Wie Verkäufer mit dementen Menschen richtig umgehen

Nina Grunsky
Für Verkäuferinnen sind demenzkranke Patienten eine besondere Bedrohung.
Für Verkäuferinnen sind demenzkranke Patienten eine besondere Bedrohung.
Foto: WAZ FotoPool
Wie reagiert ein Verkäufer, wenn ein Kunde drei Kilo Mett haben will - und das jeden Tag? Im Demenzzentrum Südwestfalen können Einzelhändler ihr Personal schulen lassen, wie man richtig mit Demenzkranken umgeht. Auch Polizei und Feuerwehr wurden dort schon sensibilisiert.

Siegen. Der alte Mann kauft Mett. ­Jeden Tag. Drei Kilogramm. Wohl etwas viel für einen alleinstehenden Herren. Geschichten wie diese ­ereignen sich jeden Tag in der Arnsberger Bäckerei und auch in dem dazugehörigen Lebensmittelladen. Drei Mal täglich kommt zum Beispiel eine betagte Dame ins ­Geschäft, um ein Brot zu holen. Eine andere Seniorin bringt dafür stets ihren Müllbeutel mit zum Einkaufen.

Und dennoch haben sich die Verkäuferinnen erst ein bisschen gewundert, als die Chefin sie zu einer Schulung zum Thema Demenz schickte. Was man denn damit zu tun habe? Ob denn Menschen, die an Demenz erkrankt sind, nicht immer begleitet werden, fragten sich die Verkäuferinnen, erzählt Birgitt Braun aus dem Seminar. Tatsächlich geht es ihr aber darum, genau dies zu verhindern. Die alten Menschen nicht auszugrenzen, sondern es ihnen zu ermöglichen, trotz Demenz lange selbstständig und autonom am Leben teilzunehmen, zu Hause wohnen zu bleiben. Auch, wenn sie alleinstehend sind, die Kinder vielleicht weit weg wohnen.

Wirtschaftliches Interesse

Deshalb bieten Birgitt Braun und Brigitte Weber-Wilhelm vom Demenz-Service-Zentrum Südwestfalen Schulungen unter anderem für Einzelhändler an, wie sie mit den verwirrten Menschen umgehen können. Allzu groß sei die Nachfrage bisher nicht, räumen die beiden Damen ein. Dabei sei es doch im wirtschaftlichen Interesse der Unternehmer, sich um diese Kunden zu kümmern. Wenn es sich nämlich in der Nachbarschaft, in der Familie herumspricht, dass zum Beispiel ein Metzger jeden Tag von einem alten Mann das Geld für drei Kilo Mett kassiert, wohl wissend, dass niemand so viel essen kann, „dann verliert der Händler ganz schnell Kunden“, warnt Birgitt Braun. Und noch mehr, wenn die Senioren ins Heim ziehen müssen, statt selbst einzukaufen.

Birgitt Braun schildert in den ­Seminaren die Anzeichen von ­Demenz. Sie gibt ein paar Verhaltens- und Kommunikationsregeln. Sie nennt Ansprechpartner, an die sich Verkäufer wenden können, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass ein Kunde wirklich nicht mehr allein klar kommt.

Vor allem aber versucht sie, das Problem bewusst zu machen. Denn ein Patentrezept für den Alltag gibt es nicht. „Es braucht viel Kreativität“, sagt sie. Und Brigitte Weber-Wilhelm fügt hinzu: „Auch Großmut von den Angehörigen.“

Plaudern, bis das Problem gelöst ist

Dann erzählt sie von der Frau, die jeden Tag frische Blumen kaufte, aber nie Geld dabei hatte, um zu ­ bezahlen. Das gab zunächst Ärger, bis die Floristin mit der Tochter vereinbarte, dass diese einmal in der Woche vorbeikam, um die Rechnung der Mutter zu begleichen. Brigitte Weber-Wilhelm erzählt auch von der alten Dame, die großen Wert auf Schick legte, täglich in einer Boutique Kleider anprobierte - und kaufen wollte. Die Ladeninhaberin hatte ein Absprache, dass die alte Dame die Kleider mit nach Hause nehmen durfte - und die ­Familie sie dann einfach wieder ­zurückbrachte.

Der alte Mann, der jeden Tag drei Kilo Mett verlangte, bekam von der Verkäuferin übrigens nur 100 Gramm, wie es ihr die Kinder des Herrn geraten hatte. Allerdings ­bemerkte der Senior den Irrtum zu Hause, ging zurück in den Laden und beschwerte sich. „Da habe ich sie leider falsch verstanden“, ­entschuldigte sich die Verkäuferin, plauderte dann so lange charmant mit dem Herrn, bis er das Mett ganz vergessen hatte und wieder nach Hause ging.

Polizisten, Feuerwehrleute und Arzthelferinnen haben Birgitt Braun und Brigitte Weber-Wilhelm ebenfalls schon geschult. Nun wünschen sie sich noch, dass man auch in den Vereinen das Thema entdeckt.