Bevor das Glas Wein zur Gewohnheit wird

„Das habe ich mir verdient“ – Mit diesen Argument greifen viele Menschen abends zum Weinglas oder der Bierflasche. Diesen Vorgang gilt es zu hinterfragen.
„Das habe ich mir verdient“ – Mit diesen Argument greifen viele Menschen abends zum Weinglas oder der Bierflasche. Diesen Vorgang gilt es zu hinterfragen.
Foto: picture alliance / dpa
Das "verdiente“ Feierabendbierchen, das Glas Wein „zum Runterkommen“: Wo fängt Alkoholsucht an? Die LWL-Kliniken testen einen neuen Therapieansatz.

Warstein/Lippstadt/Soest.. „Es ist ein fließender Übergang zum gesundheitsgefährdenden Konsum", sagt Dr. Rüdiger Holzbach. Und weil dieser eben noch nicht die Alkoholabhängigkeit bedeutet, aber durchaus irgendwann dahin führen kann, testen die LWL-Kliniken im Kreis unter der Federführung des Chefarztes der Suchtmedizin seit vergangenem Jahr die Therapie des „kontrollierten Trinkens“. Die Idee dahinter: In einem mehrwöchigen Seminar lernen die Teilnehmer, ihre Trinkgewohnheiten zu ändern und so einen dauerhaft reduzierten Alkoholkonsum zu erreichen.

Die Bilanz nach einem Jahr: „Der Bedarf ist da.“ Rüdiger Holzbach hat im vergangenen Jahr zwei Seminare dieser Art durchgeführt und festgestellt, dass der Weg des „kontrollierten Trinkens“ für so manchen Betroffenen eher in Frage kommt als die Therapie zur kompletten Abstinenz. „Das ist ein Ansatz, bei dem wir eben nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen“, erklärt Holzbach, „sondern realistische Ziele schaffen.“ Das benötigt neben dem ersten Schritt – dem Bewusstwerden über den eigenen Alkoholkonsum – vor allem viel Initiative der Betroffenen. „Kontrolliertes Trinken heißt Arbeiten. Es bedeutet, dass ich die Fähigkeit erlerne, mich mit meinem Alkoholkonsum an einen zuvor genau festgelegten Trinkplan zu halten.“

Drei Grundregeln gelten für alle

Nach einem Vorgespräch gelten für jeden Teilnehmer im Rahmen seines individuellen Planes drei Grundregeln, die er sich selbst definiert. Er legt fest, wie viel Alkohol er höchstens pro Tag und pro Woche trinken möchte und an wie vielen Tagen pro Woche er komplett auf Alkohol verzichten will. Der Vorteil gegenüber der klassischen Abstinenz-Therapie liegt für Dr. Rüdiger Holzbach auf der Hand: „ Eines dieser drei Ziele erreichen die Teilnehmer immer, das haben die ersten Seminare gezeigt.“

Dagegen trete bei Betroffenen in einer Abstinenz-Therapie häufig das Gefühl des Scheiterns ein: „Wenn ich dann doch etwas trinke, löst das sofort dieses Gefühl aus: Jetzt ist es eh zu spät, das schaffe ich ja doch nicht“, berichtet Holzbach von Erfahrungen seiner Patienten. Dennoch betont der Suchtmediziner, dass das „kontrollierte Trinken“ keinesfalls für jeden geeignet sei. „Ein trockener Alkoholiker hat in so einem Seminar natürlich nichts zu suchen“, schildert Holzbach Beispiele, „und auch Menschen, die deutliche körperliche Entzugserscheinungen zeigen oder die dazu neigen, unter Alkohol Straftaten zu begehen, sind für diese Seminare nicht geeignet.“

Kein reines Männer-Problem

Der erste Schritt, den sich die (potenziellen) Teilnehmer bewusst machen sollten: „Wieso trinke ich dieses Glas Wein jetzt? Brauche ich das Feierabendbier?“ Das sei schon ein großer Schritt, das eigene Trinkverhalten langfristig ändern zu können, meint Holzbach. In den bisherigen Seminaren seien Männern und Frauen gleichermaßen vertreten gewesen. „Das ist kein geschlechtsspezifisches Problem.“ Holzbach freut sich, dass aus den ersten Seminaren nun eine eigenständige Selbsthilfegruppe geworden ist. Sein Wunsch: „Wenn wir es schaffen, langfristig feste Seminare in Soest, Warstein und Lippstadt anzubieten, wird das sicherlich vielen Menschen helfen können.“

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