Hart gekämpft für ein Leben mit Benjamin

Lippstadt..  Katrin P. strahlt, wenn sie ihren 20 Monate alten Sohn in die Arme schließt. „Ein kleines Wunder“, sagt die 39-Jährige: „Dafür musste ich hart kämpfen.“ Ein halbes Jahr lang habe sie Benjamin nur einmal in der Woche sehen dürfen - sechzig Minuten lang, nach eineinhalb Stunden Zugfahrt.

Seit einem Dreivierteljahr sind Katrin P. und ihr Benjamin wieder zusammen und unter einem neuen Dach - dem von Walburga und Franz-Josef R. Das Ehepaar hat als Gastfamilie vor dem Einzug von Mutter und Kind eigens die obere Etage seines Hauses renoviert. Das separate Wohnen dort verschafft der jungen Mutter endlich Privatsphäre und Platz, um sich selbst zu entfalten.

Zweifel auf offizieller Seite

Katrin P. (Name geändert) leidet unter einer geistigen Behinderung, die es ihr nicht ermöglicht, die Erziehung auf sich allein gestellt zu übernehmen. Von der Geburt Benjamins an gab es auf offizieller Seite Zweifel, ob sie als Alleinstehende ihre Mutterrolle überhaupt würde ausfüllen können. Die Verantwortlichen im Wohnverbund Lippstadt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) trauten das der Mutter zu: Im Juli 2013 werden Katrin P. und Benjamin die ersten Klienten des Betreuungsangebots „Familienpflege für Mutter/Vater und Kind“.

Die Erinnerung schmerzt Katrin P. noch – an die Trennung von Benjamin Anfang vorigen Jahres, den Abschied damals, ihre Wehrlosigkeit, als sie ihn nicht mehr füttern, anziehen, auf dem Arm halten konnte. Rückhalt erfährt sie von ihrer Schwester.

Und von Vertrauten bei ihrer Arbeitsstelle, einer Werkstatt für Menschen mit einer Behinderung, in der sie damals Vollzeit arbeitet. „Die haben mir immer wieder gesagt: Du kannst das! Kämpfe für deinen Sohn“, erzählt sie.

Die Schwester von Katrin P. nimmt irgendwann Kontakt mit Andrea Utzel auf. Sie schildert der Mitarbeiterin des LWL-Wohnverbunds Lippstadt den Fall. Utzel, die gemeinsam mit Kollegin Angelika Hüwelmann-Frye gerade die „Familienpflege für Mutter/Vater und Kind“ konzipiert hat, vereinbart einen Termin mit der Hilfe suchenden Mutter. „Bei unserem Gespräch hat sie mir ganz klar gesagt, was sie will, nämlich ihren Sohn. Da habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt“, sagt Andrea Utzel.

Einsatz zahlt sich aus

Der Einsatz zahlt sich aus: Jugendamt und LWL geben grünes Licht für die Aufnahme im Rahmen der „Familienpflege Mutter/Vater und Kind“. Andrea Utzel findet eine Gastfamilie. „Frau P. traut sich inzwischen viel mehr zu, und das macht sie selbstsicher“, hat Betreuerin Utzel bei ihren wöchentlichen Besuchen festgestellt. So klappe das abendliche Ritual, Benjamin ins Bett zu bringen, immer häufiger ganz ohne Hilfe. Und auch das Waschen ihrer Wäsche übernehme die junge Mutter jetzt alleine. „Wir unterstützen eigentlich nur noch bei der Grundversorgung, zum Beispiel beim Zubereiten des Essens, kümmern uns um Benjamin, wenn Katrin in der Werkstatt ist und geben hier und da Ratschläge in der Kindererziehung“, ergänzt die „Gastmutter“ Walburga R.

Benötigt Katrin P. also im Alltag Unterstützung oder einen Ratschlag, findet sie beides nur ein paar Treppenstufen tiefer. Es ist eine Wohngemeinschaft, von der beide Seiten profitieren. „Wir sind froh, dass wir vier über die Familienpflege zusammengefunden haben. Wieder alleine zu leben, das können wir uns gar nicht mehr vorstellen“, sagen die Gasteltern. Und auch für Katrin P. steht fest: „Wenn Walburga und Franz-Josef das auch wollen, dann bleiben Benjamin und ich hier!“

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