Verwechslungen bis zum Abwinken

Siegen..  „So früh zurück?“ Empfängt man so den Ehegatten, einen siegreichen Feldherrn, nach langer Abwesenheit? Und es geht weiter: „Ich gab dir gestern alles, was ich habe.“ Amphitryon, der Angesprochene, hofft, dass seine geliebte Gemahlin Alkmene das nur geträumt hat. Denn gestern war er noch auf dem Nachhauseweg. Doch Alkmene ist sich sicher, am Tag zuvor mit ihrem Mann sehr intim gewesen zu sein. Das sind die Kernfragen in Heinrich von Kleists Theaterstück Amphitryon: Wer ist wer und was ist geschehen? Das Schauspielhaus Bochum brachte das Werk erfrischend frisch inszeniert auf die Bühne des Apollo.

Böser Doppelgänger

Amphitryons berechtigtes Misstrauen treibt ihn dazu, den Verlauf des Abends haarklein zu erfahren. Er befürchtet: „Wer sich eingeschlichen hat gestern Abend war ein Lotterbub.“ Doch es war Jupiter, der Gott persönlich. Der böse Doppelgänger, der Einschleicher, will jedoch nicht nur Nebenbuhler sein. Er möchte Alkmene für sich. Und bekommt sie auch mit einer Intensität, dass der gesamte Bühnenaufbau wackelt. Immer noch meint Alkmene, sie habe sich ihrem Gatten hingegeben. Dummerweise kommen zwei Wiedersehensgeschenke ins Spiel. Goldene Armreifen, einmal mit der Gravur A, des Gatten, einmal mit J, dem Identitätsdieb.

Kleist macht es noch komplizierter: Auch Sosias, Amphitryons Diener, hat in Merkur einen Doppelgänger, der mit Charis, Sosias Frau, ein ähnliches Spiel treibt. Sosias nimmt es sportlich: „11 Ehejahre erschöpfen das Gespräch“, wird dann jedoch ähnlich verdrießlich wie sein Herr. Am Ende, als keiner mehr daran glaubt, siegt doch die Wahrheit und Amphitryon wird für seine seelischen Qualen mit einem Sohn belohnt. „Ach“ bleibt das letzte Wort des Stücks, von allen gesprochen und sicherlich das bedeutendste „Ach“ der Weltliteratur.

Der Handlungsinhalt von „Amphitryon“ geht ins Jahr 700 vor Christus zurück, wurde von Molière aufgegriffen, von Heinrich von Kleist neu bearbeitet und von der Regisseurin Lisa Nielebock für das Bochumer Schauspielhaus frisch inszeniert. Den Bochumern gelingt es, das moderne Thema „Identitätsdiebstahl“, im Roman „Talk Talk“ des Amerikaners T.C. Boyle 2006 spannend beschrieben, mit Mitteln des Theaters in die Gegenwart zu transportieren. Dazu gehört auch das einfache, aber wirkungsvolle Bühnenbild: Eine drehbare, spiegelnde Metallwand mit vorgebauter Bank und der ansonsten leeren Bühne als Spielfläche. Die Wand erweist sich als beweglich und macht beim Drehen ordentlich Wind, so wie das Stück selbst.

Lust an der Kleist’schen Sprache

Von den sechs Künstlern, Apollo-Stammgästen vertraute Gesichter des Schauspielhauses Bochum, einen hervorzuheben, verbietet sich. Ein Ensemble auf Augenhöhe, ein Team, das vor Spielfreude nur so sprüht und seine Lust an der besonderen Kleist’schen Sprache in jeder Sekunde der 90-minütigen Aufführung spüren lässt.

Dabei spielen sie die Klaviatur der Gegensätze menschlicher Gefühle von Liebe, Eifersucht, Euphorie, Trauer, Lachen, Weinen, Schreien, Flüstern so meisterhaft und dicht am Publikum, wie es nur im Theater möglich ist.

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