Dauergenervt: Jeder fünfte Katholik denkt über Austritt nach

Leere Kirchen. Eine Studie des Bistums Münster hat untersucht, warum die Gläubigen mit ihrer Kirche so unzufrieden sind.
Leere Kirchen. Eine Studie des Bistums Münster hat untersucht, warum die Gläubigen mit ihrer Kirche so unzufrieden sind.
Foto: dpa
Das Bistum Münster hat erstmals untersucht, warum Gläubige unzufrieden in ihrer Kirche sind: Es ist Rückständigkeit. Studie hat bundesweite Geltung.

Münster/Paderborn. Bischof Felix Genn will es wissen. Warum verlassen die Gläubigen die katholische Kirche? Im Bistum Münster, das drittgrößte in Deutschland, waren es 10.112 Männer und Frauen im Jahr 2013.

„Auch wenn wir uns die Zahlen der Gottesdienstbesucher, der Taufen oder Trauungen anschauen“, sagt Genn, „müssen wir feststellen: Wir befinden uns in einer Abwärtsbewegung.“ Immerhin habe sich eine komplette mittelgroße Stadt von der Kirche verabschiedet.

Die Fehler der Vergangenheit

Die Augen vor der Fehlern in der jüngeren Vergangenheit verschließt er nicht. Die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester, der Prunkbau des früheren Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst und das neue Verfahren, mit dem die Kirchensteuer auf die Kapitalertragssteuer erhoben wird, haben die Austritte nach seiner Einschätzung befeuert.

„Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das längst nicht alles erklärt.“ Auch der individuelle Wertewandel gehe an der traditionellen Volkskirche nicht vorbei.

21 Prozent denken an Austritt

Antworten auf die Erwartungen, Befindlichkeiten und Kritik der Gläubigen liefert eine bundesweit einmalige Bistumsstudie. Mit Erkenntnissen, die aufhorchen lassen. So spielen 21 Prozent der Katholiken mit dem Gedanken, der Kirche für immer den Rücken zu kehren. Als Hauptgrund wird die Rückständigkeit genannt, gefolgt von der Kirchensteuer und den Enttäuschungen über die Kirche und deren Vertreter. Überraschende Information am Rande: die eigenen Mitarbeiter bewerten die Zufriedenheit der Gläubigen schlechter, als sie in Wirklichkeit ist.

Eine hohe Relevanz bezogen auf die Austrittswahrscheinlichkeit hat die Zufriedenheit mit der Pfarrgemeinde. Hier spielen die liturgischen Leistungen, die Seelsorge, das gemeinschaftliche Miteinander sowie die katechetischen Leistungen, etwa die Erstkommunion-Vorbereitung, eine entscheidende Rolle. Alarmierend: Selbst in kritischen Situationen finden 17 Prozent der Gläubigen keinen Halt in ihrer Gemeinde.

Auffallend ist der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung hinsichtlich der sozialen und caritativen Leistungen. Hier wird die Zufriedenheit der Katholiken von den Mitarbeitern weit überschätzt. Besonders unzufrieden sind die Katholiken unter 25 Jahren und diejenigen zwischen 65 und 65 Jahren.

Kitt der Gesellschaft

„Die Wahrnehmung ist in allen anderen Bistümern ähnlich“, sagt Ägidius Engel, Pressesprecher des Erzbistums Paderborn. „Es ist die Quittung der Gläubigen für die Entwicklung in den letzten fünf Jahren.“ Mut mache es ihm, dass bei aller Kritik an der Kirche „viele Menschen doch dabei bleiben“. Warum? „Die christlichen Werte sind für sie der gesellschaftliche Kitt.“ Vielleicht, so Engel, kommuniziere die Kirche nicht genug, wie viel Positives sie bewege: „Ich denke da ganz aktuell an zahllose Einsatzstunden, die ehrenamtliche Helfer für die Flüchtlinge leisten.“

Und wie geht die Wende? Bischof Genn verweist auf das, was Papst Franziskus sagt: „Bei der Alternative zwischen einer Kirche, die auf die Straße geht und dabei Probleme bekommt, und einer Kirche, die an Selbstbezogenheit krank ist, habe ich keine Zweifel, der ersten den Vorzug zu geben.“

 
 

EURE FAVORITEN