Erinnern als Lernen aus der Geschichte

Gedenkfeier Treisekapelle
Gedenkfeier Treisekapelle
Foto: WP
Das Wetter war strahlend schön – der Anlass dagegen nicht: Zur Gedenkfeier für die Opfer der Euthanasie in der heimischen Klinik kamen gestern Bürger aus allen Ortsteilen zur Treise-Kapelle auf dem LWL-Klinik-Gelände. Das kleine Gotteshaus wurde für eine Stunde zu einem „Lernort“: Lernen, nicht zu vergessen.

Suttrop.. „Man sagt immer so leicht: Die Zeit heilt alle Wunden. Mit der Zeit wächst Gras über die Sache. Aber das stimmt nicht und das darf nicht passieren“, führte Dr. Josef Leßmann, ärztlicher Direktor der Klinik, in die Gedenkfeier ein.

Mittlerweile wachse zwar Gras über den Prellbock, der am Anfang des Gleises steht, von dem aus 1941 und 1943 die Züge mit den Patienten in die Vergasungskammern nach Hadamar rollten, aber: „Diesen materiellen Zeitzeugen müssen wir erhalten und ihn in Verbindung zu unserem Gedenken hier an der Treisekapelle rücken“, mahnte Leßmann, „dies ist umso wichtiger, als unsere menschlichen Zeitzeugen aussterben. Das darf nicht dazu führen, dass wir nicht mehr an das Grauen denken, dass vor über 70 Jahren auch hier geschehen ist.“

Kapelle als „Lernort“

Auch wenn er selbst zu der Generation gehöre, die damals noch nicht geboren war, so sei er davon überzeugt, dass die Gräueltaten dieser Zeit auch künftig „eine nässende Wunde unseres Landes und auch unserer Stadt bleiben müssen.“ Nur so könne verhindert werden, dass sich Derartiges wiederhole. Die Generation, auf die es in dieser Hinsicht ankommt, war gestern vor Ort: Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der Marienschule Lippstadt waren mit ihrem Lehrer und Warsteiner Ortsvorsteher Dietmar Lange nach Warstein gekommen, um an diesem besonderen Ort ihre Gedanken zum Gedenken kundzutun.

„Solche Gedenkfeier sind wichtig, egal wie alt oder jung man ist“, sagte der 18-jährige Julian Schefer, „vor 70 Jahren sind unfassbar schlimme Taten von Menschen an Menschen verübt worden. Das darf nicht passieren. Denn wir sind alle Menschen, für uns gelten nicht die Gesetze der Tierwelt, sondern wir begegnen uns alle auf Augenhöhe.“

Sie seien froh, heute in einer Gesellschaft zu leben, die Individualismus fördere, so das einhellige Fazit der Schüler. Der Rückblick auf die Vergangenheit sei gerade für sie zwingend notwendig, so Fabian Günnewig (17): „Wäre es nicht viel einfacher, das alles einfach zu vergessen? Nein, denn wir sind betroffen: Wir sind es doch, die die Geschichte weiterführen und die verhindern können und müssen, dass sich Dinge, die für einen jungen Menschen des 21. Jahrhhunderts unvorstellbar sind, nicht wiederholen.“ Sie müssten jetzt handeln und derer gedenken, die damals ums Leben kamen, damit nicht in 100 Jahren Menschen eine Gedenkveranstaltung abhalten müssten, „weil wir versagt haben.“

Die Bläsergruppe der LWL-Einrichtungen Warstein begleitete die Gedenkstunde musikalisch, an deren Ende Dr. Josef leßmann mit einem Blick nach vorne schloß: „Ich hoffe dass wir im nächsten Jahr zu diesem Anlass den Prellbock räumlich näher an die Treisekapelle gerückt haben, um das Gedenken noch deutlicher zu manifestieren.“

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