Ein Dorf entdeckt seine Geschichte

Armin Obalski
Impressionen Altenrüthen, alte Hofstätten,  Hof Schulte-Hötte.
Impressionen Altenrüthen, alte Hofstätten, Hof Schulte-Hötte.
Foto: WP
Wenn Geschichte doch immer so unterhaltsam und spannend verpackt würde! Karl-Friedrich Hillesheim, pensionierter Lehrer aus Münster mit Zweitwohnsitz in Altenrüthen, fesselte beim Heimatnachmittag seine gut 80-köpfige Zuhörerschaft.

Altenrüthen. Wenn Geschichte doch immer so unterhaltsam und spannend verpackt würde! Karl-Friedrich Hillesheim, pensionierter Lehrer aus Münster mit biografischen Wurzeln und Zweitwohnsitz in Altenrüthen fesselte auch beim zweiten Heimatnachmittag seine gut 80-köpfige Zuhörerschaft, die nahezu alle Altersgruppen umfasste.

Kennen Sie Marx? Nicht Karl, sondern Wiegelmann. Eine alteingesessene Altenrüthener Familie trägt diesen Beinamen, entstanden aus dem Namen Marcus, um sie von den anderen Wiegelmännern, den Stranzes und den Börken zu unterscheiden. Schon seit dem 12. Jahrhundert, als es zu einer immer größeren Namenskonzentration kam, wurde dem Ruf- ein Beiname angefügt, um eine Person und schließlich auch deren Familie eindeutig identifizierbar zu machen.

Bei Bauern wurde in der Regel der Familienname noch um den Namen des bewirtschafteten Hofes ergänzt, was zugleich bei früher recht häufigen Besitzerwechseln ein Zeichen der Kontinuität bedeutete. „Der Name geht – der Hof bleibt“, brachte es Hillesheim auf den Punkt. In den Dörfern sei häufig der Hofname verwendet worden, dem dann der Rufname angehängt worden sei. Diese Aussage garnierte Karl-Friedrich Hillesheim mit einem Beispiel: So ist für ihn Dr. Hubert Hiegemann noch immer Crämers Hubert. „Viele Kinder erfuhren erst in der Schule, dass sie sich anders schrieben, als sie gerufen wurden“, berichtete der Referent schmunzelnd.

Bis zu 500 Jahre in Gebrauch

Sukzessive jedoch verschwanden die in der historischen Mitte Altenrüthens bis zu 500 Jahre alten Hofnamen, als vor über 200 Jahren bei der Gründung der Brandversicherung Hausnummern eingeführt wurden, erst recht aber, als in den 1960er Jahren – in Altenrüthen war dies 1964 der Fall – mit Einführung der Straßennamen amtliche Anschriften vergeben wurden. Und doch spielen im Dorf die Bei- und Hofnamen nach wie vor eine Rolle, auch wenn sie nicht, wie im Fall Wiegelmann-Marx fester Bestandteil des Namens wurden. So wird der amtierende Schützenkönig Ingo Wittig, der vor einigen Jahren das Anwesen Beule erwarb, im Gespräch oft als Beulen Ingo bezeichnet. Bis Wiegelmanns ihren Marx sicher hatten, sprachen die Gerichte. „Die Behörden behaupteten, wir hätten uns den Namen widerrechtlich angeeignet“, erinnerte sich Hildegard Wiegelmann-Marx.

„Je mehr man über seinen Heimatort weiß, umso mehr identifiziert man sich damit“, formulierte Karl-Friedrich Hillesheim den Grund für die Heimatnachmittage. Daher sammelt er auch Totenbildchen und beschäftigt sich mit deren Bedeutung für die Familien und Dorfgeschichte. 272 verschiedene umfasst sein Fundus bereits. Sein Hauptaugenmerk richtet er aktuell auf die Totenzettel für die im 1. und 2. Weltkrieg gefallenen Altenrüthener.

Auswanderer nach Übersee

Das Thema für einen weiteren Heimatnachmittag kristallisierte sich auf Initiative von Annelie Schulte-Steffens heraus: Auswanderer aus Altenrüthen nach Übersee. So war Stefanie Ratte als Schwester Angelika erste Generaloberin der Franziskanerinnen in Amerika.