Hoffnung ist die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst

Anna Gemünd
Die Osterglocke - ein symbol der Hoffnung.
Die Osterglocke - ein symbol der Hoffnung.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Hoffnung – acht Buchstaben, die gerade jetzt eine besondere Bedeutung bekommen. Wie kaum eine andere Zeit des Jahres ist die Osterzeit verbunden mit dem Hoffen auf gute Nachrichten, assoziiert mit der Gewissheit, dass wir alle auf etwas hoffen dürfen. Ein guter Zeitpunkt also, sich einmal näher mit diesem positiven Gefühl zu beschäftigen.

Warstein. „Ohne Hoffnung fehlt uns der Antrieb“ – Das sagt Dr. Josef Leßmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt. Im Gespräch mit der WESTFALENPOST erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, was er damit meint. Und warum eine Osterglocke dabei eine so große Rolle spielt.

WP: Dr. Leßmann, was ist Hoffnung?

Dr. Josef Leßmann: Hoffnung ist nie passiv. Hoffnung hat immer einen positiven Silberstreif am Horizont. Hoffnung ist ein Katalysator dafür, dass ich noch etwas anderes erstrebe oder erreichen will. Hoffnung ist, dass ich einen Ist-Zustand, den ich nicht für gut halte, überwinden will oder dahin komme, dass er besser wird.

Aber das ist doch ein Unterschied: Ob ich dahin komme oder ich ihn selbst überwinden will: Bei ersterem bin ich doch passiv, da hoffe, ich dass jemand anderes es für mich besser macht, oder?

Trotzdem ist es ein Prozess. Hoffnung beinhaltet zumindest immer einen Prozess, dass sich für mich etwas verändern soll. Es mag durchaus sein, dass ich hoffe, dass jemand kommt und mich aus meinem gemütlichen Elend rausholt. Aber was ich überwiegend erlebe, ist, dass Leute sagen: ‘Ich hoffe darauf, dass ich das oder das machen kann oder dass ich da oder dahin komme.’ Es wird also erkannt, dass der Ist-Zustand schlecht ist, schadet oder weh tut. Und es wird gewünscht, dass man zu einer Erlösung, zu einer Verbesserung, auf einen Weg kommt, der mich zufriedener macht und wo es mir besser geht, kurzum: der mich glücklicher macht.

Wo liegt denn da der Unterschied zwischen einem guten Vorsatz und einem hoffnungsvollen Gedanken? Ich kann ja auch hoffe, dass ich nächstes Jahr zwei Kilo abnehme. Das bedeutet ja nicht, dass ich auch sofort tätig werde.

Hoffnung entspringt daraus, dass ich festgestellt habe: Mein Zustand, so wie er jetzt ist, ist so bescheiden, ich hoffe, dass er sich nochmal ändert. Dann soll ja etwas passieren. Das heißt, es kommt ein Prozess in Gang – ganz unabhängig davon, ob ich selbst etwas mache oder ein Wunder geschieht oder jemand anderes etwas macht. Das bedeutet aber doch im Grunde, dass ich darauf vertraue, dass aus der vorhandenen Asche oder nur noch vor sich hin dümpelnden Glut wieder eine Flamme entsteht. Ich ersehne etwas, was mir wieder gut tut oder was mich rausholen soll aus dem, worin ich gerade bin. Also ist für mich wichtig: Das ist etwas, wo etwas passiert. Dem erwünschten Effekt der Hoffnung geht immer ein Prozess voraus, eine Veränderung. Eine Veränderung ist immer ein Prozess.

Mit der Hoffnung kann es aber doch auch oft der Fall sein, dass ich es gar nicht in der Hand habe. So hoffen beispielsweise die Angehörigen von Flug MH 370 darauf, dass ihre Angehörigen noch leben, beeinflussen können sie deren Schicksal aber dadurch nicht.

