Wie die wahren Monuments Men den Aachener Domschatz bargen

Ein US-Soldat krönt sich mit dem Aachener Domschatz im Hainer Stollen in Siegen.
Ein US-Soldat krönt sich mit dem Aachener Domschatz im Hainer Stollen in Siegen.
Foto: Matthias Graben
US-Soldaten, sogenannte Monuments Men, heben im April 1945 einen Kunstschatz im Hainer Stollen in Siegen. Darunter befindet sich unter anderem der Aachener Domschatz mit den Gebeinen Karls des Großen. Warum die Kunstschätze dort lagerten? „Purer Zufall“, sagt der Siegener Historiker Dieter Pfau.

Siegen.. „Heil Hitler.“ Der Bunkerwart grüßt. Wie immer. Mit deutschem Gruß. So beschreibt der Siegener Heimatforscher Hans-Martin Flender den Empfang der US-Soldaten. Der Wachmann ist offenbar angesichts der erbitterten Kampfhandlungen in der Stadt über das Erscheinen des Feindes überrascht.

In Siegen ist der Krieg am 9. April zu Ende. Eine Woche vorher steht US-Oberstleutnant George Stout mit seinen Leuten vor ihm. Am Ostermontag tauchen die Soldaten der amerikanisch-britischen Spezialeinheit am Hainer Stollen auf. Der Auftrag der Monuments Men, wie sie im Militärjargon heißen, ist es, von Nazis geraubte und versteckte Kunstschätze aufzuspüren. Hier, 35 Meter tief unter der Erde, umgeben von Felsen, geschützt vor Luftangriffen, ruhen unter dem oberen Schlossberg unschätzbare Kulturgüter in Kisten.

Unschätzbare Werte

Der Aachener Domschatz mit den Gebeinen Karls des Großen, Reichsapfel, Zepter und Krone ruht neben den Münsterschätzen aus Essen und Trier sowie den mehr als 450 gut verpackten Gemälden aus den Beständen des Folkwangmuseums in Essen, dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum und dem Schnütgen-Museum. Darunter Bilder wie die „Weißen Rosen“ von van Gogh, „Häuser hinter Bäumen“ von Cézanne oder „Philosoph im Park“. Alles Originale und nur ein Bruchteil des eingelagerten Schatzes.

Warum die Kunstschätze in Siegen lagern? „Purer Zufall“, sagt der Siegener Historiker Dieter Pfau. „Der Provinzialkonservator Prof. Dr. Graf Wolff Metternich, der zuständig für den Kunstschutz und auch den Kunstraub im NS-System war, kam bei einer Zugfahrt mit dem damaligen Siegener Oberbürgermeister Alfred Fißmer ins Gespräch. Und der, Mitglied der NSDAP seit 1938, erzählte ihm vom Bau eines großen Luftschutzstollens und bot ihm an, die Kunstschätze dort sicher unterzubringen.“

Woher wissen die Amerikaner, wo sie suchen sollen? „Nach der Besetzung von Aachen Mitte Oktober 1944 haben die Kunstschutz-Offiziere, die die kämpfenden Truppen begleiteten, im Suermondt-Museum einen Katalog mit Hinweisen auf die Einlagerung in Siegen bekommen.“

Die Soldaten der 8. Infanterie-Division dokumentieren den Erfolg ihrer Schatzsuche mit Fotos, wie sie Sieger machen. Sie öffnen die Kisten des Aachener Domschatzes und fühlen sich wie der Kaiser von Deutschland: mit Kippe im Mund, Zepter und Reichsapfel in der Hand und Krone auf dem Kopf.

Furcht und Hass in den Gesichtern

Bis die Soldaten das Kunstdepot nach fast einem halben Kilometer erreichen, stoßen sie in dem 1,80 Meter breiten und zwei Meter hohen roh behauenen Stollen auf verängstigte Menschen, die zusammengepfercht auf Feldbetten und Bahren liegen oder auf dem Boden sitzen.

US-Oberstleutnant Stout schreibt seiner Frau zwei Tage später: „Es war die Bevölkerung der Stadt, alle, die nicht hatten fliehen können. Gestank lag in der feuchten Luft, Babys schrien jämmerlich. Wir waren die ersten Amerikaner, die sie zu Gesicht bekamen, und man hatte ihnen zweifellos gesagt, wir seien Wilde. In den blassen, schmutzigen Gesichtern, die im Taschenlampenschein auftauchten, stand nichts als Furcht und Hass und uns voran ging das angsteinflößende Wort, kaum lauter als ein Flüstern: ‚Amerikaner‘.“

Die US-Armee richtet für sechs Wochen ein Kunstmuseum ein. Touristische Attraktion für die Truppen der Alliierten. Stolz über die Erfüllung des Auftrags schwingt dabei mit. Oberstleutnant Stout wird mit den Worten zitiert: „Was ist, wenn wir den Krieg gewinnen, aber die letzten 500 Jahre unserer Kulturgeschichte verlieren.“ Nahezu unbeschadet überstehen die Kunstschätze den Rücktransport. Pfau: „Die letzten Kunstschätze aus dem Hainer Stollen sind Anfang Juni 1945 nach Marburg transportiert worden.“

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