Ein intaktes Leben in der Ersatzfamilie

Armin Obalski
Familienspiel: Auf dem Foto sind aus Schutzgründen Marco und Cindy Friedrich nur mit ihren leiblichen Kindern Jenna und Robin zu sehen.
Familienspiel: Auf dem Foto sind aus Schutzgründen Marco und Cindy Friedrich nur mit ihren leiblichen Kindern Jenna und Robin zu sehen.
Foto: WP

Altenrüthen.  Ostern ist eines der klassischen Familienfeste. Es treffen sich Jung und Alt, Kinder und Eltern. Doch nicht immer erfahren Kinder in den Familien, in die sie hineingeboren sind, jene Bedingungen, inklusive Geborgenheit und Nestwärme, die für ihre gute Entwicklung nötig sind. Dann kommen andere ins Spiel, die für diese Rahmenbedingungen sorgen. Das Spek-trum reicht vom Kinderheim über die klassischen Pflegefamilien bis hin zu sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften. Cindy (36) und Marco (40) Friedrich aus Altenrüthen sind solche besonders qualifizierten „Eltern“, die ihren „Kindern“ neben familiären Strukturen auch durch fundierte Sozialarbeit den Weg in ihr weiteres Leben ebnen. Unter ihrem Schutz verbringen die Kinder auch solche besonderen Tage, denn sie werden rund um die Uhr 365 Tage im Jahr betreut.

Kontakte halten über Jahre

Derzeit gehören zur Familie neben den beiden eigenen Kindern Robin (8) und Jenna (10) vier Pflegekinder im Alter von 5 bis 16 Jahren. Doch dies ist nur eine Momentaufnahme, denn schon vor über zehn Jahren kam das erste Pflegekind ins Haus. Seitdem haben Cindy und Marco Friedrich eine ganze Reihe von ihnen einen mehr oder weniger großen Teil ihres Lebens begleitet. Und das teils bis sie auf eigenen Füßen stehen konnten, so wie der heute 19-jährige Axel, der inzwischen in einer eigenen Wohnung lebt, aber immer noch engen Kontakt zu ihnen hält. So hat er sich für Ostern im Hause Friedrich zum Essen angesagt und ist herzlich willkommen.

„Wir sind eine richtige Großfamilie“, sagt Cindy Friedrich lachend. „Das gibt es ja kaum noch, dass so viele Kinder unter einem Dach leben – und das leben wir auch aus.“ Damit meint sie, dass alle zusammen auch in der Öffentlichkeit als eine große Familie auftreten, dass man gemeinsam Veranstaltungen besucht, einkaufen geht oder – wie gerade jetzt geschehen – gemeinsam Urlaub macht. Doch das Leben in der Großfamilie bringt auch, wie die 36-Jährige betont, einiges an organisatorischem Aufwand mit sich. Arzttermine, schulische Verpflichtungen und Freizeitaktivitäten wollen koordiniert werden und das Mal sechs, wobei auch für die Erwachsenen Freiräume bleiben müssen.

Hinzu kommt die pädagogische Arbeit. Dass die beiden Altenrüthener bis zu vier Pflegekinder aufnehmen dürfen, liegt daran, dass beide ausgebildete Erzieher sind. „Beide Teile müssen für diese Größenordnung Profis sein“, betont Marco Friedrich. Und so familiär es auch zugeht, Grundvoraussetzung für die sozialpädagogische Lebensgemeinschaft ist eine Betriebserlaubnis vom Landesjugendamt. In dieser ganz besonderen Familie bringen die belegenden Jugendämter – selbst aus Wuppertal oder Berlin – Kinder unter, die den Rahmen einer normalen Pflegefamilie sprengen würden. Die Neigung zu Gewalt oder das Einnässen sind Beispiele dafür, wie sie auf Vernachlässigung in ihrer Herkunftsfamilie oder dort selbst erfahrene Gewalt reagieren.

Doch so sehr solche Kinder eines neuen, schützenden Umfeldes bedürfen, nicht alle sind für eine sozialpädagogische Lebensgemeinschaft geeignet. „Manche können eine so enge Beziehung nicht aushalten“, berichtet Wolfgang Viertel vom Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) NRW, mit dem Familie Friedrich zusammenarbeitet. Grund dafür könnten eben schlechte Erfahrungen mit den leiblichen Eltern sein.

Nicht „Mama“ und „Papa“ für alle

Erscheint aber ein Kind geeignet als Mitglied in einer solchen Lebensgemeinschaft, wie der in Altenrüthen, so hat auch die neue Familie mitzureden. „Wir gucken nach den Rahmenbedingungen, ob ein Kind zu uns passt“, erklärt Cindy Friedrich. Ausgetestet wird dies beim Probewohnen des potenziellen neuen Familienmitglieds. Zieht er auf Dauer ein, hat der neue Mitbewohner alle Optionen: „Er kann sich andocken an die Familie, es gibt aber auch eine gewisse Distanz“, erläutert Marco Friedrich. So lassen er und seine Frau sich – mit Ausnahme von ganz kleinen Schützlingen – nicht mit Papa oder Mama anreden. Die Regel ist das Nennen beim Vornamen. Denn bis auf wenige Ausnahmen wird Kontakt zu den eigentlichen Eltern gehalten, den aber die Pflegeeltern begleiten. „Die Kids müssen wissen wo sie herkommen“, nennt Friedrich einen einfachen Grund. „Wir arbeiten mit den Eltern, nicht gegen sie“, betont er. Ihre Eltern Mama und Papa nennen zu dürfen, ist so ziemlich das einzige Vorrecht, das Jenna und Robin Friedrich haben. „Ich habe noch nie erlebt, dass eine Rivalität entstanden ist“, freut sich Cindy Friedrich über das gute Miteinander aller ihrer Kinder.

„Wir wollen nichts anderes mehr machen“, haben Cindy und Marco Friedrich ihre Bestimmung gefunden. Und dazu den richtigen Ort, um ihr nachzukommen: „Die dörflichen Strukturen bieten viel Positives“, meinen beide. „Sie sind überschaubar und die Kinder wachsen hier in und mit den Vereinen auf.“