Das stimmt. Aber es soll trotzdem etwas passieren, damit das, was jetzt da ist, besser wird. Die Hoffnung lässt den Geist positiv und kämpferisch bleiben. Ein Beispiel: Jemand, der krebskrank ist, der um seinen Zustand weiß, sich aber nicht aufgibt. Er hofft darauf, dass er es entweder mit der aktuellen Chemotherapie oder dem, was die Ärzte sonst noch in petto haben oder dem, was ein Wunder für ihn vielleicht vollbringen kann, wieder in einen Zustand schafft, der besser ist. Ich sehe, dass dieser Mensch, der Hoffnung hat, sich kämpferisch gegen seinen Ist-Zustand aufbäumt und nicht darin verharrt und sagt: Eigentlich gehe ich jetzt kaputt. Da ist immer noch eine Hitze drin, eine Energie, die darauf vertraut: Es kommt vielleicht noch mal die Flamme. Und das ist wichtig, denn wenn ich die Hoffnung aufgebe, habe ich nichts Prozesshaftes mehr in mir. Und wenn ich die Hoffnung aufgebe, obsiegen Melancholie und Schwermut. Melancholie und Schwermut sind total avitale Mächte, da ist nichts von Vitalität mehr, nichts, aber auch gar nichts. Die sind nur noch destruktiv. So lange ich hoffe und sehne und im Grunde auch kämpfe, trage ich die Sehnsucht nach Leben und Vitalität in mir.

Ist Hoffnung etwas, was jeder Mensch von Geburt an in sich hat?

Lassen Sie es mich so sagen: Der Hoffnung inne wohnt ein Keimling. Da ist noch etwas, da sprudelt noch etwas. Wer hofft, hat immer noch Vitalität in sich. So sehr er glaubt, es sei bald alles vorbei. Wenn ich hoffe, habe ich eine Perspektive auf das danach. Und dieser immanente vitale Kern kann zu längerer Kraft verhelfen. Die Hoffnung auf das, was da hinten ist, die gibt mir den Ansporn, das Sprungbrett dafür, dass ich meinen schlechten Ist-Zustand überwinden kann. So lange ich hoffe, habe ich mich nicht aufgegeben. So lange ich hoffe, habe ich noch eigenen Antrieb. Und meine persönlich Erfahrung mit dem Thema Hoffen ist – und das nicht nur im Kirchenjahr, ich meine das hier auch im übertragenden Sinne – : Ich habe es noch nie erlebt, dass nach Karfreitag nie Ostern geworden ist. Wenn es mir im privaten oder beruflichen Bereich mal richtig schlecht ging, dann hilft das Gefühl und das Wissen der Vorerfahrung, dass es nach Karfreitag Ostern gegeben hat. Und dadurch, dass ich erlebt habe, dass sich Probleme aufgelöst haben und dass ich mir bewusst mache, wodurch ich das durchgestanden habe, bekomme ich Vertrauen in einer ähnlichen zukünftigen Situation wieder hoffen zu können.

Das spricht ja dafür, dass wir Menschen Hoffnung also tatsächlich von Grund auf in uns tragen, gewissermaßen als Antrieb.

Ich ziehe den Begriff der Vitalität vor. Beim Hoffen würde ich sagen: Das ist die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Das hat was mit diesem keimenden Kern an Vitalität zu tun: Sobald dieser Kern der Vitalität erloschen ist, hoffe ich nicht mehr. So lange ich noch hoffe, ist die in mir keimende Vitalität noch da. Wenn ich das nicht mehr mache, habe ich mich im Grunde aufgegeben.

Also hoffen wir immer? Auch, wenn es uns gerade gut geht?

In den Momenten hoffe ich, dass es so bleibt. Dazu muss ich mir bewusst machen, was ich Schönes habe. Das darf nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe nur eine Perspektive nach vorne, wenn ich ab und zu zumindest mal reflektiere: Warum stehe ich wo? So lange ich das hin bekomme und es dann nach vorne richte: Wo soll es hingehen? so lange ist noch nichts verloren. Die Hoffnung ist notwendig und gerechtfertigt auch im Hier und Jetzt. ich darf auch im Hier und Jetzt auf eine Verbesserung hoffen und muss nicht alle Schmach und alle Mühsal im Leben ertragen, damit ich dann vielleicht im jenseits mal etwas Schönes habe. das sagt ...B...sehr schön. Das gibt dem Individuum letztlich die Chance, auch selbst etwas dafür zu tun, um das, worauf ich hoffe, zu erreichen.

