Wie Mobilität in Siegen-Wittgenstein künftig aussehen kann

Steffen Schwab
Quasi Dauerzustand an Kochs Ecke: Stau. Der Kreis arbeitet daran, das Verkehrsaufkommen bei den Autos zu reduzieren
Quasi Dauerzustand an Kochs Ecke: Stau. Der Kreis arbeitet daran, das Verkehrsaufkommen bei den Autos zu reduzieren
Foto: Hendrik Schulz
  • Busse und Bahnen nicht mehr rentabel, Autoverkehr reduziert
  • Lösungsansätze von Carsharing über Dorfauto bis Pendlerportal
  • Kreis arbeitet an kommunalem Mobilitätsmanagements

Siegen-Wittgenstein. Multimodale Mobilität, Mobilitätsmanagement, Mobilitätskonzepte, kombinierte Mobilität, klimafreundliche Mobilität – die Schlagworte, die auf den Tagesordnungen des Kreistages und seiner Ausschüsse erscheinen, variieren. Aber immer geht es um das eine: Wie können die kleiner werdenden Ortschaften erreichbar bleiben, auch für die, die nicht mehr Auto fahren können? Und wie bleiben die zentralen Orte und Arbeitsstätten am Netz, wenn einerseits Busse und Bahnen sich nicht mehr rentieren, andererseits aber auch umweltschädlicher Auto-Individualverkehr im Zaum gehalten werden kann?

Die Rezepte reichen vom Car-Sharing („Remonet“ als Pilotprojekt in Siegen) über das Pedelec bis zum Bürgerbus, vom Pendlerportal über Mobilitäts-Apps (eine gibt es für die Älteren: „S-Mobil 100“, eine für alle plant die Verkehrsgemeinschaft Westfalen-Süd) bis zum Dorfauto (das erste fährt in Grund). Neben der Praxis steht viel Theorie: Siegens „Mobinet“-Projekt arbeitet an einem Zukunftsstadt-Konzept, der Kreistag hat gerade ein kommunales Mobilitätskonzept für Siegen-Wittgenstein in Auftrag gegeben, das im September 2017 beschlossen werden soll. Außerdem ist der Kreis dem „Zukunftsnetz Mobilität NRW“ beigetreten, das die Kommunen berät und selbst Angebote für die Praxis vermittelt – vom Unterrichtsmaterial für Schulen bis zur Rollatorschulung für Senioren.

„Mehr Mobilität mit weniger Verkehrsbelastung“ nennt Christoph Overs als Ziele des kommunalen Mobilitätsmanagements, für das er jetzt im Verkehrsausschuss des Kreistags warb. Overs vertritt die Koordinierungsstelle Rheinland des Zukunftsnetzes, die beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg in Köln angesiedelt ist. Die Hälfte aller Pkw-Fahrten, so Overs, ist kürzer als fünf Kilometer — und somit möglicherweise ersetzbar.

Beispiele

Eine Mutter fährt ihr Kind mit dem Auto zur einen Kilometer entfernten Schule, danach drei Kilometer zur Arbeit. Den Schulweg könnte man, wenn er attraktiv und sicher gestaltet ist, zu Fuß zurücklegen. Und der Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad, wenn es einen Radweg und beim Betrieb einen brauchbaren Abstellplatz gibt.

Zwei Kollegen fahren jeden Tag 18 Kilometer weit mit ihren Autos zur Arbeit. Sie wohnen nur einen Kilometer voneinander entfernt — die Fahrgemeinschaft bietet sich an. Ein betriebliches Mobilitätsmanagement könnte das organisieren und weitere Anreize geben, auf das eigene Auto zu verzichten.

Ideen

Ein kommunaler Mobilitätsmanager wird im Rathaus Ansprechpartner für die verschiedenen Fachabteilungen, berät bei Verkehrsplanung, Stadt- und Schulentwicklung, Bauvorhaben und Wirtschaftsförderung.

Für den Fahrradverkehr werden ein lückenloses Radwegenetz und Abstellanlagen gebraucht.

Öffentlicher Nahverkehr, gegliedert in Schnellbusse für Hauptachsen und Bedarfsangebote wie Anruftaxen und Bürgerbusse für die „Zubringer“, muss das Rückgrat für weitere Angebote sein; Mobilitätsstationen ermöglichen das Umsteigen.

Autos werden öffentlich: Dorfautos, Car-Sharing, Mitfahrbörsen tragen dazu bei. Eine Kommune probiert das auch mit einem Lasten-Fahrrad-Verleih.

Fußgänger brauchen sichere und barrierefreie Fußwege.

Stimmen aus dem Verkehrsausschuss

„Erste Wahl“ unter den Auto-Alternativen dürfte das Pedelec werden, sagte Dieter Born (CDU).

Der Handlungsbedarf sei längst bekannt und unverändert, merkte Ralf Knocke (Linke) an: „Zu manchen Tageszeiten ist Siegen total zu.“ Andererseits: Das Thema habe schon vor 20 Jahren auf den Tagesordnungen gestanden, als viele Kommunen ihre Bürger zur Beteiligung an „Agenda-21“-Prozessen bewegten.

„Die Dinge beschleunigen sich erheblich“, meinte Thomas Hartmann (SPD), offensichtlich in jeder Hinsicht. Nicht nur was die politische Diskussion angeht, sondern auch die Geschwindigkeit des Fahrradfahrens: Hartmann regte einen „Radschnellweg Siegerland“ an, „der muss länderübergreifend geplant werden“

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