Damit auch dunkle Kapitel nicht verblassen

Ostern 2013: Suttrop, Treise-Kapelle
Ostern 2013: Suttrop, Treise-Kapelle
Foto: WP
„Orte, die mehr in der Öffentlichkeit stehen sollten? Die Treise-Kapelle.“ – Die Antwort von Suttrops Ortsvorsteher Erwin Koch kommt ohne zu zögern.

Suttrop.. Die kleine Kapelle auf dem Klinik-Gelände steht nur einmal im Jahr im Blickpunkt: Am Totensonntag wird hier der Euthanasie-Opfer der NS-Zeit gedacht. Ihre Präsenz sollte viel mehr beachtet werden, meint Erwin Koch. Und wer einmal in der Kapelle gestanden hat, weiß, dass kaum etwas nachhaltiger in Erinnerung bleibt als die Namen derer, die einst ermordet wurden und im Dunkel der Geschichte verschwinden sollten. Die Treise-Kapelle erzählt ihre Geschichte.

Sie ist nicht schön, diese Geschichte. Sie handelt von Menschenverachtung, Vergasung und hilflosen Patienten. 1575 Patienten aus der damaligen „Provinzial-Heilanstalt Warstein“ wurden in den Jahren 1940, 1941 und 1943 angeblich „verlegt“ – in Wahrheit jedoch der Euthanasie-Aktion des NS-Regimes zugeführt und getötet.

Im Inneren der Kapelle sind sie seit vergangenem November nicht länger anonym: Ihre Namen sind in einer Gedenktafel verewigt – und in den 1575 kleinen Skulpturen, die entstehen, wenn die Plättchen mit den eingravierten Namen abgenommen werden. „Auf diese Weise bleiben sie sowohl hier in Erinnerung als auch bei den Menschen, die symbolisch eine Patenschaft für einen deportierten Patienten übernehmen und so ein Namensschild mit nach Hause nehmen“, erklärt LWL-Pressesprecherin Eva Brinkmann.

Mahnmal seit 1985

Bereits 1985 wurde die kleine Kapelle mit dem Vordach zur Gedenkstätte für die Warsteiner Opfer der Euthanasie. Andreas Müller-Andriessen, damals Verwaltungsleiter, der Krankenpflegers Karlo Klucken und der Krankenhauspfarrers Werner Tröster stießen die Idee an, die alte Kapelle als Gedenkort zu nutzen. Am 17. November 1985 wurde das Mahnmal im Innern der Kapelle eingeweiht.

Es besteht aus zwei Gemälden der sauerländischen Künstlerin Ina-Maria Mihályhegyi-Witthaut (1946–1987). Die Bilder wurden der Klinik als Schenkung übereignet. Sie hängen links und rechts in der Apsis der Kapelle und tragen die Titel „Vergast – vernichtet“ und „Verbrannt – vergessen – dennoch lebend“.

Die Geschichte der Kapelle reicht jedoch noch weiter zurück – an anderer Stelle. „Die Kapelle stand ursprünglich an dem Bach Treise, der unterhalb des Oberhagens entspringt und in die Wester mündet“, weiß Andreas Müller-Andriessen. Errichtet wurde sie dort von dem Schmied Caspar Hückelheim; ein Name, der auch heute noch im Inneren der Kapelle in einer Inschrift über der Tür zu finden ist.

Einst Prozessionsort

Von ihrem Bau im Jahr 1772 an stand die Kapelle dort, bevor sie 1900 wegen der geplanten Betriebserweiterung der Warsteiner Hütte weichen musste und an ihrem heutigen Standort wieder aufgebaut wurde. „An ihrem alten Standort war die Treise-Kapelle alljährlich Stationsort der Suttroper Prozession“, berichtet Müller-Andriessen, „die zog von dort aus weiter durch das Dorpke-Tal zum Stillenberg.“

Mit ihrem eigenen Umzug steht die Treise-Kapelle seit 1905 als Enklave inmitten der Krankenhausgebäude des Klinikgeländes. Und steht Besuchern nicht nur zur jährlichen Gedenkfeier offen (siehe neben stehender Infokasten). Denn nur, wenn Erinnerungen gepflegt werden, bleibt Geschichte lebendig. Auch die dunklen Kapitel.

 
 

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