Man kann Hoffnung verlieren. Wodurch?

Ich bleibe bei diesem Beispiel der schwersten Krebserkrankung, da gibt es natürlich Menschen, die haben dann nur noch Melancholie und Schwermut. Die geben sich dann darein und sehen nichts mehr, was sich verändern könnte. Sie geben sich auf und sagen, es ist sowieso vorbei. Das ist aber die nihilistische Seite des Menschen, das ist nicht das, was uns primär an Vitaliät inne wohnt. Das Leben hat schon eine Sehnsucht nach sich selbst, das ist so. Ansonsten gäbe es uns ja auch gar ncicht. Vitalität und Hoffnung bedingen sich irgendwie gegenseitig. So lange jemand kämpft, so lange jemand hofft, so lange er etwas anderes erstrebt, hat er sich nicht aufgegeben.

Ist es Veranlagung, ob ich in einer schlimmen Situation eher hoffe oder eher aufgebe, resigniere?

Es gibt natürlich unterschiedliche Charaktere. Da gibt es Menschen, die haben von ihrem Naturell her eine gewisse Power in sich. Die haben eine gewisse aktive Art der Herangehensweise an Dinge und Probleme. Und es gibt Menschen, die haben weniger positve Erfahrungen damit, dass bestimmte schwierige Situationen überwunden werden können und dann tragen. Und deswegen hat die eine Person mehr und schneller Hoffnung und die andere seltener und weniger Hoffnung, Das gibt es. Trotzdem plädiere ich gerne dafür, zu sagen: Leute, guckt euch bitte an, ob ihr ncicht doch noch hoffen könnt.

Weil Sie von Grund auf so ein Powermensch sind oder auch aus fachlicher, beruflicher Perspektive?

Weil ich vielleicht tatsächlich von meinem Naturell her ein Mensch bin, der ein hohes Aktivitäts-Niveau hat. Zum anderen, weil ich auch wiederholt in meinem bisherigen Leben ganz konkret die Erfahrung gemacht habe: Es ist nicht im Karfreitag stecken geblieben. Es hat immer ein Ostern nach dem Karfreitag gegeben. Wenn ich Hoffnung pflegen will, muss ich gucken, was hat mir denn geholfen, da wieder rauszukommen? Je mehr ich mir das bewusst mache, umso mehr Grund habe ich doch, wieder zu hoffen.

Hoffen wir heute zu wenig?

Ich glaube nicht, dass wir zu wenig hoffen, ich glaube, dass wir zu wenig reflektieren, was die Berechtigung und die Zuversicht hervorbringt, dass Hoffen gerechtfertigt ist. Auch ich habe nicht schon mit acht Jahren ebegriffen, was es heißt, dass nach Karfreitag wieder Ostern wird. Je bewusster mir wird, dass Hoffen auch etwas Realistisches sein kann, umso eher lerne ich, dass Hoffen angebracht ist.

Zurück zum Anfang: Also ist Hoffnung nie passiv?

Hoffnung kann nie nur passiv sein. Ein Beispiel: Ich liebe Osterglocken. Wenn so eine verschrumpelte Narzissen-Knolle im Sommer im trockenen Erdboden so vor sich hin dümpelt, dann geht es der im Grunde schlecht, weil sie kein Licht hat, kein Wasser. Wenn Sie so wollen, ist es fast dysmorphe Asche. Und diese Knolle entfaltet im Frühling, wenn es wärmer wird, eine wunderschöne Blüte und streckt schon frühzeitig, wenn es noch friert, die ersten sprießenden Keime aus, dass ich immer wieder denke: Das ist ein Wunder, dass aus dieser verschrumpelten Knolle eine so strahlende gelbe Blüte kommt. Unglaublich.