Verschwiegene Geschichte der Netphener Sinti

Foto: ITS Arolsen

Eschenbach..  Es waren nicht nur die jüdischen Familien, die Fabers und die Lennhoffs, die von den Nazis deportiert und umgebracht wurden. Die heute 86-jährige Eleonore Schmallenbach, Schulfreundin von Anita Faber, war es, die Joachim Mertens auf die Spur setzte: „Weißt du eigentlich, dass wir in Netphen auch Zigeuner hatten?“

Mertens und Torsten Thomas, beide in der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) engagiert, nahmen die Spurensuche auf, deren erste Ergebnisse sie am Sonntagnachmittag im Feuerwehrhaus am Petersplatz vorstellen werden — im Hintergrund zu den Geschichten über die bereits im Dezember verlegten Stolpersteine. „Darüber wird man irgendwann auch bei diesen Familien reden müssen.“ Zwei Sinti-Familien waren es, vier Erwachsene und sieben Kinder, die in den Konzentrationslagern umgekommen sind.

Der Anfang der Nachforschungen war nicht leicht. Die Akte A 326 im Netphener Stadtarchiv („Zigeunerwesen 1881/1943“) enthält nur noch allgemeine Rundschreiben und ist „bereinigt“ — bis auf die verräterische Notiz des Bürgermeisters vom 22. Juni 1941: „1. Zigeuner sind hier nicht mehr vorhanden. 2. Zu den Akten.“

Ein Zufallsfund brachte Joachim Mertens und Torsten Thomas entscheidend weiter: das vom Müllhaufen gerettete Klassenbuch der aufgelösten Eschenbacher Volksschule, in dem Josef und Anton Josef Egner auftauchen, Söhne des katholischen und reichsdeutschen Korbmachers Josef Wagner und seiner Frau Ernestine Egner.

Zeitzeugen erinnern sich

Torsten Thomas nutzte seine Eschenbacher Kontakte und stieß schnell auf Menschen, die sich erinnerten. „Der Mann hat in unserem Sägewerk gearbeitet, dafür hat mein Vater Schwierigkeiten bekommen“, erzählte eine heute 80-jährige Eschenbacherin. „Eines Morgens hieß es dann, sie sind abgeholt worden“, wusste eine andere, zehn Jahre ältere Mitbürgerin. Namentlich mochte sich niemand als Zeitzeuge benennen lassen, auch nicht der Hüter des Klassenbuchs, der mit den beiden Sinti-Jungen die selbe Schulbank gedrückt hat.

Erkundigungen in Auschwitz und beim internationalen Suchdienst in Arolsen runden das Bild ab, das zu den Eintragungen in den Netphenner Melderegistern passt: Josef Wagner und Ernestine Egner mit ihren Kindern Rosa (14), Josef (12) und Anton Josef (10) sowie Peter Wagner (25) und Augustine Egner (18) mit Tochter Anna (2) meldeten am 31. Januar 1939 ihren Wohnsitz im Haus Nr. 32 in Eschenbach an; ihre Kinder Magdalene, Hildegard und Franz wurden später geboren. Anzunehmen ist, dass sie im katholischen Eschenbach sesshaft wurden, weil sie dort sicher fühlten. Sie kannten das Dorf wahrscheinlich von früheren mehrwöchigen Aufenthalten, als sie noch wandern mussten — was ihnen die Nazis dann untersagten.

„Unbekannt verzogen“

Auch Joachim Mertens hat die Geschichte von den widerständigen Johannländern gelernt und den Helgersdorfern, die sich geschlossen der Nazi-Partei verweigerten. „Aber das hat andere Dinge nicht verhindert, und über diese andere Seite der Wahrheit wurde 80 Jahre lang geschwiegen.“ Josef und Anton Josef starben in den KZs Auschwitz und Mittelbau-Dora, Peter in Dachau, Magdalene und Anna und wahrscheinlich auch Hildegard und Franz in Auschwitz. Die Spur von Augustine verliert sich in Hersfeld, die von Rosa im Frauen-KZ Ravensbrück.

„Es entsteht ein ganz anderes Bild von Netphen im Nationalsozialismus“, sagt Joachim Mertens, der sich kommunales Engagement bei der Aufarbeitung dieses Zeitabschnitts wünscht. „Die Zeitzeugen sollen ihr Wissen nicht mit ins Grab nehmen — uns läuft die Zeit davon.“ Am 9. März jährt sich der Tag der Deportation der Wittgensteiner Sinti zum 80. Mal — auch die zweijährige Hildegard ist an diesem Tag, wie es im Melderegister steht, „unbekannt verzogen“. Der Historiker Dr. Ulrich Opfermann wird dazu am 10. März einen Vortrag in Netphen halten. Torsten Thomas möchte weiter forschen. Auch nach Fotos: „Es wäre schön, wenn es Bilder gäbe, um den Menschen ihr Gesicht zurückzugeben.“

 
 

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