Geistig behinderte Mutter und Baby haben Zuhause gefunden

Jennifer und ihr Baby Lisa haben bei den Gasteltern Manuela und Roy ein neues Zuhause gefunden.
Jennifer und ihr Baby Lisa haben bei den Gasteltern Manuela und Roy ein neues Zuhause gefunden.
Foto: Ralf Rottmann
Pflegeeltern haben Jennifer (25) und Lisa (1) aufgenommen. Seit einem Monat leben sie nun alle zusammen – eine Freundschaft auf den ersten Blick. Die behinderte Mutter und ihr Kind hätten ohne die Hilfe des Paares getrennt werden müssen.

Lippstadt. Lisa kichert leise. Mama Jennifer hat das Mädchen auf dem Schoß, krabbelt mit den Fingern über seinen Kopf, den Bauch, die Beine. Sie kitzelt die Zunge, die Lisa weit herausstreckt. Dann stemmt sie die Kleine weit über den Kopf, spielt Flugzeug mit ihr. Und dabei strahlen die beiden einander an. Sie gehören zusammen.

Und drohten doch getrennt zu werden: Jennifer ist geistig behindert. Allein für Lisa zu sorgen, das hätte die 25-Jährige aus Hagen nicht geschafft. Das Jugendamt hätte ihr Lisa nehmen müssen – wenn die beiden nicht zu Manuela und Roy nach Lippstadt gezogen wären, in eine ganz besondere Gastfamilie.

Seit einem Monat leben sie nun alle zusammen – eine Freundschaft auf den ersten Blick. „Als wir die beiden das erste Mal gesehen haben, da war es um uns passiert“, sagt Manuela und lacht. „Ich wollte nicht mehr weg“, bestätigt auch Jennifer.

Die gleichen Fragen immer wieder stellen dürfen

Einen leiblichen Sohn hat Manuela großgezogen, dann ihren Neffen als Pflegekind aufgenommen, einen Jungen mit einer geistigen Behinderung. Nun, da beide erwachsen sind, hat sie noch einmal zwei Menschen aufgenommen. „Das bringt wieder Leben ins Haus“, freut sich die 44-Jährige. Ein Vollzeitjob, obwohl sich doch eigentlich Jennifer fürsorglich um ihre Tochter kümmert. Windeln wechseln, spazieren gehen – das alles übernimmt die junge Mama. „Es ist eigentlich bequemer für uns als früher mit den Kindern“, sagt Manuela.

Und doch muss sie rund um die Uhr für die beiden da sein. Denn Jennifer hat die gleichen Fragen wie jede junge Mutter – muss sie aber immer wieder stellen. Und braucht immer wieder die Bestätigung, dass sie alles richtig macht, alles in Ordnung ist mit dem Kind. „Selbst wenn sie nur mit dem Buggy um den Block schiebt, schickt sie von unterwegs über das Handy Kurzbotschaften mit ihren Fragen“, erzählt Manuela.

Pflegemutter ist für das Kleinkind verantwortlich - und muss sich doch zurücknehmen

Als Pflegemutter ist sie für Lisa verantwortlich. Die nächsten 17 Jahre noch. Falls Jennifer ihre Aufgabe eines Tages zuviel werden sollte, wonach es derzeit allerdings nicht aussieht, bleibt Lisa bei Roy und Manuela. Und doch müssen sich die beiden zurücknehmen, dürfen sich nicht zu viel kümmern, nicht in die Beziehung drängen: „Das Kind hat eine Mama“, betont Manuela.

Trotzdem ist sie ganz vernarrt in die Kleine, schwärmt wie eine stolze Patentante von dem Mädchen. Sie hebt die Kleine auf den Schoß, lässt sie mit ihrer Kette spielen, macht „Dududu“ und „Blablabla“. Und wird dann wieder ernster: „Helfen, aber nicht zu viel – das ist eine Gratwanderung.“ Mutter Jennifer trifft die Entscheidungen, Manuela und Roy beraten sie nur.

Auch Pflegeeltern bekommen Unterstützung

Dabei werden sie sie künftig immer mehr unterstützen müssen, wenn Lisa größer wird. Wenn sie in die Schule kommt, wird Jennifer ihr zum Beispiel bei den Hausaufgaben nicht helfen können, ahnt Manuela. Was noch alles auf sie zukommt, ist nicht recht abzuschätzen. Lisa ist in ihrer Entwicklung sechs Monate im Vergleich zu gleichaltrigen Babys zurück. Ob sie vielleicht auch eine geistige Behinderung hat, ist noch ungewiss. Und abends, wenn die Kleine im Bett ist, dann kümmern sich die Gasteltern noch um die Sorgen der jungen Frau. „Liebeskummer zum Beispiel“, erklärt Manuela.

Aber sie und Roy bekommen selbst auch viel Hilfe. Einmal pro Woche kommt Andrea Utzel von der „Familienpflege für Vater/Mutter und Kind“ des LWL-Wohnverbundes in Lippstadt vorbei. Um Fragen zu beantworten, nach der Familie zu sehen. „Man nimmt nicht nur Mutter und Kind auf, sondern auch Frau Utzel. Darüber muss man sich vorher im Klaren sein“, sagt Manuela und lacht.

Nachfrage der Jugendämter nach weiteren Gastfamilien ist groß

Seit zwei Jahren vermittelt Andrea Utzel nun bereits in solche Gastfamilien. Vier Familien mit fünf Kindern betreut das Pflegeteam mittlerweile, zwei weitere bahnen sich an. Die Nachfrage der kommunalen Jugendämter nach weiteren Gasteltern ist groß.

Und wer Jennifer und Lisa beim Spielen zusieht, versteht auch warum „Sie macht das so gut...“, sagt Andrea Utzel, während sie Mutter und Tochter beobachtet. „Sie haben eine so starke Bindung – wir dürfen sie einfach nicht trennen.“

 
 

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