Straßenbau verbindet Ingenieure fürs Leben

Bau der Siegtalbrücke bei Eiserfeld. Vor 40 Jahren wurde das letzte Teilstück der Sauerlandlinie fertiggestellt. Foto: Landschaftsverband
Bau der Siegtalbrücke bei Eiserfeld. Vor 40 Jahren wurde das letzte Teilstück der Sauerlandlinie fertiggestellt. Foto: Landschaftsverband
Foto: Landschaftsverband

Siegen/Netphen.. Als Bundesverkehrsminister Georg Leber vor 40 Jahren, am 25. Oktober 1971, auf der Talbrücke Wintersohl das letzte Teilstück der Sauerlandlinie zwischen Lüdenscheid und Freudenberg freigab, war das auch für zwei junge Verkehrsbauingenieure aus Netphen ein besonderer Tag.

Als Bauleiter auf benachbarten Abschnitten lernten sie sich kennen. Später bauten sie gemeinsam die Eigenheime für ihre beiden Familien. Und irgendwann wurden sie Bürgermeister von Netphen. Nacheinander, für gegnerische Parteien. Das ist die Geschichte von Rüdiger Bartsch und Helmut Buttler.

Wo heute die Raststätte ist, stand in den 1960er Jahren die Betonmischanlage. „Hier ist der ganze Oberbau für die Autobahn hergestellt worden“, berichtet Helmut Buttler. Und dort stand auch eine der Barackenstädte, in der die Arbeiter übernachteten. „Die kamen montags an und fuhren freitags nach Hause.“ Allein für die bereits 1968 freigegebenen Abschnitte Lüdenscheid-Hagen und Freudenberg-Siegen-Süd der anfangs so genannten „Königin der Autobahnen“ waren 1950 Menschen im Einsatz.

Morgens Regen, mittags Beton

„Ich hatte da auch so eine Liege“, erzählt Rüdiger Bartsch. „Morgens Regen, mittags Beton“, hat er ins Bautagebuch notiert. Das bedeutete Arbeit bis in die Nacht hinein. Erst am nächsten Morgen vorbeischauen, ob alles richtig gegossen wurde, das ging natürlich nicht: „Da war ja alles schon vorbei.“

Nämlich irreparabel hart. Zweieinhalb Stunden Heimweg nach Dortmund, wo Rüdiger Bartsch anfangs noch wohnte, lohnten sich da nicht. Zweieinhalb Stunden über die B 54 – die Autobahn gab es als Schotterpiste, auf der Bartsch gerade einmal zur Baustelle kam. Mit seinem ersten Auto, einem R 4. „Auf jedem Reifen vier Reihen Spikes.“

Trostlos und einsam auf der Wilhelmshöhe

„Trostlos und einsam“ war es auf der Wilhelmshöhe, erinnert sich Helmut Buttler, „da gab es nur die beiden Gaststätten und ein Wohnhaus.“ In einer von beiden, erzählt Rüdiger Bartsch, „habe ich meinen Einstand gegeben, als ich in den Außendienst gegangen bin“ – angefangen hatte der Ingenieur 1967 in der Planungsabteilung des „Autobahnneubauamtes Sauerlandlinie 2“ in der Heeserstraße.

Da war Helmut Buttler längst da und arbeitete an der gerade entstehenden Anschlussstelle Siegen mit. „Auf der Gosenbacher Alm durfte ich in der Baubude sitzen.“ Als Buttler 1964, gerade einmal 23 Jahre jung, ins Amt kam, leitete ein anderer Netphener die Planungsabteilung: Ulf Stötzel, der spätere Gemeindedirektor und Siegener Bürgermeister. Die Sause auf der Wilhelmshöhe endete für Rüdiger Bartsch übrigens dortselbst: In der Finsternis verirrte sich der Neu-Siegerländer auf dem Heimweg.

40-Tonner kurvten über die Pisten

Erdlos I/1. Das erste von neun auf den 42 Kilometern zwischen der hessischen Landesgrenze und Wintersohl, für die das Neubauamt 2 verantwortlich war. Helmut Buttlers Aufgabe war dort, zwischen Siegtalbrücke und Freudenberg, die Überwachung der Planier- und Rodungsarbeiten. „Wie Ameisen“ seien die 40-Tonner über die Pisten gekurvt, um das von den riesigen „Scrapern“ abgekratzte Gestein abzufahren. Blieb einer liegen, wurde der von der D 9, einer – ebenfalls riesigen – Raupe „gnadenlos beiseite geschoben“.

Erdlos II/3a. „Das war ich“, sagt Rüdiger Bartsch, irgendwo zwischen Ottfingen und Gerlingen. Bartsch im Norden, Buttler im Süden, ihr Kollege Heinz Schmidt in der Mitte. Freitags nachmittags um Vier trafen sich die Bauleiter in einer Kneipe in Langenholdinghausen, sozusagen zum Informationsaustausch über die nicht vorhandenen Talbrücken hinweg. Und nicht nur dazu.

Die gleichen Familiensorgen geteilt

„Wir hatten auch die gleichen Familiensorgen“, berichtet Rüdiger Bartsch. Zu wenig Platz für zu viele Leute. Zusammen mit Dietrich Klein, einem weiteren Kollegen, gründeten sie eine Art Bauherrengemeinschaft. Als sie in Deuz bei Buttlers gemeinsam den Rohbau hochgezogen hatten, ging es bei Bartschs in Dreis-Tiefenbach bis zum Richtfest weiter, das um Silvester 1972 gefeiert werden konnte. Ganz ohne Politik lief die Sache nicht.

Rüdiger Bartsch brauchte einen Bauplatz. Helmut Buttler, seit 1969 für die SPD im Rat, vermittelte den Bauplatz in der gerade entstehenden Siedlung am Reichspfad; Ulf Stötzel war da schon längst Bauamtsleiter in Netphen. Dass die Bartschs in eine Nachbarschaft engagierter SPD-Mandats- und Funktionsträger gerieten, färbte nicht ab. Rüdiger Bartsch ging in die CDU – und löste 1994 Helmut Buttler als Bürgermeister ab.

Autobahngeschichte begann mit VW-Käfer

„Irgendwann war Schluss“, beendet Helmut Buttler, heute 70 Jahre alt und schon seit einigen Jahren nicht mehr in der SPD, seine Autobahngeschichte, die mit einem VW Käfer angefangen hat: „Ich habe auf der Autobahn fahren geübt“ – als die noch nicht freigegeben war. Buttler wechselte zur Straßenmeisterei Netphen. 2004, kurz nach dem 40-jährigen Dienstjubiläum beim Landesbetrieb Straßenbau, einem der vielen Nachfolger des alten Autobahnneubauamtes Sauerlandlinie 2, ging er in den Ruhestand.

Rüdiger Bartsch ging zurück zu den Planern, kümmerte sich um die neue B 54 zur Lipper Höhe und um die Planfeststellung für die HTS, bis er 1999 vom Posten des ehrenamtlichen auf den des hauptamtlichen Bürgermeisters wechselte. „Zweifelsohne eine Königin“, lässt Bartsch den Blick von der Raststätte über die Fahrbahn schweifen.

 
 

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