Warum Mathe glücklich macht

Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher präsentiert dem Publikum das Ergebnis seines Bastelexperiments: zwei ineinander verschlungene Herzen.
Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher präsentiert dem Publikum das Ergebnis seines Bastelexperiments: zwei ineinander verschlungene Herzen.
Foto: Nils Balke
Prof. Dr. Beutelspacher will Mathematik einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. Im Gymnasium Netphen präsentierte er verblüffende Experimente.

Netphen. Wenn Wissenschaftler die Welt erklären, verwenden sie häufig Mathematik. Sie greifen auf Zahlen, Flächen und Formen zurück. Die Mathematik gilt als leistungsstarkes Instrument, dennoch erscheint sie vielen Menschen eher als Mysterium, das weder Faszination ausübt noch einen Spaßfaktor zu bieten hat.

Ein Umstand, den Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher ändern will. Der Hochschullehrer möchte die Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. An der Justus-Liebig-Universität in Gießen forscht er am Mathematischen Institut auf den Gebieten Geometrie und Diskrete Mathematik. In der voll besetzten Aula des Gymnasiums Netphen, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, will er beim Publikum den „Aha-Moment, den Klick-Moment“ auslösen, wie er sagt: „Diesen Moment, wenn man merkt, wie alles zusammenhängt.“

Ohne Taschenrechner

Beutelspacher nimmt einen Filzstift in die Hand, schreibt an der Tafel eine Aufgabe auf ein großes, weißes Stück Papier, so dass alle im Publikum sie sehen können. Sie lautet: 996 x 885 . Der 55-Jährige, dem die Universität Siegen 2010 die Ehrendoktorwürde verliehen hat, räumt gegenüber den Zuhörern ein: „Sie werden jetzt bestimmt sagen: ‘Puh, das ist aber eine blöde Aufgabe, die ich niemals rechnen wollte.‘“ Die Zuschauer lachen, nicken, stimmen ihm zu. Der Mathe-Professor bietet naheliegende Lösungswege an: „Sie können jetzt natürlich einen Taschenrechner benutzen oder es in Google eintippen.“ Aber er kennt noch einen anderen Weg, der überraschend schnell, ohne die Verwendung technischer Hilfsmittel zum Ziel führt. In der Fachsprache heißt sie vedische Mathematik.

Und die funktioniert in diesem Fall so: Von der ersten Zahl, der 996, berechnet er die Differenz zur 1000. Ergibt 4. Von der zweiten Zahl – 885 – zieht er diese 4 ab. Ergibt 881. Beutelspacher notiert diese Zahl unter der Aufgabe. Dann kalkuliert er die Differenz von der 885 bis zur 1000 – 115 –, multipliziert diese mit der eingangs berechneten 4 und erhält 460. Auch diese Zahl schreibt er auf, aber direkt rechts neben die 881 – und präsentiert schon das Ergebnis: 881 460. Bei diesem Trick macht es offenbar bei vielen Klick. Sie applaudieren, denn in weniger als einer Minute, mit einem recht simplen Umweg beim Kopfrechnen, sind sie zum Ziel gekommen. Um genau diese Momente geht es dem Professor.

„Mathe macht glücklich“, sagt Beutelspacher, ehe er ein anderes Experiment vorführt. Dafür benötigt er keinen Stift, sondern eine Schere, Papier im Din-A-4-Format und Klebstoff. Er schneidet einen wenige Zentimeter breiten Streifen von dem Papier ab, bestreicht ein Ende mit Klebstoff, klebt den Streifen zu einem Ring zusammen, indem er den Ring einmal um 180 Grad verdreht. Das Ergebnis der Bastelei: ein Möbiusband, benannt nach dem Astronomen August Ferdinand Möbius. Das Besondere an diesem Band: Man kann nicht zwischen unten und oben, zwischen innen und außen unterscheiden. Es ist eine Fläche, die lediglich eine Kante und eine Seite hat.

Aus Liebe zur Mathematik

Beutelspacher bastelt ein zweites Möbiusband, das andersherum verdreht ist, also spiegelbildlich zum ersten Band. Er klebt beide Bänder dann so zusammen, dass sie an der Klebestelle senkrecht zueinander stehen, schneidet sie jeweils mit der Schere der Länge nach durch – und hält plötzlich zwei ineinander verschlungene Herzen in der Hand. „Oohs und Aahs“ aus dem Publikum sind zu vernehmen. „Ich habe für dieses Experiment natürlich extra rotes Papier verwendet“, merkt der Professor an. Aus Liebe zur Mathematik vermutlich. Beutelspacher ist sich sicher: „Das bauen Sie bestimmt zu Hause nach.“

2002 eröffnete Beutelspacher in Gießen mit dem Mathematikum, dessen Gründer und Direktor er ist, ein Mathematik-Museum. Wer es besucht, ist aufgefordert, sich aktiv mit den Objekten zu beschäftigen. Im Gymnasium Netphen präsentiert er noch weitere Experimente mit einfachen Materialien: Er bastelt zum Beispiel kleine Pyramiden und zeigt, wie simpel man ein gleichseitiges Fünfeck, „das ja sehr schwierig zu zeichnen ist“, aus Papier falten kann. Melvin Weiß (15), Schüler des Gymnasiums Netphen, hat der Vortrag „gut gefallen. Für die meisten Leute waren das neue und überraschende Sachen.“ Eva Pargen aus der neunten Klasse blickt voraus: „Wenn wir in die Oberstufe kommen, kann dieses Wissen bestimmt sehr hilfreich sein.“

Folgen Sie uns auch bei Facebook.

 
 

EURE FAVORITEN