Widerspruch muss sein

Siegen.  Stammtischparolen kennt jeder, ganz besonders in Form von Ressentiments gegen Ausländer. Das „Netzwerk gegen Diskriminierung“ bietet in Siegen nun Trainings an, um zu zeigen, wie man sie kontern kann. Eines fand am Wochenende statt.

„Die Asylanten kriegen doch vom Staat alles bezahlt!“ – „Nein, das stimmt so nicht, die kriegen...“ - „Doch, natürlich! Die kriegen viel mehr als deutsche Arbeiter!“ - „Aber...“. Vielen dürfte diese „Unterhaltung“ bekannt vorkommen, viele haben sie selbst in den letzten Monaten und Jahren so oder so ähnlich geführt. Stammtischparolen gibt es nicht erst seit gestern, sie richten sich auch nicht prinzipiell gegen Ausländer. Doch durch die Flüchtlingskrise und die seit deren Beginn grassierenden Ressentiments gegenüber Fremden haben sie ganz besondere Konjunktur.

Die Unschlüssigen ansprechen

Interessiert blicken die Teilnehmer in die Runde, während jeder seine Erlebnisse mit ausländerfeindlichen Stammtischfloskeln schildert. Vor ihnen steht Jürgen Schlicher. Er berät für das Unternehmen „Diversity Works Duisburg“ Konzerne, Verbände und Kommunen in den Bereichen Diversity-Management und Anti-Diskriminierung, darunter auch die Stadt Siegen. Zudem bietet er Seminare an. Finanziert wird das Projekt von „Demokratie Leben“, einem Programm des Bundesfamilienministeriums.

„Er ist sehr gut“, lobt Gül Ditsch vom Verein für soziale Arbeit und Kultur, der sich ebenfalls an der Aktion beteiligt. Schlicher weiß, wovon er spricht. Geschickt pflückt er die einfachen Argumentationsmuster auseinander, die hinter den so genannten Stammtischparolen stecken. In Rollenspielen erkunden die Teilnehmer die Perspektiven sowohl derjenigen, die sie verwenden, als auch derjenigen, die damit konfrontiert werden.

„Egal, was man sagt, ob gute oder schlechte Argumente, es hilft nicht“, klagt eine Teilnehmerin. Oft sei keine ausreichende Grundlage an Wissen da, die Personen seien resistent gegenüber jeder Diskussion. Wie soll man damit umgehen? Und warum soll man überhaupt versuchen, jemanden zu überzeugen, wenn das Gegenüber doch unbelehrbar scheint? „Weil es oft ein Publikum gibt“, erklärt Schlicher während einer Pause im Gespräch mit dieser Zeitung. Stammtischparolen infizierten das Umfeld, wenn sie unwidersprochen blieben, so der Trainer. Es gehe nicht darum, „den NPD-Parteikader zu überzeugen“, sondern vielmehr allen Unschlüssigen zu zeigen, dass die Aussagen nicht unwidersprochen blieben.

Beleidigungen gehören zum Alltag

Etwa drei Viertel der Seminarteilnehmer arbeiten ehrenamtlich oder hauptberuflich mit Migranten und sehen sich häufig mit abschätzigen Bemerkungen oder gar beleidigenden Äußerungen konfrontiert. Doch, stellt Schlicher klar, niemand sei davor gefeit. „Oft hat man später eine richtig tolle Antwort auf diese Parolen, aber in dem Augenblick hat man sie nicht parat“, erklärt Emetullah Hokkaömeroglu von der AWO. „Es geht darum, den Menschen, die mit Zugewanderten arbeiten und immer wieder solche Parolen hören, das Handwerkszeug zu geben, um damit besser umzugehen.“

Ein Workshop dieser Art hat bereits im Sommer stattgefunden, ein weiterer soll noch folgen. Die Teilnahme ist kostenlos, Interessierte können sich über das Netzwerk gegen Diskriminierung informieren. Von morgens bis in den Nachmittag gibt es immer wieder Rollenspiele und Brainstormings. Schlicher erklärt viel, lässt die Teilnehmer aber auch oft ihre Gedanken einbringen. Viele zeigen Initiative und arbeiten engagiert mit, sie wollen künftig besser vorbereitet sein. Die Parolen werden dadurch nicht verschwinden. Doch sie werden auch nicht unwidersprochen stehen bleiben.

 
 

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