Den Toten würdigen Platz im Leben geben

Armin Obalski
Erinnerung an die 1575 Opfer der Euthanasie aus Warstein: Mit einer Feierstunde in der Vinzenzkapelle, mitgestaltet vom MGV 1858 Warstein, begann die Gedenkveranstaltung.
Erinnerung an die 1575 Opfer der Euthanasie aus Warstein: Mit einer Feierstunde in der Vinzenzkapelle, mitgestaltet vom MGV 1858 Warstein, begann die Gedenkveranstaltung.
Foto: WP

Warstein. Einige Namen der 1575 Opfer der so genannten Euthanasie aus Warstein leuchten schon, viele aber liegen noch im Dunkel. Daran soll sich schnell etwas ändern und dazu, dass dies glückt, trug gestern die Feierstunde an der Treisekapelle bei. Alle Gäste, ob prominent oder nicht, ob Mitwirkende oder Zuhörer, wurden aufgefordert, zu Paten zu werden für eines dieser 1575 Opfer, deren Namen nun auf der eindrucksvollen neuen Gedenktafel in der Kapelle stehen und die nicht nur im übertragenen Sinn aus der Dunkelheit ins Licht treten sollen (wir berichteten).

„Ganz durcheinanderklamüsert“

Einer von ihnen, bei dem dies bereits geglückt ist, ist Aloys Muhs. 37 Jahre alt war der Mann aus Borgentreich, als er am 23. August 1941 nach seiner Deportation aus der Provinzial Heilanstalt Warstein in der Klinik in Hadamar vergast wurde. Der Historiker Prof. Rudolf Muhs ließ das Schicksal seines Verwandten, er war ein Vetter seines Vaters, lebendig werden. „Aloys M. aus B. – Eine Krankengeschichte“ hatte er seine Spurensuche genannt, wobei die Spuren der letzten zehn Jahres des Lebens von Aloys Muhs mehr als dürftig waren. Nachdem er 1927 an einer Psychose erkrankt war, kam er nach Warstein. Ganze acht Seiten umfasst seine hier angelegte Krankenakte. Bilder gibt es von ihm gar keine. „Ich bin ganz durcheinanderklamüsert“, hatte der Erkrankte seinen Zustand selbst beschrieben – eines der ganz wenigen unmittelbaren Zeugnisse seines Lebens.

Schuld und Sühne, auch der Frage danach widmete sich Prof. Muhs, der seinerseits den heutigen ärztlichen Direktor der LWL-Kliniken, Dr. Josef Leßmann, zum Vetter hat. Dessen für die Deportationen aus Warstein verantwortlicher Vorgänger Dr. Heinrich Petermann wurde zwar angeklagt aber freigesprochen. Aber auch die Familie von Aloys Muhs lud Schuld auf sich, wenn auch vor einem anderen Hintergrund als Petermann, der Karriere machen wollte. Die „Schuld“ der Familie war aber sozusagen erzwungenermaßen vom Regime verursacht. Daheim in Borgentreich sah man sich vor die Wahl gestellt, einen körperbehinderten Bruder von Aloys zu schützen, oder Aloys zu helfen. Das Ergebnis ist bekannt. „Was sind das für Zwänge, die dazu führen, dass eine Mutter wählen musste zwischen ihren Kindern?“, warf Prof. Rudolf Muhs eine Frage auf, die sich für Menschen, die das nicht miterlebt haben, kaum beantworten lässt.

Initialzündung für Gedenktafel

„Er war nicht nur tot, er wurde auch tot geschwiegen“, bedauerte Prof. Rudolf Muhs, dass sein Verwandter nie Thema in der Familie war. Auch dessen 1574 Mitmenschen, die das gleiche Schicksal im Tod unter der Gasdusche erlitten, soll es jetzt und zukünftig anders ergehen. Auch wenn sie alle, wie Dr. Josef Leßmann betonte, nie anonym waren, weil es über sie zumindest Krankenakten samt Namen und teils Fotos gibt, werden sie durch die neue Gedenktafel in der Kapelle – und durch hoffentlich 1575 Paten – ins Gedächtnis gerufen. „Wir müssen jedem Menschen seine Würde zurückgeben“, erinnerte Helmut S. Ullrich, Betriebsleiter der LWL-Einrichtungen, an die Initialzündung, die zu diesem Denkmal im besten Sinn führte.

„Die Namen sollten in der Kapelle präsent sein, sie aber auch verlassen können“, erläuterte Bernd Schrewe, der ursprünglich den Auftrag hatte, ein Trauerbuch zu entwickeln. Das können sie durch das von Robert Pasitka umgesetzte Konzept. Jeder Name ist durch ein Täfelchen verdeckt. Hat sich ein Pate gefunden, nimmt er es als kleines eigenständiges Denkmal mit nach Hause – der Name geht in die Welt hinaus und ist mitten unter uns.