Ein Engel mit Heiligenschein und roten Lippen

Nach dem Ausflug über den Lippstädter Weihnachtsmarkt macht der LWL-Wohnverbund mit WP-Volontärin Jana Naima Fischer eine Pause in einem Café.
Nach dem Ausflug über den Lippstädter Weihnachtsmarkt macht der LWL-Wohnverbund mit WP-Volontärin Jana Naima Fischer eine Pause in einem Café.
Foto: WP
WP-Volontärin begleitet den LWL-Wohnverbund auf den Weihnachtsmarkt und erlebt am Ende eine Überraschung

Warstein..  Es fällt mir schwer, meine Geschichte über den gemeinsamen Besuch mit dem LWL-Wohnverbund auf dem Lippstädter Weihnachtsmarkt in nur den paar Zeilen zu berichten. Aber ich will sie erzählen, denn dieser Nachmittag bleibt mir als Besonderer in Erinnerung.

14 Uhr ist es, als ich auf dem Gelände der LWL-Klinik herumkurve und nach dem Treffpunkt für die Fahrt nach Lippstadt suche. Ein blauer Bulli steht noch vor der Schranke. Ich steige aus und treffe nicht zum ersten mal Frau Seehausen, nur habe ich zum ersten mal einen Namen zu diesem Gesicht. Neben ihr stehen Jürgen und Thorsten, deren Namen ich in dieser Geschichte verwenden darf.

Für den Rest der Truppe gilt das nicht. Sie möchten teils ihre Gesichter, teils nur ihre Namen nicht in der Zeitung wissen. Jürgen ist still, sagt kaum etwas, lacht mich aber zur Begrüßung freundlich an. Thorsten ist lebhafter, redet viel, lacht ebenso freundlich. Wir warten noch auf einige Teilnehmer. Acht sind es insgesamt. Acht Menschen, die auf den ersten Blick nicht verschiedener sein könnten. Acht Menschen, die sich nur eine Gemeinsamkeit teilen: dass sie zusammen auf dem Gelände der LWL-Klinik wohnen, in verschiedenen Wohnverbünden.

Nur eine von ihnen ist als Gast mitgekommen, eine kleine Frau, mit langen braunen Haaren, die still ist und sich auf gebrannte Mandeln freut, immer an der Seite ihrer Freundin mit der Mütze, der bunten Jacke und der resoluten starken und beschützenden Art. Als alle da sind, fahren wir im Konvoi los. Die Fahrt erscheint mir nicht sehr lang. Wir parken bei der Klinik, müssen nicht lange in die Stadt laufen.

Immer Beisammen bleiben

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt unterhalte ich mich mit Jürgen, der Mitglied im Beirat ist. Er erklärt mir viel, erzählt, wo sich der Beirat engagiert, welche Projekte er unterstützt. Wir gehen langsam, damit jeder mitkommt und keiner zurückbleibt. Alle sollen beisammen bleiben, das sagt Frau Seehausen immer wieder. Sie möchte niemanden verlieren. Auf dem Weihnachtsmarkt angekommen, verteilt sie an die meisten ihr Taschengeld. Sechs Euro bekommt jeder in einem kleinen Umschlag ausgehändigt. Das ist nicht viel, aber jeder freut sich, hat schon ganz besondere Pläne mit dem Geld. Zusammen geht es los, zuerst zu einem Stand mit gebrannten Mandeln, der schon von weitem seinen Geruch über den Platz mit der Lichterdecke verbreitet.

Die Mandeln werden gekauft, eine aufgeweckt aussehende Frau ist noch schneller und entwischt kurz, um mit einem pizzaähnlichen Brot mit Pilzen und Käse zurückzukehren. Frau Seehausen hebt mahnend den Finger. „Jetzt bleiben wir aber alle zusammen“, sagt sie wieder. Das tun wir. Hält jemand an einem Stand, wartet die ganze Truppe.

Unfreiwillige Familie

Sie wirkt zusammengewürfelt, trotzdem schaut jeder nach dem anderen. Erst nach und nach wirkt die kleine Gruppe auf mich wie eine Familie, die sich ihre Mitglieder zwar nicht aussuchen kann, aber trotzdem füreinander da ist. Die umeinander rotieren und deren Mittelpunkt Frau Seehausen ist, die von allen sichtlich gemocht wird, die sie zurück mag und Spekulatius und Respekt gleichermaßen unter ihnen verteilt, die sie zusammenhält, auch wenn das manchmal schwierig zu sein scheint.

Sie alle mit ihren verschiedensten Vergangenheiten scheinen sich bei ihr wohl zu fühlen, sie zu schätzen, denn Frau Seehausen kümmert sich. Thomas zeigt mir eine Tüte. „Das ist eigentlich geheim, ich hab nämlich ein kleines Geschenk für Frau Seehausen. Das bekommt sie zu Weihnachten. Hab ich eben schnell auf dem Markt gekauft als sie weggeguckt hat.“ Gekauft von den sechs Euro Taschengeld, die er heute zur eigenen Verfügung hatte.

Ich frage ihn, wie er Weihnachten feiert. „Im LWL-Wohnverbund. Wir feiern da in unserem Wohnblock alle zusammen, jedenfalls die, die nicht zu ihrer Familie dürfen oder keine haben wie ich.“ Dabei wirkt er gar nicht traurig. Er erzählt wie jeder andere von den Weihnachtstraditionen, nur eben mit einer neuen Familie, der LWL-Familie. Zusammen gehen wir Kaffee trinken. Gegessen wird hinterher bei McDonald’s.

Ein Dankeschön

Als wir uns beim blauen Bulli verabschieden, zieht Thomas ein kleines in weißes Papier gewickeltes Paket aus der Tüte. „Das ist ein kleines Dankeschön vom Beirat“, sagt er und drückt es mir in die Hand. Aus dem Papier entfaltet sich ein kleiner weißer Engel, aus Porzellan, mit einem gelben Heiligenschein und roten Lippen. Ebenfalls gekauft von den sechs Euro Taschengeld. Danke sagt in diesem Moment nicht genug.

Zum Abschied winken sie mir zu, eng im Bulli sitzend. Ich winke zurück und stelle den Engel daheim an mein Bett, Thomas Stimme im Ohr: „Der soll Sie beschützen, egal wo Sie gerade sind!“

 
 

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