Bier und Tränen

Dass unsere Beziehung nicht unendlich sein würde, war mir von Beginn an klar. Es war auch nicht Liebe auf den ersten Blick, als wir uns vor 25 Jahren das erste Mal begegnet sind. Dafür war mein Blick nach sechsstündigem Aufenthalt an der Vogelstange und zuvor durchzechter Nacht viel zu getrübt. Es reichte aber immerhin noch, um die richtige Farbe auszuwählen (Schwarz) und auf das Preisschild zu achten.


In den folgenden Stunden waren wir uns dann ganz nah: mein neuer schwarzer Anzug - der erste in meinem Leben - und ich. Nötig geworden war der Kauf, weil Fußballkumpel Helmut, auf dem Rasen für seine spektakulären Fehlgriffe als Torwart berühmt, unbedingt den Vogel abschießen musste und nicht nur seine Gattin als Königin erkor, sondern mich, der ich sonst als Libero wie ein junger Beckenbauer vor ihm agierte, in seinen Hofstaat berief.


Das ist wie gesagt 25 Jahre her. Seitdem haben mein schwarzer Anzug und ich unendlich viele Stunden gemeinsamer Freude und gemeinsamen Leids erlebt. Inzwischen sind mehr Tränen auf den Stoff als Bier getropft. Zweimal habe ich ihn noch bei weiteren Hof­staatauftritten getragen. Die Beerdigungen hingegen gehen auf die 50 zu. Allein 39 Totenbriefchen trage ich in der Jackentasche.


Jetzt aber trennen sich unsere Wege. Bei der letzten Anprobe war ein erstaunliches Phänomen festzustellen: Die Hose wollte nicht mehr schließen; die Jacke trat ebenfalls in den Streik. Ein neuer Schwarzer musste also her. Seinen ersten Auftritt hat er (leider) schon hinter sich - eine Beerdigung, und die nächste steht bereits an.

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