Geschichte, die niemanden kalt lässt

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Warstein..  „Das heißt Oswiecim, nicht Auschwitz“, weisen mich die Schülerinnen und Schüler freundlich zurecht. Beweis dafür, wie wichtig den kommenden Abiturienten die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ist. Über die Karnevalstage hatten sich die insgesamt 15 Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern Jan Harlaß, Rosa Lindenberg und Psychologe Holger Rick auf die Reise ins polnische Oswiecim gemacht, besser bekannt unter dem deutschem Namen Auschwitz.

Eine Reise ins Ungewisse war es für die kommenden Abiturienten allerdings nicht. „Wir haben uns insgesamt drei Mal vorher getroffen und in Gruppen Zeitzeugenliteratur bearbeitet und Plakate gestaltet“, erklärt Sophia Vitale.

So eine Reise gehört intensiv vorbereitet, wissen auch Jan Harlaß und Rosa Lindenberg, die diese Fahrt begleiteten, die schon seit mehreren Jahren vom Gymnasium organisiert wird.

Auschwitz gilt seit Jahrzehnten als Schandfleck der deutschen Geschichte, ließen dort mehr als eine Million Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte und weitere Opfer der Nazi-Diktatur ihr Leben. „Ob wir uns schuldig fühlen, weiß ich nicht so recht. Aber man schämt sich schon für seine Vergangenheit“, erläutert Isabel Castillo Duran, die genauso wie ihre Mitschüler von den dortigen Dimensionen betroffen und erschrocken war. „Das ganze war ja von oben bis unten durchorganisiert“, ergänzt Christian Lehmgrübner.

Prägnante Orte wie die Lageraufschrift „Arbeit macht frei“ oder das Eingangstor für die Züge mit den deportierten Häftlingen blieben den Jugendlichen ebenso wie persönliche Schicksale im Gedächtnis. „Die Geschichte wurde vor allem dann greifbar, wenn es persönlich wurde, wenn es um Schicksale einzelner Häftlingen ging“, so Sandra Severin und Lennart Bäcker ergänzt: „Das ganze lastet schon auf einem. Man versucht dann, sich in die Schicksale hineinzuversetzen.“

Fragen diskutiert

Erlebnisse und Eindrücke, die die geschichtsinteressierten Gymnasiasten natürlich zu verarbeiten ersuchten. „Wir saßen jeden Abend zusammen, haben darüber gesprochen und zu gewissen Fragen auch diskutiert“, fährt Christian fort.

Sie wirken gefasst und ein wenig nachdenklich, hat doch jeder von ihnen so seine eigenen Erfahrungen während des Aufenthalts gemacht.

Ob in Bildern, persönlichen Gedichten und Texten, in stiller Meditation oder in Gesprächen mit Freunden und Mitschülern – die Schüler ließ vieles Erlebte nicht los. „Ich denke, wir brauchen noch etwas, um das zu verarbeiten“, so Isabel Castillo Duran.

„Manchmal war man einfach mit sich selbst beschäftigt, in gewisser Weise bedrückt“, ergänzen ihre Mitschüler: „Zwischendurch brauchte man aber einfach auch eine Pause, Kontrastprogramm und etwas Ablenkung.“ Abschließen können und wollen sie mit der Fahrt noch nicht-- sie bereiten nicht nur eine Ausstellung im Gymnasium zu der Gedenkstättenfahrt vor, sondern fordern auch, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen: „Es ist schon schade, wie sich das dort fast schon zu einer Touristenhochburg entwickelt hat“, erklärt Sophia Vitale, die sich noch besonders an die aufbewahrten Habseligkeiten der Häftlinge erinnert. „Haare, Brillen, Koffer, sogar Prothesen“, die an das grausame Leben im Konzentrationslager erinnern.

Interesse an Geschichte

„Während der Führungen war es häufig sehr still, keiner konnte etwas sagen“, erinnern sich die Schüler an die Besuche der Orte, an denen Abertausende ihr Leben verloren und nur die wenigsten überlebt haben. Ob sie dazu raten, eine Reise zur Gedächtnisstätte des Konzentrationslagers Auschwitz anzutreten? „Ja, aber nur, wenn man sich auch für Geschichte interessiert und sich damit auseinandersetzt. In gewisser Weise ist man selbst dafür verantwortlich, dass so etwas nicht noch einmal passiert. “

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