Friedhöfe erzählen auf eigene Art aus Rüthens Geschichte

Stadtführung zum Thema „Die Rüthener Friedhöfe im Wandel der Zeiten“ mit Stadtführer Martin Krüper: Nikolaus-Kirchhof, im Vordergrund der Grabstein von Pastor Gerd Schwarze.
Stadtführung zum Thema „Die Rüthener Friedhöfe im Wandel der Zeiten“ mit Stadtführer Martin Krüper: Nikolaus-Kirchhof, im Vordergrund der Grabstein von Pastor Gerd Schwarze.
Foto: WP

Rüthen.. Friedhöfe sind stumme Zeugen der Zeitgeschichte. Gleich vier Friedhöfe und ehemalige Begräbnisplätze befinden sich auf dem Areal der historischen Rüthener Altstadt. Stadtführer Martin Krüper brachte ihre Besonderheiten bei der Führung zum Thema „Die Rüthener Friedhöfe im Wandel der Zeiten“ nahe. Eine Premiere.

Das Wetter passt zum Thema der speziellen Stadtführung: Der Himmel ist grau, es nieselt leicht. Selbst aus Suttrop und Meschede-Berge sind Interessierte angereist, um sich über die unterschiedlichen Bestattungsformen und die Gestaltung der Grabdenkmäler – Spiegelbilder der jeweiligen kulturgesellschaftlichen Phasen – zu informieren.

„Das ist ein spannendes Thema“, erzählt Stadtführer Martin Krüper, der sich seit einem halben Jahr intensiv mit der Friedhofs-Geschichte beschäftigt. „Ich bin gespannt, was man noch erfahren kann.“ Arbeitstitel seiner Forschungen: „Guck mal, wer hier liegt.“

Besonderes gibt es gleich zu Beginn: Gleich neben dem Hachtor liegt der Judenfriedhof, der älteste und wohl auch größte in Westfalen. „Es gibt viele Ähnlichkeiten zu einem christlichen Begräbnis.“ Augenfälligster Unterschied zu christlichen Friedhöfen: Es gibt keine Blumen. „Die Angehörigen bringen bei einem Besuch Steine mit. Beim Auszug aus Ägypten wurden Gräber in der Wüste wahrscheinlich schon mit Steinen belegt“, erläutert Krüper

Gräber für die Ewigkeit

Ebenfalls ein Unterschied: Die Gräber sind für die Ewigkeit angelegt. Zweit-Belegungen und Liegefristen gibt es nicht. Mit ein Grund, warum sich die Juden gewünscht haben, ihren Friedhof im Stadtgraben anlegen zu dürfen. Der war schließlich auch für die Ewigkeit angelegt. 1625 bekamen sie vom Magistrat das Gebiet am Hachtor als Begräbnisplatz zugewiesen. Der älteste erhaltene Grabstein ist von 1654, der letzte Grabstein, der aufgestellt wurde, stammt aus dem Jahr 1935. Die letzte Beerdigung fand 1958 statt: Dr. Hugo Stern wollte im Doppelgrab seines Vaters beigesetzt werden. „Es hat hier etwa 200 Beerdigungen gegeben, 80 Steine sind noch erhalten.“

Interessiert lauschen die Besucher, was Krüper über diese zu erzählen hat. Anhand von Namen und Symbolen – auf den Steinen finden sich Stundengläser, Sterne, Kronen und selbst Mohnblüten als Zeichen des ewigen Schlafes – wird das Leben der jüdischen Familien in Rüthen und ihre Kultur lebendig.

Zweite Station der Friedhofs-Führung: Der Nikolaus-Kirchhof. „Es war früher üblich, die Toten rund um die Kirchen zu bestatten. Aber in den Zeiten der Aufklärung wollte man das nicht mehr: Die Friedhöfe sollten aus Angst vor Vergiftungen des Grundwassers aus den Orten raus.“ 1816 wurde das Geländer der ehemaligen Rüdenburg für 500 Reichstaler gekauft. Die Rüthener von St. Nikolaus blieben jedoch zunächst stur: „Mit dem Totenwagen durch das Gebiet der Johannes-Katholischen? – Das ging gar nicht.“

Heute stehen auf dem Nikolaus-Kirchhof, der seit 1826 nicht mehr belegt wird, nur noch drei Denkmäler. Zu dem für Pastor Gerd Schwarze weiß Krüper eine nette Anekdote: Weil er bei der Lobe-Prozession das Schnäpse trinken verboten hatte, rächten sich die Rüthener, sägten das Pult an und warfen ihm eine tote Katze in den Brunnen.

Einst mit Beinhaus

Weiter geht es zum Johannes-Kirchhof. Während in der Nikolaus-Kirche eine Bestattung verbrieft ist – die von Bürgermeister Christof Brandes im 30-jährigen Krieg – wurde in St. Johannes nicht bestattet. Eine Besonderheit gab es hier jedoch: „Auf dem Kirchhof war ein Beinhaus, um die Gebeine nach der Liegezeit zu sammeln.“ Auch die Johannes-Katholischen weigerten sich lange, auf dem Gelände der Rüdenburg zu beerdigen. Dafür gehen heute alle Bestattungen von der Johannes-Kirche aus: „Das ist eine schöne Symbolik: Man geht das letzte Stück Weg gemeinsam.“

Gemeinsam geht es durch das Portal der ehemaligen Kapuzinerkirche. Krüper deutet auf die ältesten Grabsteine, führt die Besucher durch die Reihen des Friedhofes. Sein Ziel: Das Grab des Künstlers und Kunsterziehers Eduard Bufé, einer der vier Rüthener Ehrenbürger. Krüper erzählt aus dessen Leben, flechtet Informationen zu Grabstein und Kreuz – das Meisterstück von Rudi Sitzer – ein.

Nächstes Ziel: Der vom zeitgenössischen Bildhauer Ulrich Rückriem gestaltete Stein der Gruft der Familie Meschede. „An ihm stoßen sich viele Rüthener. Sie verstehen die Symbolik nicht.“ Weiter geht es zum Grab von Ehrenbürger Eberhard Henneböhle und zurück zu den ältesten Steinen am Friedhofseingang. In einen wurde ein Schmetterling gemeißelt. Eine Symbolik, die einen Bogen schlägt zum Beginn der Führung.

 
 

EURE FAVORITEN