"Das Fest der Liebe haben viele von klein auf aufgesogen"

Harald Ries
Am Adventskranz sind die Kerzen wichtig. Und der Geruch. Entscheidend jedoch ist die Gewohnheit, das Vertraute, die Geborgenheit.
Am Adventskranz sind die Kerzen wichtig. Und der Geruch. Entscheidend jedoch ist die Gewohnheit, das Vertraute, die Geborgenheit.
Foto: dpa
Der Warsteiner Psychiater Josef Leßmann spricht im Interview über die Sehnsucht nach Ritualen und vertrauten Gewohnheiten zur Weihnachtszeit.

Warstein. Die Weihnachtszeit ist keine Zeit wie jede andere. Für die Feiertage und schon für die Wochen davor wünschen sich viele Menschen ganz eine bestimmte Form, vertraute Abläufe. So wie es früher war, soll es auch künftig sein. Zu diesen saisonal verstärkten Bedürfnissen haben wir Dr. Josef J. Leßmann, den ­Ärztlichen Direktor der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, befragt.

Frage: Wie wichtig sind Rituale zur Weihnachtszeit?

Josef Leßmann: Dazu zunächst ein persönliches Erlebnis aus der eigenen Familie, gerade erlebt: 22-jähriger Student kommt nach langer Zeit zum Wochenende mal wieder nach Hause und fragt die Mutter: „Können wir schon mal Spritzgebäck machen?“ Als der Teig fertig ist und es ans Formen auf dem Backblech geht, sagt der junge Mann: „Jetzt fehlt nur noch Rolf Zuckowskis CD ,In der Weihnachtsbäckerei’!“ Kurzerhand geholt, eingelegt, mitgesungen; ruckzuck zieht der wohlige Backduft durchs Haus. Sohn und Mutter genießen; Vater schmunzelt.

Woher kommen diese Bedürfnisse?

Es geht (auch) um in frühester Kindheit entwicklungsgeschichtlich verankerte archaische Bedürfnisse wie: satt, behütet, versorgt sein; Wärme und Nähe unmittelbar spüren. Das war/ist für Kind wie auch für Mutter (versorgen und gebraucht werden) wichtig!

Warum zeigt sich das so stark zu Weihnachten?

Das Fest der Liebe und des Friedens haben die meisten Menschen von klein auf mit all ihren Sinnen (Riechen, Schmecken, Sehen, Fühlen, Hören, Erstaunen) in sich aufgesogen, anerzogen bekommen und genossen: leckere Sachen, Düfte, Geschenke, Zufriedenheit, Gemeinsamkeit im Schoß der Familie. Ruhe (meistens jedenfalls), Zäsur im Alltagskampf und –stress, sich fallen lassen können und dürfen, genießen und (zumindest kalorisch = energie- und wärmespendend) sündigen dürfen.

Wie bewertet das der Psychiater?

Psychodynamisch kann man sagen, es geht um eine kontrollierte Zeitspanne und Menge von Regression (kindliches Behütet- und Versorgtsein) bzw. auf der Versorger-Ebene: um gebraucht werden, anerkannt und ge(be)achtet werden, Freude und Genugtuung erlangen durch Nähe- und Wärme-geben. Kurzum, es hat was zu tun mit der alten Sehnsucht nach Stillen und Gestilltwerden (eben auch im übertragenen Sinne). Und das ist verknüpft mit oft unausgesprochenen, aber erwarteten Genuss- oder Wohlfühlelementen wie z.B. Tannenbaum, Krippe, Gänsebraten, diesem oder jenem Kuchen bzw. Pudding (bei uns zum Beispiel ist der „Vier-Hochzeiten-Pudding“ – eine Quark-Ananas-Sahne-Creme – ein absolutes Muss!).Das Ritual des Kaufes und Schmückens des Weihnachtsbaums, das Singen am Baum oder der Krippe, der Ablauf des Kirchganges, der Bescherung, des Essens; der Wunsch nach Schnee (den gab es damals in ­Bethlehem sicher nicht!), das Besuchen von Angehörigen, Freunden oder Bekannten: Alles soll schön sein, jedem will man Gutes und Liebes. Wer kann dazu schon Nein sagen?!

Bergen diese festen Erwartungen nicht auch Gefahren?

Nicht selten laufen wir auch in die Überforderungsfalle! Das Muss und das unbedingte Vor-Haben kann bei all dieser hochgestochenen Erwartung auch schnell erschöpfen, enttäuschen, kränken! Dabei – im christlichen Sinne gesprochen: Das ursprüngliche Geschenk, die ausgelöste Freude fußten auf Einfachheit: Stroh, Krippe bzw. Mulde, karge Einöde, Ochs und Esel drumherum; wahrscheinlich lag sogar Gestank in der Luft. Und doch – und gerade deshalb – war es eine Wohltat für die Menschheit. Riechen und Schmecken sind wichtig, die jährliche Wiederkehr verlässlich und erhofft oder gar herbeigesehnt. Das bereitet im tiefsten Innern Freude und Gewissheit. Vielleicht passt da sogar der Spruch: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ – oh göttlicher Genuss!