Die Pflege als Ware – Caritas warnt die Politik

Kreis Soest..  Peter Wawrik, Vorstandsvorsitzender der Caritas im Kreis Soest, legte den Finger in die Wunde, als er im Rahmen der jährlichen „Pressekonferenz Pflege“ Zahlen sprechen ließ. 811 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren im Jahr 2013 kreisweit in der Caritas Alten- und Krankenhilfe tätig: in einer der elf Sozialstationen mit ihren ambulanten Diensten, in einer der drei Tagespflegen, im Seniorenwohnheim St.-Annen- Rosengarten, in den zwei Seniorenwohngemeinschaften oder in einer der drei betreuten Wohneinheiten. Über 3000 Bürgerinnen und Bürger im Kreis Soest werden täglich gepflegt, betreut und beraten. 571 Sterbende wurden begleitet, 371299 Essen auf Rädern wurden persönlich übergeben. Täglich können über 3000 Menschen sicher sein, dass das für sie geflochtene Caritas-Versorgungsnetz sie trägt.

Peter Wawrik erläutert: „Vor 40 Jahren hat die Politik beschlossen, dass die bis dahin in den Dörfern allein arbeitenden Krankenschwestern zu Organisationen zusammengefasst wurden. Damals wurde zum Beispiel in Geseke unsere erste Caritas-Sozialstation gegründet, eine der ersten in NRW überhaupt. Damals haben die Politiker noch gesagt: Wir haben die Verantwortung. 1976 hat z.B. der Sozialausschuss der Stadt Erwitte darüber beraten, dass in Erwitte ebenfalls eine Sozialstation installiert werden sollte. Das änderte sich, als 1993 die Pflegeversicherung kam. Die Pflege wurde zur Ware, sie muss sich seither dem Wettbewerb stellen.“ Mit dem Ergebnis, dass die Arbeit im Pflegebereich zwar gesellschaftlich notwendig ist, aber nicht den ihr gebührenden Stellenwert genießt. Und mit dem Ergebnis, dass sich die Rahmenbedingungen verschlechterten.

Mit ihnen hat – in der stationären Altenhilfe – Karl-Eugen Weweler, Leiter des Seniorenwohnheims St.-Annen-Rosengarten in Lippstadt, zu kämpfen: „Immer mehr Menschen werden nach der Akutbehandlung immer früher aus dem Krankenhaus entlassen und müssen in die Kurzzeitpflege.“ Dort müssen dann Heilungsprozesse begleitet werden, die vor der Einführung der Fallpauschale noch in den Krankenhäusern abgewartet wurde. Wenn dann, in der personalintensiven Kurzzeitpflege z. B. ein erforderlicher täglicher Verbandswechsel 45 Minuten dauert, wird dieser Dienst natürlich geleistet. Aber von keiner Kasse refinanziert. Weweler: „Wir haben unseren Anspruch als Caritas und wir helfen, wo wir können. Aber wir stoßen an unsere Grenzen.“

Gutze Pflege zuhause ist möglich

Das ist eine Aussage, die Bernd Müller, Leiter der Sozialstation Lippstadt, bekräftigt: „ 70 Prozent der Pflegebedürftigen leben in ihren eigenen vier Wänden. Dort kann gute Pflege geleistet werden. Vorausgesetzt, die Informationen über die Möglichkeiten der Hilfen und der Finanzierung werden auch eingeholt bzw. weitergegeben.“ Über das unzureichende Ausmaß der Information führt auch Ralf Heckmann, Fachbereichsleiter Pflege, Klage: „Sehen Sie doch mal in die Broschüren Ihrer Krankenkasse. Was finden Sie denn da an verständlichen Informationen über finanzielle Hilfen in der Pflege? Informationen gibt es oft nur auf explizite Nachfrage.“

Das ist der Stand im März 2014. Die Zahlen, die der Kreis Soest jüngst veröffentlichte, gehen weiter: Im Jahr 2030 werden ca. 280.000 Menschen im Kreis Soest leben, von ihnen sind 21 Prozent 65 bis 79 Jahre alt. Das ist ein Fünftel aller Bürger. „Stellen Sie sich vor“ fordert Peter Wawrik auf, „wie schnell 16 Jahre vorbei sind. Vor 14 Jahren erst haben wir die Jahrtausendwende gefeiert.“

Wenn also die dann pflegebedürftigen Menschen adäquat versorgt werden sollen, muss die Politik wieder tätig werden. „Wir brauchen ein anderes Verständnis von der älteren Bevölkerung, von der Pflege, von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen, eineandere Form von wertschätzender Medienarbeit, weniger Bürokratie und eine Ausbildungsoffensive, die Jugendliche bewegt, den anstrengenden, aber bereichernden Pflegeberuf zu ergreifen.“

An diesem Punkt schaltet sich wieder Bernd Müller ein: „Mein Beruf ist total toll, ich möchte keinen anderen.“ Sein Wunsch: Die Bürde der Verwaltungsarbeit muss von den Schultern der Pflegekräfte genommen werden. Laut Bundesamt für Statistik wendet jede Pflegekraft 22 Prozent der Arbeitszeit für die Dokumentation auf. Wenn sie auf zehn Prozent reduziert würde, damit wäre viel Zeit gewonnen. Müller: „Der Verwaltungskram, der beißt uns.“

 
 

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