Wie der Jugend-forscht-Wettbewerb die Karriere beflügelt

Rudi Pistilli
Sie waren in diesem Jahr zum Beispiel bei „Jugend forscht“ dabei: Alisa Kuznetsova und Sara Rutkowsky mit einer großen Kugel gefüllt mit Biomüll. Ihre Vorgänger haben nach dem Wettbewerb Karriere gemacht.
Sie waren in diesem Jahr zum Beispiel bei „Jugend forscht“ dabei: Alisa Kuznetsova und Sara Rutkowsky mit einer großen Kugel gefüllt mit Biomüll. Ihre Vorgänger haben nach dem Wettbewerb Karriere gemacht.
Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann
Jugend forscht und Karriere liegen eng beieinander: Wir sprachen mit dem gebürtigen Siegener Dr. Axel Uhl, der 1989 den Landeswettbewerb gewann. Heute arbeitet er als Chief Development Architect bei der SAP AG, einem der weltweit führenden Anbieter für Unternehmenssoftware.

Siegen/Walldorf. Jugend forscht ist nicht nur aus Sicht der Hamburger Stiftung eine fast 50-jährige Erfolgsgeschichte. Auch die meisten Nachwuchswissenschaftler, die an einem der Wettbewerbe teilgenommen haben, können das bestätigen. Viele von ihnen haben Karriere gemacht. So wie Dr. Axel Uhl. Der gebürtige Siegener ist Chief Development Architect bei der SAP AG, einem der weltweit führenden Anbieter für Unternehmenssoftware. Er gehört zu den fünf Prozent der Top-IT-Akademiker in Deutschland. 1989 wurde der mittlerweile in Walldorf wohnende 44-Jährige gemeinsam mit seinem Schulfreund Henning Bohn Landessieger Mathematik/Informatik.

Frage: Wie kam es zu der Bewerbung für Jugend forscht?

Dr. Axel Uhl: Das Fürst-Johann- Moritz-Gymnasium in Siegen war in den 80er Jahren eine fortschrittliche Schule. Wir hatten Apple II (Computer) und sieben Commodore PC. Einziges Manko: Es gab nur einen Drucker. Da bildeten sich immer Schlangen. Henning (Bohn) und ich dachten uns irgendwann: Das Problem muss man kreativ lösen. Wir konstruierten ein Netzwerk und schrieben ein Programm, das alle Computer mit dem Drucker verband. Hinzu kam, dass es auf unserer Schule einen Schüler gab, der in Chemie 1987 beim Bundeswettbewerb gut abgeschnitten hatte. Der hatte eine gewisse Strahlkraft. Da hieß es auf dem Schulhof oft: ,Das ist doch der aus den Medien.’ Letztlich hat uns unser Informatik-Lehrer ermutigt, uns zu bewerben.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Mittüftler aus der Jugendzeit?

Unsere Familien sind miteinander befreundet. Henning wohnt noch im Siegerland und arbeitet als ­Dozent an der Fernuniversität in Hagen. Wir sehen uns ab und zu. Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als Henning und ich gemeinsam an Projektwochen in der Schule teilgenommen haben. Eben zwei ­Tüftler, die zusammen Hardware gelötet und Software geschrieben haben.

Sind Sie auf der Karriereleiter oben angekommen?

Das Wort Karriere benutze ich nicht so gerne. Fakt ist, als ich 2004 bei SAP anfing, arbeiteten 60 000 Menschen für das Unternehmen. Damals gab es nur 25 Chief Development Architects. Und ich war einer von ihnen.

Was macht ein Chief Development Architect?

Die Aufgaben sind vielfältig. Kurz gesagt helfe ich bei der Konstruktion großer Softwaresysteme bei der Einhaltung wichtiger technischer und fachlicher Prinzipien, durchaus vergleichbar mit dem Architekten beim Hochbau. Ich habe mich viel mit Software befasst, die wiederum beim Entwickeln von Software hilft.

Gibt es ein Projekt, das Sie zurzeit besonders in Anspruch nimmt?

Ja, die Verknüpfung der Werte von SAP mit Sport. Zum Beispiel beim Segeln, Tennis, Golf oder Reitsport. Aktuell kümmere ich mich um ein GPS-System für den Segelsport. Anhand unserer Daten können Segler zum Beispiel Fehler analysieren und Zuschauer die Rennen besser verstehen.

Hat der Sieg beim Landeswettbewerb ihren beruflichen Werdegang beeinflusst?

Schwer zu sagen, welchen Einfluss die Erwähnung meiner Jugend-forscht-Platzierung bei den Personalchefs der Firmen, bei denen ich gearbeitet habe, hatte. Für mich sind sie wichtig. Lebensläufe von Bewerbern bei SAP mit solch einer Biografie deuten auf Kandidaten hin, die mit Leidenschaft bei der Sache sind, die diese Leidenschaft auch ein Stück weit zu tragen bereit sind. Allein die Teilnahme drückt schon viel über die Persönlichkeit aus. Das sind Menschen, die Eigeninitiative ergreifen, die sich eines Problems annehmen, um es zu lösen. Solche Charaktereigenschaften suchen Arbeitgeber.

Wann haben Sie den Forschergeist in sich entdeckt?

Als ich 11 Jahre alt war habe ich an einer Lampe die Birne herausgeschraubt und den Finger in die Fassung gesteckt. Ich wollte wissen, wie viel 220 Volt sind – und habe es fast mit meinem Leben bezahlt. Das war eine saudumme Idee. Aber Scheitern muss man als Forscher immer einkalkulieren. Das Negativerlebnis als Gewinn zu begreifen, das ist Forschergeist.

Lässt die Neugierde bei der Smartphone-Generation nach?

Ich bin mit einem Lehrer aus Siegen befreundet. Der berichtet mir oft über Armutsverwahrlosung von Kindern aus prekären Verhältnissen, aber auch über wohlstandsignorante Kinder, die sich über nichts Gedanken machen. Die Qualität der Studienabgänger, die sich bei mir bewerben, hat abgenommen.

Wie würde Ihr Plädoyer für Jugend forscht vor einer Klasse lauten?

Ich würde die Jugendlichen fragen, ob es in ihrem Leben Dinge gibt, für die sie sich begeistern können. Und ob sie dazu Fragen haben. Fragen, die im Schulbetrieb nicht zufriedenstellend beantwortet werden und um deren Beantwortung man sich dann in Eigeninitiative bemüht. Wenn ich zurückschaue, bleibt es dabei: Die Teilnahme am Jugend-forscht-Wettbewerb hat sich auf jeden Fall gelohnt.