Ulrike Guérot: Utopie der europäischen Republik

Trotz Erkältung: Fast zwei Stunden spricht Ulrike Guérot beim Salon auf Hohenroth über ihre Thesen. Die engagierte Europäerin will die Nationalstaaten abschaffen und durch „50 oder 60 Regionen ersetzen“.
Trotz Erkältung: Fast zwei Stunden spricht Ulrike Guérot beim Salon auf Hohenroth über ihre Thesen. Die engagierte Europäerin will die Nationalstaaten abschaffen und durch „50 oder 60 Regionen ersetzen“.
Foto: Michael Kunz
  • Professorin für Europapolitik stellt ihre Thesen vor
  • Weg von Nationalstaaten, hin zu einer europäischen Republik
  • Konflikt zwischen „Abschottern“ und „Öffnern“ Europas

Netphen.  Ulrike Guérot sei verkühlt und habe „überhaupt keine Stimme. Reden wird sie aber trotzdem“, sagt Thomas Vehoff zur Begrüßung und hängt noch ein „hoffe ich“ hinten an. Aber da muss er keine Sorge haben. Die Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems sowie Gründerin und Direktorin des „European Democracy Lab“ (EDL) in Berlin enttäuscht weder ihre Gastgeber vom „Salon auf Hohenroth“ noch die rund 80 Zuhörer, die sich im ersten Stock des Waldinformationszentrums drängen. Sie ist wortgewaltig wie aus unzähligen TV-Auftritten gewohnt, redet buchstäblich wie ein Wasserfall, mithilfe einer Karaffe Tee und eines kleinen Arsenals an Erkältungsmitteln.

Europa am Scheideweg

„Europa am Scheideweg – Wie wollen wir leben?“ ist das Thema des 7. „Salons“, da kommt Ulrike Guérot mit ihrem aktuellen Buch gerade richtig. „Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie“ ist seit diesem Jahr im Bonner Dietz-Verlag zu haben, „ein SPD-naher Verlag, in dem auch Marx’ Kapital herauskommt“, stellt die Autorin fest. Die SPD sei eine dankbare Abnehmerin ihrer Ideen, die allerdings auch auf Hohenroth fast durchweg auf begeisterte Zustimmung stoßen. Die engagierte Europäerin will die Nationalstaaten abschaffen und durch „50 oder 60 Regionen ersetzen“, die sich unter dem gemeinsamen Dach einer europäischen Republik mit einem Zweikammersystem nach US-Amerikanischem Vorbild organisieren sollen. Die Herausnahme der Nationalstaaten aus dem bisherigen System soll den herrschenden destruktiven Egoismus beseitigen, die völlige politische Gleichbehandlung der Regionen die aktuelle Vormacht der „drei großen Elefanten Deutschland, Frankreich und Großbritannien“ aufheben. Dabei setzt Guérot bei der Mehrheit der Europäer trotz aller Rückschläge eine anhaltende Begeisterung für die Idee einer gemeinsamen Zukunft voraus und erklärt der Versammlung zunächst ihre eigene Motivation. Die 52-jährige Rheinländerin ist nach ihrem Studium der Politikwissenschaft 1992 Mitarbeiterin im Bundestag geworden, „mitten im Maastricht-Prozess“, hat mit Karl Lamers und Wolfgang Schäuble an deren Papier zur Vertiefung der EU gearbeitet. „Daran habe ich geglaubt, dass es immer enger wird“, sagt sie und schildert ihre immer stärker werdende Enttäuschung und Verzweiflung darüber, dass diese Entwicklung dann doch nicht eintrat. Notwendigerweise habe sie 2013 ihren Job gekündigt und „mit Einsatz diverser Lebensversicherungen“ ihr eigenes Lab aufgemacht, „in Berlin hat jeder ein Lab.“ Gegründet in einem Winkel eines vegetarischen Restaurants, „völlig krass“, arbeitete sie zunächst allein mit ihrer Freundin Viktoria Kupsch, hat jetzt aber viele Studenten als freiwillige Praktikanten, die umsonst mit an der Utopie arbeiten wollen.

Zwischen Abschotten und Öffnen

Für die kommenden Jahre sieht Ulrike Guérot einen harten Konflikt zwischen „Abschottern“ und „Öffnern“ Europas, irgendwo eine Revolution als Wegbereiterin der Republik Europa. Als ihre Hauptgegner hat sie die alten Männer ausgemacht, wie den inzwischen im Ruhestand befindlichen Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut.

Oft genug habe sie in TV-Runden „gegen vier von denen anstinken müssen, als einzige Frau“, sich schon vorher sagen lassen müssen, „Sie sind sicher die Moderatorin“, entsprechend sei sie schon „auf 80“ in die Diskussion gegangen. Daher setzt sie auf die Jungen, die weiter von Europa überzeugt seien. Vor den Zuhörern lobt sie Martin Schulz, nennt den Präsidenten des EU-Parlaments ihren Freund. Später schränkt Guérot in kleinerer Runde ein, „niemand nimmt Europa ernst, deshalb gibt es dort auch keine ernstzunehmenden Politiker. Ein Loser-Parlament!“ Sie selbst hat vor einigen Jahren ein Angebot der Grünen abgelehnt, für diese zu kandidieren. „Ich habe so viel zu schreiben“, erklärt sie, will einen Sprung in die Politik aber auch nicht völlig ausschließen: „Aber eigentlich müssen das die jüngeren machen!“

Ein Zuhörer Ulrike Guérot plädiert für ein offenes Europa, verlangt Teilen und lehnt Sicherheit weitgehend ab. Die sei kein Wert. Sicherheit komme in der Französischen Revolution und bei „unseren Helden“ wie Sophie Scholl oder Martin Niemöller nicht vor.

 
 

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