Wirkungsvolle Hilfe

Joachim Karpa
Amir Aarabi (19) arbeitet als Sozialbetreuer in der Flüchtlingsunterkunft und floh mit seiner Mutter selbst als Fünfjähriger aus dem Iran.
Amir Aarabi (19) arbeitet als Sozialbetreuer in der Flüchtlingsunterkunft und floh mit seiner Mutter selbst als Fünfjähriger aus dem Iran.
Foto: WP
Mehr als 400 Menschen haben bereits in der ehemaligen Siegerlandkaserne in Burbach eine Notunterkunft gefunden. Die Gemeinde hilft, wo sie kann. Die Flüchtlinge sollen sich willkommen fühlen. Berichte über vermeintlich zunehmende Straftagen von Ausländern seien nichts als Panikmache.

Burbach/Siegen/Bad Berleburg. Das Wort zum Dienstag gehört Jochen Wahl. Der Pastor der evangelischen Gemeinde in Burbach sagt: „Die Flüchtlinge sind froh, wenn sie in ihrer Not auf Menschen treffen, die ihnen helfen. Wir würden auch auf Hilfe hoffen.“

444 Kinder, Frauen und Männer, die Mehrheit aus nordafrikanischen Ländern und Ex-Jugoslawien, haben in der ehemaligen Siegerlandkaserne in Burbach eine Notunterkunft gefunden.

„Den ersten Eindruck von Deutschland bekommen die Menschen hier“, sagt der Theologe. „Wir wollen sie positiv empfangen. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig. Sie haben alle Gründe, sich auf den Weg zu machen. Seien sie wirtschaftlich, politisch oder ­religiös motiviert.“

Gemeinde Burbach will unbürokratisch helfen

Die Gemeinde hat einen Runden Tisch eingerichtet. Vereine, Verbände, Kirchen, Polizei und Behörden wollen unbürokratisch helfen. Das fängt bei Kleidung an und hört bei Spielzeug und Kuscheltieren für die Jüngsten nicht auf. Glänzende Augen bei Müttern und Kindern sprechen für sich. So wie gestern.

Dass die Burbacher den Asyl­suchenden mit Ausländerfeindlichkeit begegnen, sieht Wahle nicht. „Vielleicht ist eine gewisse Unsicherheit da, weil die Unterbringung wie aus dem Nichts entstanden ist. Die Hilfsbereitschaft ist großartig.“

Der Landtagsabgeordnete der SPD aus Burbach, Falk Heinrichs, sieht das ähnlich: „Man darf die Flüchtlinge nicht verteufeln. Das ist ein Akt christlicher Nächstenliebe.“ So freut sich der 52-Jährige auch über das Signal, das die Fans des Fußball-Regionalligisten Sportfreunde Siegen beim Spiel gegen Fortuna Köln mit dem Transparent „Refugees welcome (Flüchtlinge willkommen)“ gesendet haben: „Eine klasse Aktion und ein Zeichen gegen das braune Gesocks, das versucht, Rassismus in die Fankurven zu tragen.“

Berichte über zunehmende Straftagen sei Panikmache

Dass das subjektive Sicherheitsbedürfnis der Burbacher durch Berichte vermeintlich zunehmender Straftaten von Ausländern leidet, hält er für wenig hilfreich: „Das ist Panikmache.“ Zumal es sich in der Regel um Bagatellfälle gehandelt hätte, von der Zahnbürste bis zum Deo-Stift. Heinrichs war als Soldat von 1983 bis 1990 in der Siegerlandkaserne kaserniert und damals zuständig für die Verteilung der Aussiedler in den Räumen: „Hier sind früher Russen und Polen untergebracht worden. Von daher ist mir die Problematik nicht unbekannt.“ Tanja Wagener, Parteikollegin und Landtagsabgeordnete aus Siegen, lobt die Fans der Sportfreunde ebenfalls und geht mit Berichten in den Medien, die Ausländerfeindlichkeit schürten, hart ins Gericht: „Man muss sich über die Konsequenzen im Klaren sein. Was passiert denn bei den Leuten, die für so etwas empfänglich sind?“ Fremdenfeindliche ­Äußerungen im Internet lieferten die Belege. „Das ist nicht hilfreich.“

Hilfreich hingegen findet Jens Kamieth, CDU-Landtagsabgeordneter aus Siegen, die Aktion der Fußballfans: „Auch wenn sie mich überrascht hat, sie zeigt, dass die Fans ein Gespür für die Menschen haben, die am Rand der Gesellschaft stehen.“ Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung unterstütze die Flüchtlinge: „Die spontane Hilfsbereitschaft ist ein Beleg dafür. Wir leben in einer christlich geprägten Region.“

Geordnete Zuwanderung

Das unterschreibt Paul Breuer, Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein auch. „Die Aufnahme der Flüchtlinge ist eine humanitäre Verpflichtung. Dazu stehe ich“, sagt der Christdemokrat. Wichtig sei es, die Bevölkerung bei der Versorgung der Flüchtlinge mitzunehmen: „Nicht mit einer Berichterstattung, die die Bevölkerung verunsichert.“

Eine Verunsicherung, die nach seiner Einschätzung durch eine Einwanderungspolitik befeuert werde, „die nicht transparent ist“. Bei den Koalitionsgesprächen in Berlin müsste eine klare Haltung zur Einwanderung in Deutschland bezogen werden. Auf der einen Seite benötige Deutschland dringend Fachkräfte, auf der anderen Seite könne Deutschland nicht die Wirtschaftsprobleme der ganzen Welt lösen: „Eine Festung Deutschland aber wird es nicht geben. Wir brauchen eine geordnete und strukturierte Zuwanderung, auch um Schleppern, die mit Nussschalen aufs Mittelmeer hinausfahren, die Geschäftsgrundlage zu entziehen.“