginn einer dauerhaften Landnahme und bei der Grenzsicherung, aber auch für den Schutz der Bevölkerung, eine wichtige Rolle gespielt haben.

Schon früh wurde die Wallburganlage auf dem Loermund in der wissenschaftlichen Literatur als frühkarolingische Zwingburg klassifiziert. Das heißt, sie entstand im 8. Jahrhundert. Damals befand sich unsere Region im Grenzbereich der Einflusssphären des Frankenreiches und des Sachsenreiches.

Karl der Große führte mehr als 30 Jahre lang Krieg (von 772 bis 804) gegen die Sachsen und damit wohl gegen einen Teil unserer Vorfahren. Die langen Gefechte waren nur möglich durch ein ausgefeiltes überregionales Nachschub- und Versorgungssystem, in dem die Wallburgen bestimmt eine entscheidende Rolle gespielt haben. Man kann sich gut vorstellen, wie zur Zeit der Sachsenkriege regelmäßige „Nachschubtransporte“ über einen Abzweig des uralten Haarweges ins sumpfige Möhnetal über den Weg in der Niederung, die „siegde Four“ (Sichtigvor) zur Garnison auf dem Loermund gelangten, wo sie sicherlich sehnsüchtig erwartet wurden.

Ungewisse Nutzung

Die Frage, ob es sich bei der Wallburg auf dem Loermund um eine Fluchtburg und Verteidigungsbastion der Sachsen oder um einen Garnisonstandort der Karolinger gehandelt hat, lässt sich nicht einfach beantworten. Die Wallburgen sind nämlich in der noch sichtbaren Form nicht immer auf einmal entstanden, sondern in verschiedenen Epochen je nach Bedarf sowohl vergrößert oder auch verkleinert worden. Das haben auch die Untersuchungen auf der Hünenburg bei Meschede vor über 100 Jahren gezeigt. Vielleicht trifft für den Loermund beides zu.

In seltenen Fällen können auch heutige Ortsnamen einen Hinweis auf diese frühkarolingischen, militärischen Versorgungsstationen oder Etappenorte liefern. Leider ist für die Befestigungsanlage auf dem Loermund kein Name überliefert worden.

Fehlende Erwähnung

Was könnte die Ursache hierfür sein? Ein anderes bedeutsames Ereignis aus der unmittelbaren Umgebung des Loermunds, und zwar aus dem Jahre 938 die Zerstörung der Burg Belecke, könnte hier einen Hinweis geben.

Das Kastell Belecke wurde wahrscheinlich unter Heinrich I. (919-936) während der verheerenden Ungarneinfälle schnell erbaut. 938 zerstörten die Truppen Thangmars es wegen eines Erbstreites. Widukind von Corvey hätte sicher darüber berichtet, wenn noch eine zweite Burg in der unmittelbaren Nähe, auf dem Loermund eben, auch zerstört worden wäre. Er und auch andere Chronisten dieses Ereignisses berichten hierüber aber nichts.

Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Loermund rund 150 Jahre nach dem Höhepunkt der Sachsenkriege, bereits keine militärische Rolle mehr gespielt hat. Vielleicht lag sie sogar schon seit Jahrzehnten wüst, nur um im 11. Jahrhundert als Grenzbefestigung und Herrenburg zwischen dem Territorium der Arnsberger Grafen und kurkölnischem Gebiet für einige Zeit genutzt zu werden (in spürbar kleinerem Umfang allerdings).

Wiederum, etwa 150 Jahre später, beim Übergang des Besitzes der Herren von „Molenhem“ auf den späteren Deutschen Ritterorden, spielte sie abermals keine relevante Rolle mehr und wurde deshalb auch 1266 in der Urkunde nicht mehr erwähnt.

Davids Wall

Ist das die Geschichte des Loermunds? Mit Sicherheit nicht. Weitere spannende Aufschlüsse über seine Vergangenheit würden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bei einer detaillierten archäologischen Untersuchung mit hochentwickelten technischen Methoden ergeben, die auch die nähere Umgebung mit einbeziehen müssten.

Vielleicht stammen einige Bestandteile der Wallanlagen sogar aus der vorrömischen Eisenzeit? Die Funktion von „Davids Wall“ als möglicher Bestandteil der Befestigungsanlagen des Loermunds ist bislang noch gar nicht untersucht oder überhaupt diskutiert worden. Auch bei Hartmann findet sich hierüber kein Hinweis. Dieser Wall wirkt wie ein über 50 Meter langer Tal-Sperrriegel zwischen dem früheren Brandenburg-Gelände und Cramers Haus unmittelbar unterhalb des Loermunds. Vielleicht ermöglichte er ein Aufstauen des Taleinschnittes als zusätzlichen Schutz der Befestigungen?

Die Wallburg heute

1989 wurde der Loermund auf Initiative des Heimatvereins als Bodendenkmal eingetragen. Wer jedoch glaubt, dass hiervon eine staatliche oder städtische Schutzwirkung ausgeht, der irrt sich. Der Loermund hatte schon einiges von seiner Substanz verloren, bevor Hartmann 1903 damit beginnen konnte, ihn zu untersuchen. So ist der westliche Teil der Anlage bereits 1890 eingeebnet worden, um einen Bauplatz für die Kreuzbergkapelle zu schaffen. Auch durch die Untersuchungen Hartmanns dürfte Substanz verloren gegangen sein.

Nach den Abholzungen der jüngsten Vergangenheit sehen Teile des Loermunds wie ein Trümmerfeld aus. In den vergangenen Jahren wurden auch schon einmal Teile der Wälle durchbrochen, um besser mit einem Traktor hindurchfahren zu können. Unwiederbringliche Schäden wurden verursacht.

Künftig sollte es gelingen, die Wallburg besser zu schützen. Vielleicht kann man dann eines Tages nachweisen, dass unsere Vorfahren auf dem Loermund germanischen Göttern gehuldigt haben?

 
 

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