Den Ankerpunkt daheim erhalten

Manfred Böckmann
Pflegekräfte können es Senioren ermöglichen, möglichst lange in der häuslichen, gewohnten Umgebung zu bleiben.
Pflegekräfte können es Senioren ermöglichen, möglichst lange in der häuslichen, gewohnten Umgebung zu bleiben.
Foto: picture alliance / dpa
In der heimischen Umgebung alt werden; ein Arzt aus Suttrop vermittelt Pflegekräfte aus Polen an die Familienangehörigen.

Suttrop.  Im Grund genommen war es wohl Sandra Maischberger. Sie hatte das Thema „Legale Pflegehelfer aus dem Ausland“ in ihrer Sendung thematisiert. Ewa Molenda aus Suttrop sah die Sendung und sprach gleich darauf ihren Mann an: „Das ist die Lösung!“

Ihr Mann ist nämlich Arzt und stand so immer wieder vor einem großen Problem: Neben den älteren Patienten, denen fachgerecht nur in einem Seniorenheim geholfen werden kann, hatte er es immer wieder mit Menschen zu tun, die aus seiner Sicht dort völlig falsch aufgehoben wären. „Ich hatte große Schwierigkeiten, diese Leute zu entlassen“, erinnert sich Dr. Daniel Molenda, der damals in Olsberg arbeitete: Speziell Menschen mit beginnender Demenz finden daheim einen Ankerpunkt, weil sie sich in ihrer gewohnten Umgebung bestens zurecht finden. „Im Krankenhaus wirkten sie jedoch desorientiert – und im Heim wäre das auch ein Problem“.

Zusammen mit dem Wunsch vieler Kinder der Betroffenen, sich daheim um ihre Eltern zu kümmern (aber beispielsweise berufsbedingt nicht den ganzen Tag), suchte der Suttroper nach einer Lösung – und war ihr offenbar ganz nahe.

Das Ehepaar Molenda stammt nämlich aus Polen, dort gibt es viele Frauen, die ältere Menschen pflegen. Das Lohnniveau ist niedriger, die Ausbildung (wenn auch nicht unbedingt als examinierte Altenpflegerin wie in Deutschland) solide. Und der 55-Jährige kennt die Mentalität der Menschen des Nachbarlandes, das es vor 26 Jahren verließ: „Wer früher seine Eltern in ein Heim gab, galt als schwarzes Schaf! Pflege ist Aufgabe der Kinder.“

Legale Beschäftigungen

So begann Molenda, das Konzept für die legale Beschäftigung der Polinnen 2007/08 zu entwickeln und mit einem Rechtsanwalt die Verträge zu erarbeiten. Seitdem vermittelt der Suttroper – ausschließlich – Polinnen für die Pflege von Senioren daheim.

Er betreibt die Vermittlung unter dem Namen „Weißer Engel“ nur nebenbei und auch nur im Umfeld von 100 Kilometern, um zwischendurch mal nach dem Rechten sehen oder bei Fragen helfen zu können. Er sieht, dass es den Senioren gut tut, weiter in der gewohnten Umgebung zu bleiben: „Die Eltern fühlen sich nicht abgeschoben“. Kostenmäßig sei zudem ein Heim durchschnittlich „doppelt so teuer“.

Ein Problem gibt es trotzdem: Derzeit zahlt die Pflegeversicherung deutlich mehr für einen Heimplatz als eine Pflege daheim. Doch dafür steht eine private Pflegekraft „immer zur Verfügung“. Sie hilft beim Anziehen und Frühstück machen, eventuell beim Einkauf und Säubern der Wohnung, vielleicht beim Spazierengehen. Was genau, wird individuell festgelegt. Ebenso die festen freien Stunden, die die Pflegekraft (mit eigenem Zimmer in der Wohnung) hat.

Molenda übernimmt dabei nur die Vermittlung der Frauen, begleitet aber auch sonst beide Seiten. Etwa dann, wenn die polnischen Frauen nach zwei Monaten „Heimaturlaub“ machen – oder gar aus familiären Gründen kurzfristig nach Hause müssen. Dann bemüht sich der Suttroper Arzt um kurzfristigen Ersatz. Dank seiner polnischen Kontakte gelingt dies – und auch durch seine Pflegerinnen, die Mundpropaganda betreiben. „Früher bin ich freitags nach Polen gefahren“, habe samstags ein Bewerbungsgespräch geführt und musste sonntags schon wieder zurück, um im Krankenhaus zu arbeiten“.

Sprache ist wichtig

Wichtig ist für Dr. Daniel Molenda, dass polnischen Kräfte deutsch sprechen können. Das sei nicht nur im Umgang mit den Senioren wichtig, sondern auch für den Fall, dass etwas passiert ist und Hilfe gerufen werden muss. Dafür gibt es zunehmend ein anderes Problem: Die deutschen Familien wünschten sich in der Regel eine Pflegehelferin ab etwa 50 Jahren. Und in der Altersgruppe haben viele Polinnen keinen Führerschein. Demnächst könnte auch das Lohnniveau die Sache schwerer werden lassen. Molenda: „Das ist in Deutschland höher, aber auch in Polen steigen die Löhne. Vor fünf Jahren war es noch kein Problem, eine polnische Krankenschwester zu bekommen, die für jeweils zwei Monate ihre Familie verlässt“. Wie es in fünf oder zehn Jahren aussieht, darüber möchte der Arzt nicht spekulieren, könnte sich aber vorstellen, dass er die Kräfte dann noch weiter östlich suchen muss. Für den Suttroper und seine Frau kein Problem: „Wir sprechen auch beide russisch“. Oder es steigen auch in Deutschland die Löhne und der Abstand reicht wieder, damit der legale Einsatz der Polinnen für diese attraktiv bleibt.

Was auf jeden Fall steigen werde, das sei der Bedarf: „Wir haben immer mehr alte Leute in Deutschland.“ Der „Weiße Engel“ soll aber gleichwohl nicht deutlich größer werden als die derzeit rund 20 Frauen, die sich in den Familien jeweils abwechseln. Zumal die Polinnen sehr familiär aufgenommen werden. Daniel Molenda: „Für einige ältere Frauen sind die Pflegerinnen wie eigene Kinder“.

Und auch für die Familie der zu Pflegenden ist alles mehr als nur eine Beschäftigung: „Viele Familien bleiben auch über den Tod der zu Betreuenden noch in Kontakt. Da werden Päckchen zu Weihnachten und Ostern versandt; zumindest noch ein Jahr. Die wenigsten Familien melden sich gar nicht mehr.“